Christoph
Strawe
Marxismus und AnthroposophieVeröffentlichung
des eingescannten
*CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek:
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Inhaltsverzeichnis |
Vorwort zur Neuveröffentlichung im Internet 2002
Gründe für die Neuveröffentlichung. Der Umbruch von 1989, Globalisierung im Zeichen des Marktfundamentalismus und neue Suche nach Alternativen. Zivilgesellschaft und Dialogkultur.
Vorwort zur Buchveröffentlichung 1986
"Wo
der Dialog endet, beginnen die Waffen zu sprechen“: Perspektiven der
Humanität und aktive Toleranz. Marxismus und Anthroposophie: Zwei
Weltanschauungen mit wissenschaftlichem und praktischem Anspruch. Aufbau
der Untersuchung.
1. Zur Entstehung und Entwicklung des Marxismus
"Wie
die Philosophie im Proletariat ihre materiellen,
so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen“: Vom revolutionären Demokratismus zum
historischen Materialismus. Kritik der politischen Ökonomie.
Historische Schicksale des Marxismus. Problemfelder der Diskussion über
den Marxismus.
2. Zur Entstehung und Entwicklung der Anthroposophie
Ein
Junge mit paranormalen Fähigkeiten. Goetheanismus und "Philosophie der
Freiheit“. Von der Theosophischen zur Anthroposophischen Gesellschaft.
„Gott in die Wissenschaft und die Natur in die Religion“ einführen.
Praktische soziale Ansätze. Steiners Ausstrahlung.
1.
Atombegriff
und Lehre von den primären und sekundären Qualitäten: Geschichtliches
zum Materialismus
"Süß
und bitter, warm und kalt existieren nur nach der herkömmlichen
Meinung, und ebenso die Farben; in Wirklichkeit existieren nur die Atome
und das Leere“. Der Siegeszug der Naturwissenschaft. "Was wär‘ ein
Gott, der nur von außen stieße ...“ Von Kant zum Ausgang der
klassischen deutschen Philosophie. Stoff und Kraft: Der Materialismus
des 19. Jahrhunderts. "Grundlagenkrise der Physik“ - Krise des
Materialismus?
2.
Der
Materiebegriff des Marxismus. I. Grundfrage der Philosophie und
Leninsche Materiedefinition
"Hat
Gott die Welt erschaffen oder ist die Welt von Anfang an da?“ Die neue
Qualität des marxistischen Materialismus: Praxis und Geschichte.
Aporien des Atomismus: die Marxsche Doktordissertation und die
Engelssche Naturdialektik. Substanzbegriff und "Materie als solche“.
Materie als "erkenntnistheoretische Frage“: "Die Materie ist eine
philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die
dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben ist, die von unseren
Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und unabhängig von
ihnen existiert.“
3. Der Materiebegriff des Marxismus: 2.
Materie, Bewegung, Raum und Zeit
"Die
Bewegung ist das allgemeinste Attribut, die Daseinsweise der Materie“.
"Niemals und nirgends hat in der Welt etwas existiert oder wird etwas
existieren, was nicht Materie in ihrer Bewegung oder von dieser
hervorgebracht wäre. Darin besteht die Einheit der Welt“. "Leben ist
die Daseinsweise der Eiweißkörper“. Raum und Zeit als Daseinsweisen
der Materie - Materie ewig, unbegrenzt, unendlich.
4.
Rudolf
Steiner und der philosophische Materiebegriff
"Die
Rätsel, die sich auf Geist und Materie beziehen, muß der Mensch im
Grundrätsel seines eigenen Wesens wiederfinden“. "Ein Spiegelbild
kann nicht eine Kausa sein“. Grenzüberschreitung als logische
Konsequenz der Philosophiegeschichte. Erkenntnismäßige und soziale
Wurzeln des Materialismus. Die Sache mit Gott: Religion und menschliche
Würde. "Einzig mögliche Kritik der atomistischen Begriffe“. "Das
sinnenfällige Weltbild ist die Summe sich metamorphosierender
Wahrnehmungsinhalte ohne eine zugrunde liegende Materie“. "Das
,Innere‘ ist immer geistig“.
5.
Anthroposophische
Evolutionslehre, naturwissenschaftliches Wissen und Materialismus
Anerkennung
der Naturwissenschaft. Materie als Offenbarung des Geistes. Schöpfung
oder Evolution, eine falsche Alternative. Entstehung des Lebens, eine
falsche Fragestellung. Neue Zusammenschau der biologischen Tatsachen:
Jenseits des Darwinismus, Die die Naturreiche konstituierenden Kräfte.
„... daß in der Natur etwas Höheres wirkt als der Zweck“. Raum -
die Kategorie des bloßen Nebeneinander. "Revision des Zeitbegriffs“.
Zeit und Ewigkeit. Christus als Punkt Omega.
6.
Bewußtsein
als Produkt, Funktion und Eigenschaft der Materie. Der marxistische
Begriff des Bewußtseins
Bewußtsein als Hirnfunktion und "innerer Zustand der Materie“. Persönliche Unsterblichkeit - eine "langweilige Einbildung“. Bewußtseinsstufen, Bewußtes und Unbewußtes. Selbstbewußtsein - auch eine "Funktion des menschlichen Körpers“? "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“. "Arbeit zuerst, nach und mit ihr die Sprache ...“ Gesellschaftliche Praxis als Quelle des Bewußtseins. "Der Gedanke von der Verwandlung des Idealen in das Reale ist tief...“
7.
