Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - Einleitung
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Einleitung

Zur Entstehung und Entwicklung des Marxismus

Karl Marx wird 1818 als Sohn einer liberalen, zum Protestantismus konvertierten jüdischen Familie in Trier geboren. Schon früh zeigt sich das biographische Motiv der Hingabe an große Menschheitsziele. Wer nur für sich, nicht für die Menschheit schaffe, heißt es im Abiturientenaufsatz von 1835, könne ,,wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein[...]“[1]

Von 1835 ab studiert Marx Rechtswissenschaft und Philosophie in Bonn und Berlin. Europa hat die französische Revolution erlebt, und auch in Deutschland formiert sich der Widerstand der Demokraten gegen die fürstlich-feudalen Gewalten. Marx gerät bald unter den Einfluß der Philosophie Hegels. Er verkehrt im Kreis der Junghegelianer, d.h. der radikal gesinnten Hegelschen Linken. 1841 promoviert er in Jena mit einer Arbeit ,,Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ - er vertritt zu dieser Zeit bereits die Position des Atheismus, aber noch nicht die eines konsequenten Materialismus. Nach dem Scheitern der Hoffnungen auf einen Lehrstuhl beginnt er eine Tätigkeit als Redakteur der ,,Rheinischen Zeitung“, und diese Arbeit konfrontiert ihn mit den sozialen Fragen, was sich z.B. in Artikeln über die Lage der Moselwinzer und über das ,,Holzdiebstahlgesetz“ niederschlägt.[2]

1843 flüchtet der Jungvermählte aus der Enge der deutschen Verhältnisse nach Paris, wo er mit Arnold Ruge zusammen die ,,Deutsch-Französischen Jahrbücher“ herausgibt, die aber nur bis zum ersten Band gedeihen. Er setzt sich mit dem ,,utopischen Sozialismus“ von Saint-Simon, Fourier, Blanc und Proudhon auseinander. Diese stützen sich auf die Ideen der französischen Aufklärer, besonders ihre Milieutheorie. Die radikalsten Aufklärer - z. B. Holbach - bekannten sich offen zum Materialismus, den Marx und Engels später als ,,logische Basis des Kommunismus“ bezeichnen werden.[3]

Unter dem Einfluß der materialistischen Philosophie Ludwig Feuerbachs wendet sich Marx von Hegel ab; er verfaßt eine Kritik des Hegelschen Staatsrechts. Das Zeitklima seit dem Beginn der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts ist dem Materialismus günstig: die Triumphe der naturwissenschaftlichen Forschung, die eine immer weitergehende Naturbeherrschung durch die Technik ermöglichen, läßt vielen die Existenz Gottes als eine Hypothese erscheinen, die man nun - wie Laplace einmal gegenüber Napoleon formulierte - nicht mehr nötig hat. Dies um so mehr, als die Art und Weise, in der die Kirchen auf die naturwissenschaftliche Herausforderung reagieren, denkenden Zeitgenossen als Beweis der inneren Unwahrhaftigkeit der Religion vorkommen muß.[4] Marx will jedoch nicht bei der ,,Kritik des Himmels“ stehenbleiben, sondern sich der ,,Kritik der Erde“ zuwenden: ,,Die Kritik der Religion ist [...] im Keim die Kritik des Jammertals, dessen Heiligenschein die Religion ist.“[5] Marx hat den Schritt über den revolutionären Demokratismus hinaus zum Sozialismus vollzogen und die Partei des sich mit Technik und Industrie entwickelnden Proletariats genommen, das damals begonnen hatte, sich gegen seine elende Lage zu wehren und die Realisierung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit immer weniger vom sozialen Verständnis und Reformwillen der Herrschenden, immer mehr von der Entfaltung der eigenen Kraft im organisierten Klassenkampf erwartete. Hegel hatte von der Realisierung der (philosophischen) Vernunft in der Wirklichkeit gesprochen. Diesen Anspruch der Vernunft sieht Marx nun in der Rolle des Proletariats aufgehoben: ,,Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen [...]“, schreibt er.[6]

Freilich sind seine Gedanken damals noch nicht ausgereift. Erst muß er noch die Bedeutung der Nationalökonomie entdecken, wobei ihm sein genialer Freund Friedrich Engels (1820-1895) hilft. Schon die Frühsozialisten hatten das kapitalistische Privateigentum an Produktionsmitteln als Ursache der sozialen Mißstände angeprangert. Beim Versuch, den Sozialismus zu verwissenschaftlichen, rücken für Marx die ökonomischen Tatsachen nun immer stärker ins Blickfeld. Die kritische Auseinandersetzung mit den Klassikern der bürgerlichen Politischen Ökonomie - William Petty, Adam Smith, David Ricardo - und den bürgerlichen ,,Vulgärökonomen“ beginnt. In Paris entstehen 1844 die ,,Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, die bereits Keime der ökonomischen Lehre von Marx enthalten (Analyse der entfremdeten Arbeit).