Rudolf
Steiner und das Problem des Bewußtseins
Denken
wir mit dem Gehirn oder denkt das Gehirn mit uns? Denken nicht ohne,
aber gegen die Organisation: Bewußtsein und Vitalprozesse. Physisches,
Vitales, Psychisches, Mentales - von den Wesensgliedern. Ich, Ich-Bewußtsein
und Hirn-Nerven-Sinnes-Organisation als Spiegelungsapparat - Eine "wirkliche Phänomenologie des Bewußtseins in bezug auf eine
funktionelle ,Ortung‘ der typischen Seelenbewegungen im physischen
Leib“ - der dreigliedrige Mensch. Schlafen, Träumen, Wachen und die
Evolution des Bewußtseins. Mensch und Tierseelisches - Sprache. Gegenständliche
Praxis und Bewußtsein. Sterbeerlebnisse - Hinweis auf nachtodliche
Existenz?´
"Die
Begriffe in den Fluß bringen, der dem Werden der Wirklichkeit
entspricht“. Denken über das Denken vom Kosmos und Entstehungsmoment
der Dialektik. Durch Gegensätze zur Wahrheit und
Wirklichkeitsentwicklung durch den Widerspruch. Aristoteles‘ Begründung
der Logik als Wissenschaft. Neuere Entwicklung: "Betrachtungen der
Naturdinge und Naturvorgänge außerhalb des großen
Gesamtzusammenhangs, in ihrem Stillstand, in ihrem Tod“. Empirismus,
Rationalismus und der Weg in den Agnostizismus: Das Ding an sich ist
unerkennbar. Die Hegelsche Dialektik: "Etwas ist lebendig, nur insofern
es einen Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den
Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten“. Logik als
Metamorphosenreihe des Begriffs. Hegel und Goethe – Organismus von
Ideen und Idee des Organismus. Die Urpflanze als Entelechie.
2.
Die
materialistische Dialektik
Hegels
Dialektik, "vom Kopf auf die Füße gestellt“. Grundgesetze der
materialistischen Dialektik: Umschlagen von Quantität in Qualität und
umgekehrt – Kampf und Einheit der Gegensätze – Negation der
Negation. Die Kategorien: in der Subjekt-Objekt-Dialektik entstandene
Knotenpunkte des Erkenntnisprozesses. Allgemeines, Einzelnes,
Besonderes. Ursache und Wirkung, Notwendigkeit und Zufall. "Freiheit
ist Einsicht in die Notwendigkeit“. "Alle Wissenschaft wäre überflüssig,
wenn Erscheinungsform und das Wesen der Dinge zusammenfielen“.
Materialistische Dialektik, eine eminent politische Angelegenheit.
3.
Steiner
und die Grundprobleme der Dialektik
Bei
Hegel "dem objektiven Geiste gegenüber der Einzelne minderwertig, zufällig“.
Aber: Dialektik "eine großartige Zucht des Denkens“. Evolution und
Involution: "Gesetz der doppelten Strömung“. Abbrechen der Allmählichkeit
und Schöpfung aus dem Nichts. Philosophie des Widerspruchs: Logik des
Raums schließt den Widerspruch aus, Logik der Zeit schließt den
Widerspruch ein. Nur der bewegte Gedanke ist mehr als ein Name ... "Die
Logik als Wirklichkeitswissenschaft wird zur Freiheitswissenschaft“. "Das Wesen ist nicht hinter seiner Offenbarung“.
4.
Der
Marxismus zum Wesen der menschlichen Erkenntnis
"Eine
voraussetzungslose Erkenntnistheorie muß sich als unmöglich erweisen
Der gesellschaftliche Charakter des Erkenntnisprozesses. "In der Praxis
muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht,
Diesseitigkeit seines Denkens beweisen“. Erkenntnis Widerspiegelung
und Abbild der Realität, nicht aber Abklatsch und tote Kopie. Die
Dialektik des Erkenntnisprozesses: Wie wird Wissen aus Nichtwissen?
Sinnliches und Rationales, Empirisches und Theoretisches, Logisches und Historisches, Abstraktes und Konkretes. Die praktische
Realisierung des Wissens. Erkennen und Werten.
5.
Die
Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners und der Marxismus
"Die
Erkenntnistheorie soll eine wissenschaftliche Untersuchung desjenigen
sein, was alle übrigen Wissenschaften ungeprüft voraussetzen: des
Erkennens selbst...“ Falsche Voraussetzungen in der Erkenntnistheorie
des Kantianismus, Rekonstruktion des Anfangs der Erkenntnis: Das
Unmittelbar-Gegebene und das Denken als hervorgebracht-gegebene höhere
Erfahrung in der Erfahrung.
Erkennen: Vereinigen von Wahrnehmung und Begriff. Die Welt ist keine
Vorstellung. Erwachen des Denkens in der Praxis und an ihr. "Wir leben,
wo wir wahrzunehmen glauben, bereits in einer begrifflich reich
durchformten Welt“ kulturell-sozialer Prägung. Widerspiegelung und
Wahrheitsproblem. Der Schein der Abstraktion. Erkennen und Handeln.
Meditation und die Stufen der höheren Erkenntnis. Steiners
Erkenntnismittel. "Mensch erkühne Dich, Deine Begriffe und Ideen als
die Anfänge eines Hellsehertums anzusprechen“.
Geschichte als "naturgeschichtlicher Prozeß“ und Spielraum des "subjektiven Faktors“. Materielle gesellschaftliche Verhältnisse, vom gesellschaftlichen Bewußtsein widergespiegelt. "In der Produktion ihres materiellen Lebens gehen die Menschen bestimmte notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein ...“ Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Die Gesellschaft: ein sozialer Organismus, in dem die Basis den Überbau determiniert. Geschichte als Prozeß der Entstehung, Entwicklung und des Untergangs ökonomischer Gesellschaftsformationen. Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft und die Frage der "asiatischen Produktionsweise“. Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus als Ende der Vorgeschichte.
Gesellschaftliche
Gesetze. "Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen, die
Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er bloß
aus sich selbst machen“. Sphäre der Zwänge, Sphäre der Freiheit und
ethischer Individualismus. Materielle Verhältnisse –
Rahmenbedingungen, nicht Determinanten des Handelns. „Ist der Mensch
prinzipiell unfrei, fällt das Problem der äußeren Umstände weg“.
Mensch als Bindeglied der historischen Epochen. Der soziale Organismus
als Gefüge von Subsystemen, zwischen denen Wechselwirkung ohne
Dominante besteht. Die Perspektive einer humanen Gesellschaft: Freiheit,
Demokratie, Sozialismus und ihre "sozialen Orte“. Kulturepochen, Ökonomie
und Bewußtseinsentwicklung. Fortschritt und das Böse als
geschichtliche Realität.
3. Die marxistische politische Ökonomie
"Der
Reichtum von Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise
herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung“. Die
Arbeitswerttheorie. Kapital und Mehrwert, Kapital als gesellschaftliches
Verhältnis. "Jagd nach Mehrwert oder Plusmacherei“ – das
ökonomische Grundgesetz des Kapitalismus. "Je ein Kapitalist schlägt
viele tot“. "Die Expropriateurs werden expropriiert“. Zirkulation
und Reproduktion. Das Transformationsproblem: Von der Mehrwert- zur
Profitrate. Leibkapital und Zins, Banken und Aktiengesellschaften.
Profit aus Grund und Boden. Die Überlebtheit des Kapitalismus. "Der
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Der
staatsmonopolistische Kapitalismus. Politische Ökonomie des
Sozialismus: Die Übergangsperiode. Planung, Leistungsprinzip,
gesellschaftliche Konsumtionsfonds. Die ökonomische Integration der
sozialistischen Staaten.
4. Steiners ökonomische Konzeption und der Marxismus
Arbeit,
angewandt auf die Natur, und Geist, angewandt auf die Arbeit. Wert als
Spannungszustand. Frage nach dem "gerechten Preis“ und "Lohnformel“. Hat die Arbeitskraft einen Wert? Produktive und
unproduktive Arbeit. Die Quelle des Mehrwerts: Freie Kapitalbildung
durch Anwendung von Geist auf Arbeit. Parasitäre Exploitation von Hand-
und Kopfarbeit und die Notwendigkeit einer neuen Wirtschaftsordnung. Die
Neutralisierung des Kapitals. Die Einkommensordnung. Die Assoziationen
von Konsumenten, Handeltreibenden und Produzenten: Die Orientierung der
Wirtschaft an den menschlichen Bedürfnissen.
5. Klassenkampf, Staat und Revolution im Marxismus
Die
Sozialstruktur und ihre Veränderungen: Im Westen keine "eingeebnete
Mittelstandsgesellschaft“, sondern fortdauernder Klassengegensatz.
Klasseninteressen und Klassenkampf. Der Weg zu einer klassenlosen
Gesellschaft und die "historische Mission der Arbeiterklasse“. Stamm,
Völkerschaft, Nation als Gemeinschaftsformen der Menschen. Staat: "entfremdetes Gattungswesen“ und
"Instrument der
Klassenherrschaft“. "Diktatur des Proletariats“ und "Absterben des
Staates“. Revolutionen: Lokomotiven der Geschichte. Der "gegenwärtige
revolutionäre Weltprozeß“. Der Kampf um den Frieden als "Hauptkettenglied des antiimperialistischen Kampfes“.
6. Anthroposophie, Klassenfrage und Politik
"Unser
Zeitalter strebt über die Stände, strebt über die Klassen hinaus“.
Fähigkeiten und soziale Stratifikation. Die Frage nach der Strategie.
Anthroposophie und Parteien. Der geschichtliche Trend: Überwindung der
Blutszusammenhänge. Gegen den Nationalismus, aber für eine "Volksseelenkunde“. Die ausgleichende Aufgabe Mitteleuropas. Der
Staat stirbt nicht ab, aber er zieht sich auf sein Gebiet zurück.
Friedensbewegung und Friedensfähigkeit. Bewußtseinsrevolution.
7. Moral, Kunst, Religion, Wissenschaft und menschliche Persönlichkeit im Marxismus
Gesellschaftliche Psychologie und Ideologie. Moral, Kunst, Religion, Politik und Recht, Wissenschaft. Vereinbarkeit von Kunst und Wissenschaft, Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft. Religion: "Heiligenschein des Jammertals“. Sozialökonomische Abhängigkeit und relative Selbständigkeit der Bewußtseinsformen. Individualismus = Egoismus? Die Rolle der Persönlichkeit: "das wirkliche individuelle Gemeinwesen“. Biologisches und Soziales. Der Primat der Gemeinschaft. Die Persönlichkeit in der Geschichte: keine quantité negligeable, aber auch keine geschichtsmächtige Kraft.
Kunst
– "sinnliches Scheinen der Idee“? Anthroposophie und Religion. "Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls“ und
"Christus
in mir“. "Was lebt seither in der Erde? Der Logos selbst, der durch
Golgatha der Geist der Erde wurde ...“
Selbsterlösung? Evangeliendeutung und Wunderglaube. Eine neue
Sicht der Religionsgeschichte. Etatisierung des Christentums und
Notwendigkeit religiöser Erneuerung. Wissen und Glauben – "Der
Geist erforscht alles, auch die Tiefen der Gottheit“. "Reinkarnation
und Karma, von der modernen Naturwissenschaft geforderte
Vorstellungen“: Die Überwindung des Urzeugungsglaubens in bezug auf
die Entstehung der menschlichen Individualität. Selbsterzeugung nicht
nur der Gattung, sondern der Individualität durch Arbeit. Realer
Humanismus und Würde der Individualität.
9. Pädagogische Konzepte - Ein Ausblick
Erziehungsfrage
als soziale Frage. Sozialistische Kulturrevolution und
Chancengleichheit. Entwicklungspsychologische Prämissen. Die
Waldorfschule – eine ,Kulturtat“, die "reformierend,
revolutionierend“ im Schulwesen wirken soll. Erziehung zur Freiheit.