Man hat viel darüber gestritten, in welcher Beziehung die Schriften des jungen Marx, besonders die Pariser Manuskripte, zu denen des alten stehen. Wollten die einen in ihnen die Vorfahren der späteren, sich gradlinig aus ihnen entwickelnden Analyse der ökonomischen Grundgesetze des Kapitalismus in ,,Das Kapital“ sehen, so sind die anderen der Meinung, bei ,,Marx vor Marx“ sei das emanzipatorische Potential noch nicht so sehr von einem materialistisch-positivistischen Wissenschaftsverständnis wie beim späten Marx entstellt und überlagert. Darin nun wieder mochten und mögen die ,,Orthodoxen“ einen Versuch wittern, den jungen gegen den alten Marx auszuspielen, um damit letztlich Arbeiterbewegung und ,,real existierenden Sozialismus“ zu treffen und das Marxsche Denken zu einem ,,abstrakten Humanismus“ zu verdünnen, der ins ,,westlich-kapitalistische System“ integrierbar ist.[7]

Für die eine wie für die andere Ansicht kann man manche Gründe anführen. So sehr dem heutigen ,,Marxismus-Leninismus“ ein Interesse daran unterstellt werden darf, die gegen seine eigene Praxis kritisch ausmünzbaren Ansichten von Marx etwa zur Pressefreiheit oder zum Staat als entfremdetem Gattungswesen zu entschärfen, so wenig darf man doch übersehen, daß Marx seit den ,,Pariser Manuskripten“ keine entscheidende Wende mehr vollzieht. Die materialistischen Denkvoraussetzungen sind, besonders in den Hegel-kritischen Passagen der ,,Manuskripte“, bereits deutlich, andererseits wird Marx den 1844 propagierten ,,realen Humanismus“ auch später nicht preisgeben und dem noch früher formulierten ,,kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verächtliches Wesen ist“[8], nicht abschwören: Sofern die Kritik überhaupt eine Klasse vertrete, so vertrete sie das Proletariat, heißt es 1873 im Nachwort zur zweiten Auflage des ,,Kapital“, in dem auch das Motiv der entfremdeten Arbeit nicht fallengelassen wird.[9]

Das Denken des jungen Marx steuert konsequent auf die Entwicklung der materialistischen Geschichtsauffassung zu: Die herrschenden Klassen hatten ein Interesse an der Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik, nicht jedoch an einer Geschichtswissenschaft, die die historische Notwendigkeit ihres Untergangs prognostizierte. - Nur vom Standpunkt des Proletariats aus erschien die Ausweitung jener in Naturwissenschaft und Technik so erfolgreichen Fähigkeit des Menschen, objektive Gesetze zu erkennen, auf die Entwicklung des geschichtlichen und gesellschaftlichen Lebens möglich. Und solche Wissenschaft würde zugleich dem Proletariat Selbstbewußtsein und Selbsterkenntnis vermitteln. - Das ist die innere Logik jener Suche, die zur Herausbildung des historischen Materialismus führt.

In Brüssel, wohin Marx nach seiner auf Betreiben der preußischen Regierung erfolgten Ausweisung aus Paris emigriert, bringt er zusammen mit Engels die vor allem auch der Selbstverständigung dienenden Schriften ,,Die Heilige Familie“ (1845) und ,,Die deutsche Ideologie“ (1845/46) zu Papier. In der ersteren geht es vor allem um die Kritik der elitären Theorie einiger Junghegelianer vom über die Volksmasse erhabenen Geist und der ,,spekulativen Konstruktion“ der idealistischen Philosophie. Die Einsicht in die Rolle der ökonomischen Verhältnisse für den Geschichtsverlauf ist die Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung. Je mehr diese Grundlage sich klärt, um so mehr wächst auch die kritische Distanz zu Feuerbach, dem es - wie die ,,Deutsche Ideologie“ feststellt - noch nicht gelungen ist, den Materialismus auf die Geschichte anzuwenden, und der der Einsicht in die gesellschaftliche Natur des Menschen und besonders in die Rolle der gesellschaftlichen Praxis ermangelt: ,,Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“, heißt es in den ,,Feuerbach-Thesen“, Notizen von Marx für die ,,Deutsche Ideologie“.[10]

Mit dieser These wird nicht, wie es vielleicht scheinen könnte, das Ende jeder Theorie und ihr Aufgehen in Praxis proklamiert, wohl aber das Ende der traditionellen und der Beginn einer kritischen Theorie, die ein qualitativ neues Verhältnis zur praktischen sozialen Bewegung aufweist. Philosophie wird dadurch, wie Engels später ausführt, zur ,,einfachen Weltanschauung“ ohne absoluten Systemanspruch, sie soll keine ,,aparte Wissenschaftswissenschaft“ mehr sein.“[11]

,,Das Elend der Philosophie“ (1847) führt die Auseinandersetzung mit Proudhon: die neue Anschauungsweise muß gegen konkurrierende Spielarten des Sozialismus/Kommunismus durchgesetzt werden, gegen die auch im ,,Kommunistischen Manifest“ (1848) polemisiert wird. Verfaßt im Auftrage des Londoner Bundes der Kommunisten, macht es ernst mit der These vom Primat der Praxis und schleudert den Ruf in die Welt: ,,Proletarier aller Länder vereinigt euch!“[12]

Auch aus Belgien wird Marx ausgewiesen, die ,,Neue Rheinische Zeitung“, die er, 1848 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, herausgibt, wird verboten. 1849, im Jahr nach der gescheiterten deutschen Revolution, geht er nach London ins Exil, in jenes Land, wo sich die industrielle Revolution und mit ihr die Antagonismen der kapitalistischen Produktionsweise am frühesten und reintypischsten entwickeln. In London entsteht, in mühsamer, zermürbender Arbeit Marx‘ Hauptwerk ,,Das Kapital - Kritik der Politischen Ökonomie“. Freund Engels obliegt derweil in Manchester dem ,,hündischen Commerce“[13]: durch seine finanziellen Zuwendungen werden die Marxschen Forschungen entscheidend mit ermöglicht.

Arbeitsmittel der ,,Kritik der Politischen Ökonomie“ ist die materialistisch umgedeutete Hegelsche Dialektik. Diese Methode steht Marx zufolge bei Hegel auf dem Kopf. „Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken. In ihrer mystifizierenden Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum [...] ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt [...]“[14]

Stets bemühen sich Marx und Engels, ihren Beitrag zur Herausbildung konsequenter Arbeiterparteien und zum Zusammenschluß der internationalen Arbeiterbewegung zu leisten. In der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation kommt es bald zu Konflikten mit der von Michail A. Bakunin (1814-1876) geführten, zum Anarchismus hin tendierenden Richtung. Mit der deutschen Sozialdemokratie sind die beiden durch briefliche und persönliche Kontakte verbunden. Besonders Marx vertritt seine Auffassungen auch in zahlreichen Zeitungsartikeln, die sich durch scharfsinnige Analyse konkreter politisch-ökonomischer Konstellationen auszeichnen.