Eine "Pädagogik der Zukunft“, eine "Menschheitspädagogik“.
Anhang:
Rolle und Aufgaben
des Marxismus – Seine verschiedenen Ausprägungen und sein Verhältnis
zur Anthroposophie
Vorwort zur Neuveröffentlichung 2002 |
Über
16 Jahre sind seit der Veröffentlichung von „Marxismus und
Anthroposophie“ vergangen. Das Buch, 1986 im Klett-Cotta Verlag
publiziert, ist seit langem vergriffen. Seit seinem Erscheinen sind
gewaltige Veränderungen in der Welt vor sich gegangen. Die historische
Konstellation, aus der heraus der Text entstanden ist, besteht nicht mehr.
Der Zusammenbruch des Staatssozialismus 1989 lässt für viele jede
weitere Auseinandersetzung mit dem Marxismus, zumal noch in seiner
leninistischen Variante, als überflüssig erscheinen. Dennoch wurde in
den letzten Jahren häufiger der Wunsch an mich herangebracht, den Text
wieder als Arbeitsmaterial zugänglich zu machen. Dem bescheidenen Versuch
- in „dialogischer“ Art - eine Einführung in die Denkweise des
Marxismus und der Anthroposophie zu bieten, können offenbar immer noch
besonders solche Menschen etwas abgewinnen, die selber um ihre geistige
Position ringen und dabei den Brückenschlag zwischen moderner Spiritualität
und moderner sozialer Praxis suchen. Da eine Neuauflage in Buchform nicht
realistisch ist[1],
bot sich die Veröffentlichung im Internet an.
In
meinem Entschluss dazu wurde ich durch die Entwicklung der letzten Jahre
bestärkt. Inzwischen ist überdeutlich, dass aus dem Zusammenbruch des
Staatssozialismus keineswegs jene gerechtere und friedlichere Welt
hervorgegangen ist, die viele erhofft und manche bereits als
eine Art kommenden Endzustand der Geschichte betrachtet hatten. Seit den
90er Jahren sprechen wir von der Globalisierung als dem beherrschenden
Umgestaltungstrend unserer Zeit. Diese Globalisierung vollzieht sich unter
neoliberalem Vorzeichen - dem des marktwirtschaftlichen Kapitalismus - und
führt dabei zu Verhältnissen, die alte Diagnosen des Marxismus wie
diejenige der Unterordnung der gesamten Welt unter die Interessen der mächtigsten
Konzerne erst im umfassenden Sinne realitätsgemäß erscheinen lassen.
Gleichzeitig wird heute - nach dem Zusammenbruch - kein vernünftiger
Mensch mehr die sozialen Therapievorschläge des Marxismus für richtig
halten können, nur weil sich Teile der Diagnose doch bewahrheiten. Gibt
es einen Weg jenseits von Staatssozialismus und Marktfundamentalismus?
Diese Frage ist heute brennender denn je geworden. Im inhaltlichen und
methodischen Ansatz einer „Dreigliederung des sozialen Organismus“
liegen meiner Auffassung nach viele unausgeschöpfte Möglichkeiten, die
helfen können, einen solchen Weg zu bahnen. Auch deshalb erscheint die
Neuveröffentlichung gerade jetzt gerechtfertigt.
Die
globale Zivilgesellschaft, die sich der heutigen neoliberal verzerrten
Globalisierung entgegenstellt, sucht nach Alternativen, nach Formen einer
menschengerechten Globalisierung. Ihre Akteure kommen aus den
verschiedensten Richtungen. Im Gegensatz zur vorherrschenden Tendenz in früheren
sozialen Bewegungen ist den meisten von ihnen klar, dass die Einheit der
Zivilgesellschaft nur eine Einheit in der Vielfalt sein kann, dass das
Prinzip der Diversität gehegt und gepflegt werden muss. Damit aber wird
der Dialog ihr Lebenselement: Sozial wirksam im guten Sinne können Ideen
nur werden, wenn sie im Dialog bewegt werden und Menschen zur
Zusammenarbeit anregen. So mag mein damaliger Versuch, Unterlagen für
einen Dialog zu schaffen, ohne dabei in billige Formelkompromisse zu
verfallen, gerade heute neues Interesse hervorrufen. Ich treffe denn auch
in der zivilgesellschaftlichen Bewegung auf eine Reihe anderer Menschen,
die - weil sie keine Wendehälse wurden - nach wie vor ihre methodische
und inhaltliche Beschäftigung mit dem Marxismus nicht verleugnen wollen,
zugleich aber wissen, dass in vielen Fragen neue Wege beschritten werden müssen.
Seit
1986 war ich an mancherlei Projekten und Initiativen beteiligt, bei denen
versucht wurde, auch auf einzelnen Frage der sozialen Gestaltung
konkretere Antworten zu geben, als es seinerzeit, schon durch die
grundrissartige Gestaltung des Textes, möglich gewesen wäre. Diese Beiträge
sind in verschiedenen Zeitschriften, vor allem in dem von mir seit 1990
redigierten Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus erschienen.
Auch die Internet-Seiten von www.sozialimpulse.de
enthalten eine ganze Menge von Beiträgen und Gesichtspunkten zu solchen
einzelnen Fragen einer menschengerechten Gestaltung der Sozialprozesse und
insbesondere der Globalisierung. Aber gelegentlich schaue ich selbst gerne
wieder auf jenen Versuch von 1986 mit seinen grundsätzlichen Überlegungen
zurück.
Über
die Motive und die Vorgeschichte der Erstauflage kann man sich aus dem
damaligen Vorwort unterrichten, - nur einen Aspekt meiner Motivation möchte
ich hier verdeutlichen: Als ich das Buch schrieb, da wollte ich nicht nur
meine eigene Position gegenüber Marxismus und Anthroposophie klären. Es
verbanden sich mit der Veröffentlichung auch politische Intentionen.
Damals nährte Gorbatschows Perestrojka die Hoffnung auf einen aufgeklärteren
Marxismus, auf eine friedliche Transformation des Staatssozialismus in
einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Damit schien zugleich
die Möglichkeit einer Welt verbunden zu sein, in der Entspannung Mittel
freisetzen würde, um die Lösung der Entwicklungs- und Umweltprobleme
endlich energisch in Angriff nehmen zu können. Sich dem Dialog mit einem
solchen Marxismus zu stellen, davon könnte auch die Anthroposophie nur
gewinnen, so mein Gedanke damals. Ich hoffte auch, mit dem Buch dazu
beitragen zu können, dass sich anthroposophisch orientierte Menschen in
größere Zahl auf die Sozialimpulse der Anthroposophie besinnen würden,
die ich nur als stark zurückgedrängt erleben konnte. Für die
sozialistischen Länder würde es eine Bereicherung sein, wenn
Waldorfschulen und ähnliche Einrichtungen in ihnen eine freie Wirkungsmöglichkeit
erhielten - wie es sich für mich damals beispielsweise in der am Ende des
letzten Kapitels zitierten Aussage einer Verantwortlichen aus Bulgarien
als Möglichkeit andeutete.
Heute
wissen wir, dass es anders gekommen ist. Der Sozialismus transformierte
sich nicht, er kollabierte. Dieser Zusammenbruch vollzog sich größtenteils
friedlich und viele seiner Akteure strebten nach einer gesellschaftlichen
Erneuerung, die eine Art dritten Weg zwischen bisherigem Sozialismus und
westlichem „Kapitalismus“ darstellte.
Im
Frühjahr 1989 war ein Buch von Rolf Henrich erschienen - dem späteren
Mitbegründers des „Neuen Forum“, das eine so wichtige Rolle für die
„Wende“ in der DDR spielte.[2]
Der Autor, der aufgrund der Veröffentlichung Repressalien ausgesetzt war,
bekannte sich in ihr zum Arbeitsansatz der Dreigliederung als
gesellschaftlicher Alternative. Ich lud Henrich zu einer Tagung in
Stuttgart ein, die aus Anlass des 200. Jahrestages der Französischen
Revolution und des 70. Jahrestags der Dreigliederungsbewegung von 1919 für
November 1989 einberufen worden war.
Ebenfalls
im Frühjahr 1989 hatte ich bereits über Notwendigkeiten und Möglichkeiten
gesprochen, eine breitere Wirksamkeit für die Dreigliederung des sozialen
Organismus zu entfalten. Damals hegte ich noch gewisse Hoffnungen, die
sich aber dann nicht erfüllten, dass es mir mit anderen zusammen gelingen
könne, die Anthroposophische Bewegung als Ganze für eine solche
Wirksamkeit zu begeistern und dabei einen Zusammenschluss mit anderen
erneuerungswilligen Kräften zu erreichen.
Ich
ergriff die Initiative, ein Netzwerk für Dreigliederung zu knüpfen.
Dieses Unternehmen wurde am Rande der erwähnten Stuttgarter Tagung begründet
und arbeitet seither kontinuierlich.[3]
Zu dieser Arbeit gehört auch die Herausgabe des erwähnten Rundbriefs.
1989
verdichtete sich auch meine bereits 1987 begonnene Zusammenarbeit mit dem
Unternehmensberater und Sozialwissenschaftler Udo Herrmannstorfer, durch
die ich seither in allen Fragen der sozialen Umgestaltung eine große
Bereicherung erlebt habe. Die gemeinsame Erfahrung, dass die historische
Konstellation des Jahres 1989 vor allem deshalb nicht zu einer
gesellschaftlichen Erneuerung genutzt werden konnte, weil zu wenige
Menschen auf das eigene konstruktive Eingreifen vorbereitet waren, führte
dazu, dass wir 1991 eine überregionale Fortbildungsreihe für tätige
Menschen zu Grundlagen und Praxis der Dreigliederung des sozialen
Organismus ins Leben riefen. Sie steht unter dem Titel „Individualität
und soziale Verantwortung“ und wird bis heute kontinuierlich fortgeführt.
Im Zusammenhang mit der Fortbildungsreihe wurde im Herbst 1991 auch das
Institut für soziale Gegenwartsfragen e.V. Stuttgart begründet. Über
das seither Unternommene informieren unter anderem auch diese
Internetseiten.
Beim
Ende des „real existierenden Sozialismus“ hatte ich die ernüchternde
Erfahrung machen müssen, dass nur eine winzige Minderheit der ehemaligen
Verantwortungsträger, deren Weltbild durch Marx, Engels und Lenin geprägt
war, an einer wirklichen Aufarbeitung ihre Erfahrungen und einer
Weiterentwicklung und Umschmelzung ihrer Ideen interessiert waren. Es war
die Stunde der Wendehälse, die von 150prozentigen Marxisten-Leninisten zu
ebenfalls 150prozentigen Marktfundamentalisten mutierten. Schon in den
Jahren 1986 bis 1988 ist es nur vereinzelt zu Debatten zwischen
organisierten Marxisten und Anthroposophen gekommen, die an das Buch
anschlossen. Dagegen hat es viele Einzelne auf zum Teil verschlungenen
Wegen erreicht - und immer noch begegne ich Menschen, die mir eröffnen,
die Lektüre habe damals für ihren eigenen Selbstverständigungsprozess
eine hilfreiche Rolle gespielt.