1883 stirbt Marx; der ihn überlebende Engels erarbeitet aus den vorhandenen Aufzeichnungen eine druckreife Fassung des zweiten und dritten Bandes des ,,Kapital“; sie erscheinen 1885 bzw. 1894. 1895 stirbt Engels, der mit seinen Schriften und seiner Tätigkeit einen entscheidenden Beitrag zum ,,Marxismus“ geleistet hat. Sein Werk ,,Die Lage der arbeitenden Klassen in England“ (1845) war vor dem ,,Kapital“ die erschütterndste Schilderung des Arbeiterelends im ,,Manchester-Kapitalismus“ und die leidenschaftlichste Anklage gegen die herrschenden Klassen. ,,Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ (1878) und ,,Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ (1888) sind ebenso wie die unvollendet gebliebene ,,Dialektik der Natur“ philosophisch bedeutsam. ,,Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ (1884) ist ein Musterbeispiel der historisch-materialistischen Geschichtsforschung.

Die Auffassungen der Schöpfer des Marxismus über Mehrwert, Ausbeutung und Klassenkampf, über die quasi naturgesetzliche Notwendigkeit der Herausbildung des Sozialismus fanden bei den Arbeitern großen Widerhall. Nicht ohne Stolz berichtet Engels 1886 im Vorwort zur englischen Ausgabe, daß das ,,Kapital“ auf dem Kontinent oft als ,,die Bibel der Arbeiterklasse“ bezeichnet werde.[15] Die heranwachsenden proletarischen Massenparteien stützen sich weitgehend auf die Ideen von Marx und Engels.

Bereits bei deren Tod war die internationale Sozialdemokratie zu einer entscheidenden Kraft geworden. Allerdings hatten die parlamentarisch-politischen Erfolge einerseits, die Wandlungen des Industriesystems andererseits zu einer stärker reformistischen Taktik geführt und schließlich auch Kräfte auf den Plan gerufen, die, wie Eduard Bernstein, den Marxismus in seiner bisherigen Form für überholt hielten. Philosophische Argumente spielten dabei keine geringe Rolle. So spricht Bernstein über die ,,Fallstricke der Hegelschen Dialektik“[16], und in zunehmendem Maße wird dem marxistischen revolutionären Sozialismus ein von der Kantschen Ethik geprägter Reformsozialismus entgegengesetzt.

Die radikalen Kräfte - in Deutschland angeführt von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - sahen in solch offenem Reformismus und Revisionismus einen Verrat an der Sache der Arbeiterklasse, ebenso wie im ,,Opportunismus“ der auf den theoretischen Positionen des ,,orthodoxen Marxismus“ beharrenden Zentristen um Karl Kautsky. Bestärkt wurden die Radikalen in dieser Auffassung, als die sozialdemokratischen Parteien zu Beginn des Ersten Weltkriegs sich als unfähig erwiesen, der Kriegshysterie jene internationale Anti-Kriegs-Solidarität des Proletariats entgegenzusetzen, von der vorher in den Resolutionen der internationalen Arbeiterbewegung immer wieder die Rede gewesen war, und statt dessen in gewissem Maße die Kriegsführung ,,ihrer“ Regierungen unterstützten.

In einigen Ländern war es bereits vorher zu Abspaltungen gekommen. In Rußland standen die Revolutionäre als ,,Bolschewiki“ den reformistischen ,,Menschewiki“ gegenüber. Ihr Führer Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) (1870-1924) versuchte, den Marxismus auf die für eine Klassenkampfstrategie und -taktik neu entstandenen Probleme anzuwenden.

Schon während seines juristischen Studiums in Kasan und Petersburg, wo er 1893 als Rechtsanwalt zugelassen wird, schließt sich Lenin der revolutionären Bewegung an. Er muß erleben, wie sein Bruder 1887 - einundzwanzigjährig - wegen der Teilnahme an der Vorbereitung eines Anschlags auf den Zaren Alexander III. hingerichtet wird. Selber wird er wegen revolutionärer Tätigkeit nach Sibirien verbannt, wo er sein Werk ,,Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“ vollendet (1899). Ab 1900 lebt er, an wechselnden Orten, in der Emigration; gründet mit Plechanow und Martow die Zeitung ,,Iskra“, die auf abenteuerlichen Wegen nach Rußland geschmuggelt wird. ,,Was tun?“ (1902) begründet die Rolle einer von Berufsrevolutionären geführten, straff zentralisierten proletarischen Partei. Nach 2 Jahren in Rußland lebt er ab 1907 wieder in Emigration, aus der er erst in der Februar-revolution 1917 zurückkehrt - pikanterweise mit Hilfe des deutschen Generalstabs.

Zu seinen wesentlichen Werken zählen ,,Materialismus und Empiriokritizismus“ (1909) - ein Ausbau der philosophischen Fundamente des Marxismus, für den auch seine Hegel-Rezeption in den ,,Philosophischen Heften“ wichtig wird - und ,,Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1916) - ein Versuch, die ökonomische Theorie des Marxismus auf die neuen Erscheinungen der Ökonomie anzuwenden. Ebenfalls herausragend ist das 1917 niedergeschriebene ,,Staat und Revolution“. Außerdem entwickelte Lenin in zahlreichen Aufsätzen, Broschüren und Reden Grundprobleme der Strategie und Taktik der revolutionären Arbeiterbewegung.