Mit
der „Battle of Seattle“ 1999[4],
dem Widerstand der Zivilgesellschaft gegen die Welthandelsorganisation
WTO, ist wiederum eine neue Konstellation in der Welt entstanden. Es gibt
neben den alten politischen und ökonomischen Gewalten mit der
Zivilgesellschaft eine dritte Kraft. Viel wird davon abhängen, ob die
Menschen, die sich zu dieser Kraft verbinden, eine wirkliche soziale
Kulturbewegung bilden können. Dafür müssen sie nicht nur mit den äußeren,
sondern auch mit inneren Anfechtungen fertig werden. Bewusste Erneuerer
kennen aus der Selbstbeobachtung die immer virulente Gefahr des Rückfalls
in altes Denken. Daher erfordert zivilgesellschaftliches Engagement eine
immer neue geistige Auseinandersetzung.
Durch
die Teilnahme an dieser Bewegung für eine gerechtere Form der
Globalisierung hat sich auch für meine Tätigkeit vieles geändert. Neue
zusätzliche Zusammenarbeitsverhältnisse sind entstanden - mit Menschen
wie Nicanor Perlas aus den Philippinen und anderen FreundInnen des
neuformierten Global Network for Social Threefolding beispielsweise. Die
Initiative Netzwerk Dreigliederung ist beteiligt am Weltsozialforum in
Brasilien und ähnlichen Ereignissen. Durch all dies gewinnt der Text
vielleicht eine neue zusätzliche Farbe: als Beitrag zum Gespräch über
das große Thema der Zivilgesellschaft, dass und wie eine andere Welt möglich
sei.
Ich
fand bei erneuter Durchsicht des Textes, dass Ergänzungen kaum nötig
waren. Die einzige
größere Änderung besteht in der Anfügung eines Anhangs „Rolle und
Aufgaben des Marxismus - seine verschiedenen Ausprägungen und sein Verhältnis
zur Anthroposophie“. Es handelt sich dabei um das dritte Kapitel meiner
1988 erschienenen und ebenfalls vergriffenen kleinen Schrift „Der
Umbruch in der Sowjetunion - Mitteleuropäische Perspektiven“[5].
Ich habe es deshalb angefügt, weil der Text von 1986 hauptsächlich die
Diskussion mit dem „Marxismus-Leninismus“ aufnimmt, während andere
marxistische Strömungen kaum berücksichtigt werden konnten. In dieser
Hinsicht bietet der Anhang eine Ergänzung.
Die
Veröffentlichung wäre nicht ohne die selbstlose Mithilfe von FreundInnen
möglich gewesen, die den eingescannten Text der Buchausgabe kritisch
durchgesehen haben.[6]
Lili Lehmann, Marc Weber und Thomas Tremmel sei hierfür sehr herzlich
gedankt.
Die
Arbeit widerspiegelt mein eigenes Ringen um Verständnis für die
sozialen und weltanschaulichen Gegenwartsfragen. Ich veröffentliche sie
hier in der Hoffnung, dass sie andere Ringende anregt und ermutigt.
29.
Dezember 2002
Christoph
Strawe
[1] Kosten und damit der Preis wären unangemessen hoch, zumal es sich bei dem Buch ja nicht gerade um „leichte Kost“ handelt, sondern um teilweise schwierige philosophische Probleme.
[2] Rolf Henrich: Der vormundschaftliche Staat - Vom Versagen des real existierenden Sozialismus. Reinbek bei Hamburg, April 1989.
[3] Eine ausführlichere Darstellung der Entwicklung dieser Dreigliederungsarbeit findet man in: C. Strawe: 10 Jahre Initiative „Netzwerk Dreigliederung“ - Bestandsaufnahme - Aufgaben - Perspektiven. In: Rundbrief Dreigliederung des sozialen Organismus, Nr. 4/1999.
[4] Vgl. zu dieser „Schlacht von Seattle“, dem Ort einer Ministerkonferenz der WTO: Maria Mies: Globalisierung von unten - Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne, Hamburg 2001.
[5] Das Buch erschien seinerzeit im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag am Goetheanum, Dornach/Schweiz.
[6] Vom neuen Vorwort abgesehen, wurde im Text die alte deutschen Rechtschreibung beibehalten.
Vorwort zur Ausgabe von 1986 |
Mit dieser Arbeit liegt zum ersten Mal eine vergleichende Untersuchung des dialektisch-historischen Materialismus (Marxismus)[1] und der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners (Anthroposophie) vor. Diese beiden wichtigen Gegenwartsströmungen werden hier nach ihrem Beitrag zu philosophisch-weltanschaulichen Grundproblemen befragt: Verhältnis von Materie und Bewußtsein, Rolle und Leistungsfähigkeit von Denken und Erkenntnis, Menschen- und Geschichtsbild und seine praktischen Konsequenzen für eine Humanisierung der Gesellschaft. Indem sich die jeweiligen Positionen zu diesen Problemen ineinander abspiegeln, werden die Probleme selbst verdeutlicht, Ansätze zu einem Dialog werden sichtbar. Konfrontation und Synopse sind nicht nur ein Beitrag zur philosophisch so notwendigen Erforschung der zeitgenössischen Ideenströmungen. Die Arbeit will ihren Beitrag leisten zur Überwindung geistiger Ghettobildung und zur Förderung einer aktiven Toleranz. In einer von Gegensätzen zerrissenen Welt werden Toleranz und Dialog immer wichtiger: Wo der Dialog endet, beginnen die Waffen zu sprechen.
Die Erwartungen, die in diesen Vergleich gesetzt werden dürfen, hängen mit dem Status der beiden behandelten Richtungen zusammen. Der Marxismus prägt wie wenig andere Strömungen das Gesicht unserer Epoche:
Auf einem Drittel der Erde ist er die führende Ideologie und bestimmt das Leben der Menschen; er spielt eine immer noch wachsende Rolle in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas und beeinflußt - auch nach dem Abklingen des „Marxismus-Schubs“ der 60er und 70er Jahre - das Denken und Handeln von Menschen in den westlichen Industrieländern. Bei praktisch keiner der Lebensfragen unserer Zeit - der Friedensfrage, der Frage nach der Gesellschaftsordnung, nach dem Menschenbild - kann man am Marxismus vorbeigehen. Jeder, der sich nicht gewaltsam täuschen will, müßte sich das eingestehen, denn auch die Veränderungen in einem Land wie der Sowjetunion, deren Zeuge wir heute werden, sind eines jedenfalls nicht: eine Abkehr vom Marxismus.
Die Anthroposophie ist, was Bekanntheit und Verbreitung angeht, mit dem Marxismus natürlich nicht zu vergleichen. Trotzdem ist bereits heute unübersehbar, daß das wachsende Interesse an ihr keine konjunkturelle Angelegenheit ist. Vielmehr hängt es damit zusammen, daß die Anthroposophie über eine enorme Spannweite verfügt und sich auf zahlreichen Arbeitsfeldern - von der Pädagogik bis hin zur Medizin - erfolgreich zu betätigen vermag. Von wesentlicher Bedeutung ist auch die Tatsache, daß Anthroposophie sich in einen Gegensatz stellt zu jener im Westen vielfach herrschenden Wissenschaftsgesinnung, der die Antworten auf Grundfragen menschlicher Existenz als bloße Glaubenssache gelten. Demgegenüber wird sowohl im Marxismus wie in der Anthroposophie die Auffassung vertreten, es lasse sich über diese Fragen in wissenschaftlich begründeter Weise sprechen.
Beide, Marxismus und Anthroposophie, wollen einen prinzipiellen Agnostizismus - das Postulat unübersteiglicher Erkenntnisgrenzen - nicht gelten lassen. Beide streben nach der denkerischen Ausgestaltung einer Welt- und Lebensanschauung, die keine Frage ausklammert. Gerade dadurch erscheint ein Vergleich der beiden Strömungen interessant und fruchtbar.
Die Schwierigkeiten, denen sich der hier vorgelegte Versuch gegenübersah, dürfen nicht unterschätzt werden: Sie beginnen damit, daß das Werk Rudolf Steiners noch niemals in bezug auf ein solches Themenspektrum zusammenhängend untersucht worden ist, und enden mit den Problemen, die die einzelnen Themenkomplexe schon als solche bieten. Der Forschungsstand würde es rechtfertigen, jeden einzelnen dieser Komplexe zum Gegenstand einer eigenen Monographie zu machen. Doch war der Anfang notwendigerweise mit einer Gesamtdarstellung zu machen, um zunächst das Wesentliche und Ganze in den Blick zu bekommen. Um ein erstes Gesamtbild des Marxismus und der Anthroposophie zu bekommen, muß der Leser daher nicht zusätzlich auf andere Darstellungen zurückgreifen. Daß bei dieser Herangehensweise einzelne Aspekte nur umrißhaft dargestellt werden konnten, mußte dafür in Kauf genommen werden.
Im Vordergrund stand immer wieder die Frage nach der Möglichkeit eines wissenschaftlich begründeten, philosophisch unterbauten Weltbildes. Davon zeugt auch der Aufbau des Ganzen, bei dem systematische Problemstellungen im Vordergrund stehen. Der historische Aspekt tritt dafür zurück[2] und beschränkt sich im wesentlichen auf einen Abriß von Genesis und Entwicklung beider Strömungen in der Einleitung sowie auf die beiden Kapitel zur Wissenschafts- und Philosophiegeschichte zu Beginn des ersten und zweiten Hauptteils. Auf diese beiden Kapitel konnte im Interesse eines tieferen Verständnisses für den Hintergrund der zwischen Marxismus und Anthroposophie kontroversen Punkte nicht verzichtet werden, auch wenn sie dem philosophisch weniger vorgebildeten Leser wohl die meisten Schwierigkeiten bereiten werden. (U.U. wird er sie zunächst zurückstellen können.)
Im ersten Hauptteil geht es um das Verhältnis von Materie und Bewußtsein. Das entspricht der prinzipiellen Bedeutung dieses Problems für Naturbegriff und Menschenbild: Nicht umsonst hat es der Marxismus mit seiner „materialistischen Dialektik“ zum Kernpunkt der Auseinandersetzung um eine „wissenschaftliche“ Weltanschauung gemacht. Wie man die Frage nach der Autonomie des Bewußtseins beantwortet, welche Möglichkeiten man der Erkenntnis zubilligt, welchen Freiheitsspielraum des einzelnen man in der Geschichte sieht, wie man die Strukturen einer humanen Gesellschaft bestimmt, all das hängt in der Tat entscheidend mit ab von der Antwort auf diese Grundfrage. Daher mußte auch in der Darstellung von ihr ausgegangen werden. Materie und Bewegung bzw. Energie, Raum und Zeit, die Evolutionstheorie und das Verhältnis von Geistig-Seelischem und Psychischen sind Themen dieses ersten Teils.
Der
zweite Hauptteil behandelt darauf aufbauend die Probleme von Dialektik,
Logik und Erkenntnistheorie. Das Erfassen von Leben und Bewegung durch
das Denken, die Voraussetzungslosigkeit von Erkenntnistheorie, die
Wissenschaftlichkeit der von beiden Richtungen eingesetzten
Erkenntnismittel, das sind Fragen, die hier eine Rolle spielen.
Im dritten Hauptteil geht es dann um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in bezug auf „Geschichte, Gesellschaft und Persönlichkeit“: um das materialistische Geschichtsschema und die anthroposophische Freiheitsphilosophie, um das Verhältnis von körperlicher und geistiger Arbeit in der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung, um Klassenkampfstrategie und Bewußtseinsrevolution. Die Darstellung kulminiert in einer Gegenüberstellung von materialistischer Religionskritik und anthroposophischer Christologie und mündet in die Frage, ob der Wesenskern der menschlichen Persönlichkeit aus materiellen Faktoren ableitbar ist oder aus sich selbst heraus erklärt werden muß, wie es Steiner mit dem Gedanken der Reinkarnation anstrebt.