1917 wird Lenin zum Führer der ersten siegreichen ,,proletarischen Revolution“ der Geschichte, der Oktoberrevolution, und des ersten sozialistischen Staates, eines Staates, in dem man versuchte, die Ideen von Marx und Engels in die Tat umzusetzen.

Bekanntlich gehen die Auffassungen über das Gelingen dieses Versuchs weit auseinander. Ist für die einen die Existenz des ,,real existierenden Sozialismus“ die praktische Bestätigung des Marxismus, so gilt sie den anderen gerade umgekehrt als Beweis für den Bankrott einer Theorie, die nur neue Formen der Unfreiheit produziert habe. Auch unter den Marxisten selber wird bis heute leidenschaftlich darüber gestritten, wer sich zurecht auf Marx berufe und wer sein Erbe verraten habe.

Äußerlich betrachtet hat jedenfalls der Marxismus eine enorme Ausstrahlungsfähigkeit bewiesen: Heute existieren in den meisten Ländern der Erde kommunistische Parteien, die sich als marxistisch-leninistisch verstehen. Aus einem einzelnen sozialistischen Land ist eine ganze sozialistische Staatengemeinschaft geworden. Gleichzeitig haben sich aber - neben der Spaltung in der Arbeiterbewegung zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus - auch neue Auseinandersetzungen um das Marxsche Erbe ergeben: zwischen Moskau und Peking, zwischen ,,Eurokommunisten“ und ,,Traditionalisten“. Das Marxsche Denken bleibt aktuell: Wenn sich auch die Klassengegensätze, wenigstens der äußeren Erscheinung nach, in den westlichen Ländern abgestumpft haben, so hat sich doch die traditionelle Wirtschaftsordnung immer wieder als unfähig erwiesen, mit den von Marx aufgewiesenen Widersprüchen, mit Krisen und Arbeitslosigkeit dauerhaft fertig zu werden. Auch ist der Wettkampf der Systeme in vielfacher Hinsicht eine Metamorphose des ,,alten“ Klassenkampfs; dieser Wettkampf verzehrt durch das Wettrüsten große Teile des Reichtums der Nationen und zementiert so den neuen sozialen Gegensatz zwischen den Industriestaaten und den armen Ländern der dritten und vierten Welt, dessen Sprengkraft sich immer deutlicher abzeichnet.

In der Diskussion um Marx geht es heute u. a. um die folgenden Fragen:

- Sind die Unmenschlichkeiten der Stalinschen Ära eine Konsequenz der Marxschen Theorie oder eine Folge des Abweichens von ihr? - Ist der Leninismus tatsächlich die unserer Epoche angemessene Weiterentwicklung des Marxismus, oder ist er eine russische Sonderentwicklung? - Hat bereits Engels die Marxsche Lehre vulgarisiert, indem er die Philosophie des dialektischen Materialismus formulierte? - Bilden die Gesellschaften der Länder Osteuropas oder Chinas tatsächlich die von Marx prognostizierte kommunistische Gesellschaftsformation oder sind sie Beispiele für eine gesellschaftliche Entwicklung, die man in ganz anderen Kategorien beschreiben muß? Und wenn ja, findet man bei Marx selber Ansätze für solche Kategorien?[17]

- Ist die Entwicklung der revolutionären Bewegungen in der Welt der Marxschen Prognose gefolgt, und wie sieht es überhaupt mit der Perspektive proletarischer Revolutionen in der heutigen Welt aus? - Existiert überhaupt noch ein Proletariat bzw. ist es überhaupt noch eine revolutionäre Klasse? Oder ist seine Rolle von anderen, etwa den Völkern der dritten Welt oder Randgruppen in den Metropolen, übernommen worden, bzw. gibt es überhaupt kein revolutionäres Subjekt mehr? - Existiert überhaupt noch das von Marx beschriebene kapitalistische System, oder läßt die seitherige gesellschaftliche Entwicklung die Kritik daran heute ins Leere treffen?[18]

Man könnte die Liste dieser Fragen noch fortsetzen. Hier kann nur am Rande auf die sich an sie anschließenden Kontroversen eingegangen werden. Im Vordergrund soll hier jene Gestalt der marxistischen Weltanschauung stehen, die sich als die geschichtsmächtigste darstellt: der Marxismus-Leninismus. Dieser beeinflußt in den sozialistischen Staaten als führende Weltanschauung bis in die allgemeine Schulbildung und die Massenmedien hinein das Leben der Menschen, durchzieht den wissenschaftlichen Betrieb und bestimmt das politische Handeln der leitenden Parteien in wesentlichem Maße - ungeachtet des Generationswechsels in ihren Führungen. Die Rede vom ,,Sowjetmarxismus“ ist dabei wenig klärend: Marxismus--Leninismus ist die Ideologie der kommunistischen Weltbewegung und keine regional--russische Erscheinung. Auf die Leninsche Weiterentwicklung des Marxismus berufen sich auch die ,,antisowjetischen“ Maoisten und Trotzkisten. Und selbst ein ,,unorthodoxer“ marxistischer Philosoph wie Ernst Bloch hat die Ausarbeitung des dialektischen Materialismus durch Engels und Lenin positiv aufgegriffen.

Die praktisch relevanteste ist auch die umfassend-systematischste Gestalt des Marxismus und seiner drei Hauptbestandteile: seiner Philosophie, Ökonomie und Politik.



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Zur Entstehung und Entwicklung der Anthroposophie

Während Marx’ Lehre nach ihrem Schöpfer genannt wurde, setzte sich für Rudolf Steiners Auffassungsweise der von ihm selbst gewählte Name ,,Anthroposophie“ durch, der für ihn „nicht Weisheit vom Menschen [...], sondern ,Bewußtsein seines Menschentums‘[...]“[19] bedeutet.