Am Schluß des Vorworts soll eine persönlich gefärbte Bemerkung stehen:
Ende der 60er Jahre war ich wie viele aus meiner Generation, die an der damaligen Jugend- und Studentenbewegung teilnahmen, fasziniert von der marxistischen Utopie einer ausbeutungs-, herrschafts- und aggressionsfreien Gesellschaft und von der Verbindung von Theorie und Praxis im Marxismus. Bei einem Teil der kritischen Intelligenz hielt diese Faszination nicht an. Zweifel am marxistischen Totalerklärungsschema begannen sich einzuschleichen. Die Frage, welche Konzepte am ehesten geeignet wären, einen Ausweg aus den ökonomischen und ökologischen Problemen und aus der Sinnkrise der Gegenwart zu finden, war letztlich wieder offen. Bei einigen führten die Suchbewegungen, die sie einmal zu Marx geführt hatten, nun zu Steiner: Der Titel von Joseph Hubers „Kursbuch“-Artikel von 1979 - „Astral-Marx“ - drückt das leger, aber treffend aus.
Mich hatte die materialistische Philosophie des Marxismus, die ich noch in meiner Dissertation vertreten hatte, letztlich immer weniger befriedigt. Als ich schließlich das Erkenntnisexperiment „Anthroposophie“ begann (ich hatte von der Sache bereits seit langem Kenntnis), versuchte ich, nicht dezisionistisch vorzugehen, sondern die eigenen Denkschritte und Erfahrungen immer wieder kritisch zu reflektieren. Dies - und Diskussionen mit marxistischen Freunden - führte dazu, daß die möglichen Einwände materialistischer Ideologiekritik gegen Steiner und die Anthroposophie bei der Untersuchung immer präsent waren. Das Ergebnis, daß Steiners Ansatz dieser Probe erstaunlich gut standgehalten hat, darf vorweggenommen werden. Auch wenn ich letztlich der Anthroposophie die weitere Perspektive zubilligen muß, so habe ich mich in dieser Arbeit doch bemüht, die Schule des Marxismus, durch die ich gegangen bin, nicht zu verleugnen, sondern gegenüber manchen Mißverständnissen das Berechtigte am Marxismus zu verdeutlichen. Ich bin damit Steiners Weigerung gefolgt, den Materialismus zum Zerrbild zu machen.[3]
Nicht das Ziel - gesellschaftliche Erneuerung vom Menschen her - unterscheidet Marxismus und Anthroposophie grundlegend, sondern die Antwort auf die Frage, ob das materialistische Weltbild einen „realen Humanismus“ stützt oder verhindert. Die Aufarbeitung des Verhältnisses von Marxismus und Anthroposophie ist mehr als eine Frage intellektueller Redlichkeit. Es geht u.a. auch darum, ob in den so notwendigen Ost-West-Dialog die großen Fragen einfließen können, die mit dem Sinn der menschlichen Existenz zusammenhängen.
Es bleibt noch zu erwähnen, daß „Marxismus und Anthroposophie“ im Frühjahr 1986 der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jyväskylä/Finnland als philosophische Forschungsarbeit eingereicht wurde. Ich möchte an dieser Stelle den beiden Gutachtern danken, dem Marxisten Prof. Juha Manninen und dem Anthroposophen Prof. Oskar Borgmann Hansen, sowie Prof. Reijo Wilenius, dem Anthroposophen, Philosophen und engagierten Mann der Friedensbewegung, der die Arbeit betreut hat.
Christoph Strawe
[1] Der einzige vorliegende ernsthafte Versuch einer Gegenüberstellung, J. Hubers Aufsatz von 1979, beschränkt sich weitgehend auf Essentials der ökonomischen Konzeptionen. Im Anmerkungsteil werden die Primärquellen aus Platzgründen in der Regel nur mit den Bandnummern der Marx-Engels-Werke (MEW), der Lenin-Werke (LW) und der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) zitiert; die übrige Literatur in der Regel nur mit dem Namen des Autors und dem Erscheinungsjahr der benutzten Ausgabe. Genauere Angaben entnehme man dem Literaturverzeichnis.
[2] Deshalb wurde auch darauf verzichtet, alles zusammenzutragen, was es an Äußerungen der einen über die andere Seite gibt, während andererseits auch Sekundärliteratur herangezogen wurde, wo es sich für die Problemstellung und den Diskussionsstand als wichtig erwies.
Der Marxismus hat die Anthroposophie bisher ohnehin kaum wahrgenommen. In anthroposophischen Kreisen dagegen sind heute hauptsächlich die negativen Äußerungen Steiners über Oktoberrevolution und Marxismus bekannt, die man unter dem Aspekt der Kritik am Materialismus und Kollektivismus verstehen muß. Diese Äußerungen müssen jedoch im Kontext mit anderen, positiveren, gelesen und gewichtet werden. So heißt es etwa in GA 185, 5. 147ff., zum Kommunismus: ,,Dasjenige, um das es sich handelt ist, das man wirklich studiert, welche in einem gewissen Sinne berechtigten Forderungen sich da von einer Seite erheben. Und man kann eine Weltanschauung und eine Lebensauffassung finden, welche zu sagen wagen darf: Dasjenige, was Ihr wollt mit euren unvollkommenen Mitteln, erlangt ihr, wenn ihr den Weg der hier (in der ,,Philosophie der Freiheit“, CS) verzeichnet wird, geht, und noch vieles andere [...]“ Auch Steiners Einschätzung Lenins als eines ,,ehrlichen und geistig nicht unbedeutenden Menschen“ gehört hierhin (gegenüber George Adams, nach: Wir erlebten Rudolf Steiner, 1980, S. 16).
[3]
GA 18, I, S. 10.
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