Die Radikalität und Konsequenz von Steiners Lebensentwurf steht der des Marx’schen in nichts nach. So verschieden auch beider Temperamente und Zielprojektionen sein mögen, beide gehen den Weg des größten Widerstands. Steiner wird 1861 in Kraljevec (damals Österreich-Ungarn, heute Jugoslawien) als Sohn eines kleinen Eisenbahnbeamten geboren. Die Verhältnisse zu Hause sind eher ärmlich. Bereits der Junge entdeckt an sich - folgt man Steiners späteren Schilderungen - eine Art von außersinnlichem Wahrnehmungsvermögen; das Unverständnis seiner Umwelt zwingt ihn, darüber stillzuschweigen. Steiners Gegner werden später versuchen, seinen spirituellen Erlebnissen und Erfahrungen jeden objektiven Wert abzusprechen, sie ins Gebiet des Phantastischen, der Autosuggestion oder gar des Halluzinatorischen zu rücken.[20]

Uns mag heute das „Paranormale“ - dank Tiefenpsychologie und Parapsychologie - weniger schockierend vorkommen als manchen „Freidenkern“ des 19. Jahrhunderts. Trotzdem bleibt es eine Tatsache, daß auf diesem Feld authentische Erfahrung und Scharlatanerie so dicht beieinanderliegen wie auf keinem anderen, Steiner selbst hat häufig darauf aufmerksam gemacht.[21] Was ihn von vornherein von anderen Menschen mit „hellseherischer“ Begabung unterscheidet, ist der Ernst, mit dem er sich von vornherein über den Erkenntniswert seiner außersinnlichen Erfahrungen wissenschaftlich Rechenschaft abzulegen versucht, wobei er zugleich die Brücke schlagen will zum Weltbild und zur Methode der Naturwissenschaften. Er untersucht die exakten Unterscheidungskriterien zwischen Illusion und Wirklichkeit auf diesem Erfahrungsfeld, arbeitet sich systematisch in das naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit ein. Ab 1879 studiert er an der Wiener Technischen Hochschule Mathematik, Biologie, Physik und Chemie - daneben Literatur, Philosophie und Geschichte.

Seine spirituellen Erlebnisse und seine philosophischen Reflexionen machen es ihm innerlich unmöglich, den Schritt vieler Zeitgenossen in den Atheismus und Materialismus mitzuvollziehen. Doch kann er sich genauso wenig dem relativ Berechtigten an diesen Zeitströmungen verschließen: die Schwäche der Position der meisten ihrer Gegner ist unübersehbar. Und Freiheit des Denkens, unabhängig von kirchlichen Offenbarungen und Dogmen, ist sein ureigenstes Anliegen. Auch imponiert ihm die strenge, allem Spekulativen abholde Methode der naturwissenschaftlichen Forschung. Mit innerer Notwendigkeit wird er so zu Goethe als Naturwissenschaftler und den „Goetheanisten“ getrieben, verbanden diese doch empirische Naturforschung mit geistiger Naturbetrachtung.[22]

Zur inneren Notwendigkeit kommt äußere biographische Fügung: Steiner wird auf Empfehlung seines väterlichen Freundes, des Wiener Goethe-Forschers Karl Julius Schröer, 1882 damit beauftragt, Goethes naturwissenschaftliche Schriften für „Kürschners Deutsche National-Litteratur“ herauszugeben. In den Einleitungen und Kommentaren, die Steiner in diesem Zusammenhang zu Goethe verfaßt, finden wir seine erkenntnistheoretischen Auffassungen bereits weitgehend ausgebildet, die er in den „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung“ (1886) und „Goethes Weltanschauung“ (1897) ebenfalls im Anschluß an Goethe weiter präzisiert.

1884-1890 arbeitet er neben der Herausgebertätigkeit als Privatlehrer. Dann siedelt er nach Weimar über, als Mitarbeiter an den naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für die Weimarer Sophien-Ausgabe: bis 1897 ist er nun am Goethe-Schiller-Archiv angestellt. Daneben ist er u.a. als Schopenhauer- und Jean-Paul-Herausgeber tätig.

Steiner zufolge kommt Goethe das Verdienst zu, z.B. gegenüber Newton, die Qualitäten der Natur und damit die lebendige Erfahrung zu ihrem Recht gebracht zu haben; er gilt ihm als „Galilei der Organik“[23], weil er eine Forschungsmethode entwickelt hat, die dem Wesen des Lebendigen gerecht wird.

In der Philosophie knüpft Steiner an Fichte, Schelling und Hegel an, den er 1892 in einem Gesellschaftsspielfragebogen neben Nietzsche und Eduard von Hartmann als seinen Lieblingsschriftsteller bezeichnet.[24] Doch bleibt er nicht bei der Hegelschen „Idee“ stehen, sondern sucht das geistige Leben in den Ideen auf. Er will, wie Marx, die Gedankenblässe des deutschen Idealismus überwinden, schlägt aber dabei eine andere Wegrichtung ein als der Autor des „Kapital“.

1891 promoviert Steiner in Rostock mit der Arbeit „Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Berücksichtigung der Fichteschen Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verständigung des philosophierenden Bewußtseins mit sich selbst“. Die Buchausgabe „Wahrheit und Wissenschaft“ widmet er Eduard von Hartmann, dem Autor der „Philosophie des Unbewußten“. Doch Steiner hofft vergeblich, bei Hartmann Verständnis für seine Auffassungen zu finden: Hartmann hat zahlreiche Einwände gegen die Argumentationsweise von Steiners 1893/94 erscheinender „Philosophie der Freiheit“.[25]

In diesem Werk wird die Klärung erkenntniswissenschaftlicher Grundprobleme und die in „Wahrheit und Wissenschaft“ begonnene Auseinandersetzung mit dem Agnostizismus der Neukantianer weitergetrieben; Steiner versucht die Sphäre einzugrenzen, in der das wahrhaft freie Handeln möglich, in der es keine Illusion ist. Er findet sie im individuell geprägten Handeln aus Erkenntnis, aus „moralischer Intuition“ heraus (ethischer Individualismus). Steiner hat seine „Philosophie der Freiheit“ immer als sein grundlegendes Werk betrachtet, auf das er darum auch immer wieder zurückkommt.[26]

1897 übersiedelt Steiner als Herausgeber des Magazins für Literatur nach Berlin, nachdem sich Hoffnungen auf eine Dozentur in Jena zerschlagen haben. In Berlin wird er auch als Herausgeber der „Dramaturgischen Blätter“, ferner im „Giordano-Bruno-Bund“ und im Kreis der „Kommenden“ aktiv. Nun tritt er mit solcher Vehemenz als Verfechter des neuen naturwissenschaftlichen Weltbildes auf - z.B. in seiner Verteidigung Haeckels gegen die klerikale Kritik -, daß er bald von manchen als Atheist und Materialist mißverstanden wird. Später wird ihm das den Vorwurf radikaler Brüche und Widersprüche in seiner Entwicklung eintragen.[27] Sein ethischer Individualismus bringt ihn nicht nur Nietzsche, sondern zeitweise Max Stirner nahe, dem Verfechter des Egoismus in der Philosophie, und dessen Schüler John Henry Mackay, der einen gewaltfreien Anarchismus vertrat.

Von Bedeutung für die Ausformung seiner sozialen Konzeption wird Steiners Lehrtätigkeit an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin, die er von 1899 bis 1904 ausübt, bis seine Position unhaltbar wird: Einigen Parteileuten ist er, der kein Vertreter einer Parteiideologie ist, der materialistischen Geschichtsauffassung kritisch gegenübersteht und im Streben der Arbeiter nach sozialer Gerechtigkeit mehr erblickt als den Reflex ökonomischer Verhältnisse, schon längst ein Dorn im Auge.

Steiners Hoffnungen auf gesellschaftliche Erneuerung ruhen nicht auf einer Partei, sei sie alten oder neuen Typs, er setzt primär auf eine geistige Erneuerungsbewegung. Eine Plattform für ein Wirken in dieser Richtung scheint sich ihm in der Theosophischen Gesellschaft zu eröffnen, in der er wie nirgendwo sonst Interesse für spirituelles Leben findet. Die zustimmende Aufnahme seiner Weltanschauung durch leitende Mitglieder dieser Gesellschaft habe ihn veranlaßt, sich ihr 1902 äußerlich anzuschließen, schreibt er rückschauend.[28] Freilich interessiert man sich bei den Theosophen, die ihr Zentrum in Adyar (Indien) haben, vor allem für die Tradition des asiatischen Okkultismus und steht dem Christentum mit geringem Verständnis gegenüber. Steiner dagegen stellt immer mehr die Christologie in den Mittelpunkt seines Wirkens, betont neben den indischen die europäischen esoterischen Traditionen, überhaupt beharrt er auf seiner selbständigen Richtung. So kommt es schließlich zum Bruch: 1913 werden Steiner und seine Anhänger ausgeschlossen, die unabhängige ,,Anthroposophische Gesellschaft“ wird begründet.

Von 1902 bis zu diesem Zeitpunkt ist Steiner Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Marie von Sivers, die er später in zweiter Ehe heiratet, wird seine ständige Mitarbeiterin. Sein Pensum an Vorträgen und Reisen ist bereits damals enorm; er tritt in zahlreichen Ländern Europas auf. Er gibt die Zeitschrift „Lucifer-Gnosis“ heraus. Zahlreiche Schriften erscheinen: „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“ (1902) sucht ein neues Verständnis der Ereignisse um die Zeitenwende in Palästina, wobei Steiner seiner Absage an Dogmenglauben und Gebotsmoral in der „Philosophie der Freiheit“ durchaus treu bleibt: man müsse im individuellen Erleben zu den Quellen zurückgehen, aus denen heraus die religiösen Urkunden entstanden sind. Die „Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung“ (1904) beschreibt die leiblich-seelisch-geistige Wesens­gliederung des Menschen und spricht die Ansicht aus, daß der Mensch wiederholte Erdenleben durchmacht (Reinkarnationsgedanke), eine Idee, die man im europäischen Kulturkreis u.a. schon bei dem großen Aufklärer Lessing in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts“ und bei Immanuel Hermann Fichte findet. „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ (1904/05) beschreibt den anthroposophischen Weg einer bewußtseins­erweiternden Schulung, den Steiner auch an der „Esoterischen Schule“ der Theosophen lehrt.

Stefan Zweig nennt Steiners Bildung „stupend“ und „erstaunlich vielseitig“[29]. In der Tat, Steiner ist in der Lage, auf den verschiedensten Wissenschafts- und Praxisfeldern eigene Beiträge zu leisten bzw. neue Anfänge zu wagen. Sein Werk enthält Beiträge zur Philosophie und Philosophiegeschichte, Psychologie, verschiedenen Problemen der Naturwissenschaften, zur Medizin, zur Theologie, zur Nationalökonomie, zur Pädagogik und einigen anderen Gebieten.[30] Erst ein Teil davon ist bisher in stärkerem Maße ins öffentliche Bewußtsein gedrungen.

Steiners Anspruch ist kein geringerer als die Vereinigung von Kunst, Wissenschaft und Religion, er will „Gott in die Wissenschaft und die Natur in die Religion“ einführen.[31] Wer das als gänzlich abwegig oder vermessen betrachtet, übersieht, daß eine solche Synthese seiner Zeit vielen Geistern mehr oder weniger deutlich vorgeschwebt hat: Auch der junge Engels hat einmal den Versuch gelobt, „den Punkt aufzufinden, wo sich das positive Christentum und die Bildung unserer Zeit verschwistert darstellen“, und hat die Hoffnung auf eine „radikale Veränderung im religiösen Bewußtsein der Welt“ ausgesprochen.[32] Während andere an dieser Möglichkeit irre werden, versucht Steiner sie mit letzter Konsequenz zu verwirklichen.

Die Arbeitsleistung, die Steiner sich abverlangt, ist ungeheuer und steigert sich von Jahr zu Jahr. Zuletzt sind mehrere Vorträge am Tag die Regel, dazu kommen Besprechungen, Besuche, Zeitschriftenartikel, praktisch-künstlerische Arbeit und vieles mehr. In den Jahren ab 1910 wirkt sich der anthroposophische Impuls vor allem auf künstlerischem Gebiet aus: vier „Mysteriendramen“ entstehen, 1912 wird die neue Bewegungskunst „Eurythmie“ inauguriert, 1913 der Doppelkuppel-Holzbau des ersten „Goetheanum“ in Dornach/Schweiz begonnen. - Er wird in der Silvesternacht 1922/23 durch Brandstiftung zerstört, in der Folge kann Steiner noch ein Außenmodell für einen neuen Beton-Bau schaffen.

Das Goetheanum ist als „Freie Hochschule für Geisteswissenschaft“ konzipiert: Von einem erneuerten Geistesleben, das von dieser Hochschule her wichtige Impulse empfangen soll, erhofft Steiner die Anstöße, die zu „Heilfaktoren für den sozialen Organismus“[33] werden können.

Einen „erstaunlichen praktischen Wirklichkeitssinn“ attestiert Steiner selbst sein geschworener Gegner Max Dessoir.“[34] Daß sich der Ring des Schweigens, der lange um seinem Werk lag, heute zu lockern beginnt, dürfte damit zusammenhängen, daß viele von Steiners praktischen Ansätzen sich als tragfähig erwiesen haben und Schule zu machen beginnen. Die 1919 mit der Gründung der Waldorfschule, der ersten deutschen Gesamtschule, inaugurierte internationale Bewegung Freier Schulen, der biologisch-dynamische Landbau, die Heime und Dorfgemeinschaften für seelisch Behinderte, eine Reihe alternativer Krankenhäuser, das sind einige Stichworte für die praktischen Arbeitsfelder der Anthroposophie.

Steiners Versuch, durch eine breite Volksbewegung die Situation nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie für eine soziale Neuordnung zu nutzen, scheitert allerdings an mannigfachen Widerständen. Bis heute hat sich die „Dreigliederungsbewegung“, die zu einer freiheitlichen, demokratischen und solidarischen Gesellschaftsstruktur führen sollte und die besonders im süddeutschen Raum einen gewissen Einfluß gewinnen konnte, von dieser Niederlage nie vollständig erholt.[35]

Steiner scheint der Auffassung gewesen zu sein, daß der Dreigliederungsgedanke als gesamtgesellschaftlicher Neuordnungsansatz erst nach längerer Zeit wieder eine Chance haben könne. Wie dem auch sei, „Dreigliederung“ gedieh jedenfalls bis heute nur zum gemeinsamen Nenner von Einzelinitiativen auf pädagogischem, wirtschaftlichem und anderen Feldern, ohne eine das System der Gesamtgesellschaft verändernde Kraft zu erlangen.

Weihnachten 1923 unternimmt Steiner noch einen großangelegten Versuch, die Anthroposophische Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen und sie gegenüber der Außenwelt stärker zu öffnen. Die Gesellschaft soll in jeder Hinsicht unsektiererisch und freiheitlich sein, ein verpflichtendes „Programm“ soll es nicht geben. Jedermann, ungeachtet der „Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung“ soll ihr Mitglied werden können, wenn er nur „in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum als freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht“[36].

Auch unter den Anthroposophen ist die Frage, wie diese auf der sogenannten Weihnachtstagung vorgenommene Neugründung der Gesellschaft, gemessen an Steiners Intentionen, als vollständig gelungen anzusehen ist, nicht unumstritten. Sicher ist jedoch, daß sich die Anthroposophische Gesellschaft auf allen Kontinenten in die Breite entwickelt.

Als Steiner am 30. März 1925 stirbt, ist er für eine große Zahl von Menschen zu einer Leitfigur geworden, der viele den Ausweg aus geistiger Verzweiflung danken. Sein wichtigstes Anliegen war es gewesen, durch seine „Inaugurationstat“, Geistesschüler auf die Bahn ihrer Entwicklung zu bringen“[37], d.h. Menschen zu geistiger Anstrengung zu motivieren, die eine über das übliche Maß hinausgehende innere Selbständigkeit verlangt. Die Dogmatisierung, die manche seiner Anhänger betreiben, ist diesem Anliegen wesensfremd und stellt eine latente Bedrohung des Werks dar. Steiners Klage, er wolle verstanden, nicht verehrt werden, ist dazu der deutlichste Kommentar.[38]

Die Gegner, die Steiner als Scharlatan und falschen Propheten sahen, haben seinem Schritt zu Theosophie und Anthroposophie die innere Wahrhaftigkeit absprechen wollen und sinngemäß die Auffassung vertreten, er sei seiner ursprünglichen Auffassungsweise zugunsten einer Art „Guru-Karriere“ untreu geworden, habe diesen Bruch aber nachträglich geleugnet und kaschiert. Das ist ebensowenig haltbar wie die Auffassung, Steiner sei Eklektiker oder reihe unverbundene Eingebungen aneinander. So sehr Steiners Auffassungen eine Entwicklung durchmachen, so sehr ist diese doch von einem roten Faden durchzogen. Steiners Herangehensweise an Inhalte, die als solche auch in anderen Strömungen - okkultistischer, mystischer, religiöser Art - vorkommen mögen, ist immer durch die im Untertitel der „Philosophie der Freiheit“ formulierte methodische Leitlinie bestimmt, „seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“ zu suchen. Die „übersinnlichen“ Forschungsmethoden, auf die sich Steiner in seiner theosophisch-anthroposophischen Periode beruft, schließen sich an das bereits in der „Philosophie der Freiheit“ geschilderte „reine Denken“ an, das sich in Konzentration und Meditation zum geistigen Wahrnehmungsorgan umbilden soll.



[1] MEW-Ergänzungsband 1, S. 459.

[2] In MEW 1, S. 172ff., 109ff.

[3] MEW 2, S. 139.

[4] Wir besitzen z. B. Briefe des jungen Engels, die von einer ursprünglich tiefen religiösen Überzeugung sprechen. Doch reißt er sich diese Gefühle buchstäblich aus dem Herzen, weil ihm die Religiosität seiner pietistischen Umgebung als unwissenschaftlicher Köhlerglaube und die Lehre von der ewigen Höllenpein der nicht Rechtgläubigen als herzlos erscheinen muß. Vgl. die beiden Briefe vom 15. und 12.-17.6. 1839 an F. Graeber in MEW-Erg.bd. II, 400ff.

[5] MEW 1, S. 379.

[6] a.a.O., S. 391.

[7] Vgl. z.B. Julier 1974. ,,Marx vor Marx“: s. Wilenius 1966.

[8] MEW 1, S. 385.

[9] MEW 23, S. 85 ff. Zum Entfremdungsproblem s. dort das sog. „Fetischkapitel“, S. 85ff.

[10] MEW 3, S. 7.

[11] MEW 20, 5. 129.

[12] MEW 3, S. 493.

[13] Brief an Marx vom 27.4.1867.

[14] MEW 23, S. 27f.

[15] a.a.O., S. 39.

[16] Bernstein 1969 (1899). Zum Revisionismus vgl. Grebing 1977.

[17] Vgl. z.B. Bahro 1977.

[18] Das letztere behauptet etwa Popper 1973, z.B. S. 154, 179ff.

[19] Der Begriff Anthroposophie findet sich z.B. bereits bei dem Schweizer Schelling Schüler I.P.V. Troxler, der damit die Steigerung der spekulativen Philosophie zu einer Art Meditationsphilosophie ausdrücken will. Vgl. Kugler 1978, S. 10. Zu Steiners Biografie vgl. besonders GA 28 und Wehr 1982.

[20] Vgl. Wehr 1982, S. 21ff., „Gegnerschriften“ z.B. Dessoir 1979 und Pierott 1982.

[21] z.B. GA 13, S. 12f.

[22] Die „Goetheanisten“ passen nicht in die Raster schrecklicher Vereinfacher. Der bedeutende Evolutionstheoretiker Karl Snell ist z.B. Mitstreiter des Materialisten Vogt im Kampf um „Köhlerglaube und Wissenschaft“ (1854), zugleich aber Gegner Darwins. Vgl. Snell 1981. Engels würdigt in MEW 20, S. 319, die Goetheanisten von Baer und Oken, will sie aber nur als Darwin-Vorläufer gelten lassen.

[23] GA 28, S. 79.

[24] Wehr 1982, S. 99. In der Philosophie Fichtes, Schellings und Hegels und im Denken Herders, Lessings, Schillers und Goethes sieht Steiner „wie eine verborgene Kraft“ das okkulte Leben wirksam, das „einstmals in den Werken der großen deutschen Mystiker, Paracelsus, Jakob Böhme und Angelus Silesius, pulsierte.“ (GA 35, S. 44.)

[25] Vgl. bei Kugler 1978 S. 31ff. und „Beiträge“ Nr. 84/85.

[26] Vgl. Palmer 1976.

[27] Dieses Mißverständnis macht sich an Formulierungen Steiners fest, die der Radikalität seiner Kritik an jedem auf bloße Autorität gegründeten religiösen Bekenntnis entspringen. Vgl. Wehr 1982, S. 148, Lindenberg 1970, Hansen 1983. Zu Haeckel vgl. Hemleben 1968.

[28] Autobiographische Notiz, abgedr. in GA 2/3, S. 168.

[29] Zweig 1954, S. 113.

[30] Die Steiner Gesamtausgabe ist auf weit über 300 Bände angelegt. Einen Überblick über das Vortragswerk bietet Schmidt 1978. Die Nachschriften sind von sehr unterschiedlicher Qualität, zum größten Teil von Steiner nicht durchgesehen. Ein Teil der Vorträge richtete sich speziell an Mitglieder und hat dadurch spezielle Verständnis- und Urteilsvoraussetzungen.

[31] Schuré, nach Kugler 1978, S. 17.

[32] Brief an F. Graeber vom 15. 6. 1839.

[33] So der Titel von GA 198.

[34] Dessoir 1979, S. 494.

[35] Vgl. GA 23, Leber 1978, Kühn 1978.

[36] § 4 der Statuten, s. GA 260. Die Verbindung solcher Offenheit mit einer Esoterik, die den Anschluß an das Mysterienwesen der Antike sucht, ist auf den ersten Blick seltsam, aber von Steiners Ansatz her konsequent. Vgl. dazu Prokofieff 1982.

[37] Brief an Hübbe-Schleiden vom 16. 8. 1902, nach Wehr 1982, S. 169.

[38] Nach Wehr 1982, S. 322.


Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - Einleitung
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