Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - III I. Teil: Geschichte, Gesellschaft und Persönlichkeit 
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III. Teil: Geschichte, Gesellschaft und Persönlichkeit

1. Die materialistische Geschichtsauffassung: Basis-Überbau-Lehre
und Begriff der ökonomischen Gesellschaftsformation

Bis heute sehen seine Anhänger die wissenschaftliche Großtat des Marxismus vor allem im Aufweis der Entwicklungsgesetze der Gesellschaft. Marxismus-Kritiker sehen dagegen die These, die Entwicklung der Gesellschaftsformen sei ein „naturgeschichtlicher Prozeß“ im Widerspruch zum gleichzeitigen Appell zur praktischen Veränderung; - es sei dasselbe, so der Neukantianer R. Stammler, als wolle man eine Partei gründen, um eine Mondfinsternis herbeizuführen. Die Begründung des Sozialismus als Sollens-Forderung vertrage sich nicht mit dem Postulat seiner notwendigen Genese aus dem gesellschaftlichen Sein.[1]

Tatsächlich scheint sich Marx dieser Problematik bewußter gewesen zu sein, als die Kritiker gewöhnlich unterstellen. Zwar kann seiner Meinung nach selbst diejenige Gesellschaft, die „dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist [...], naturgemäße Entwicklungen weder überspringen noch wegdekretieren.“ Doch ist der Spielraum des „subjektiven Faktors“ immerhin so weit bemessen, daß sich die Entwicklung „ in brutaleren oder humaneren Formen“ bewegen kann, daß kluges geschichtliches Handeln „die Geburtswehen“ einer neuen Gesellschaftsordnung „abkürzen oder mildern“ kann.[2]

Im „Kommunistischen Manifest“ ist gar die Rede davon, daß die geschichtlichen Klassenkämpfe jeweils mit dem Sieg einer Seite oder dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen endeten, also in ihrem Ausgang nicht vollständig vorherbestimmt waren.[3] Der revolutionäre Marxismus, so argumentieren heute sowjetische Marxisten, hat den Objektivismus und Ökonomismus der II. Internationale bekämpft, der, auf die Verwirklichung der objektiven Geschichtsgesetze im Selbstlauf bauend, die revolutionäre Aktion der Massen mißachtet hat. Die Kenntnis der Geschichtsgesetze entbinde jedoch nicht vom Handeln, sondern verlange es geradezu, um die objektiven Gesetze zu realisieren.

Die Geschichtsgesetze _ obwohl sie mit Notwendigkeit wirken - dürfen nicht einfach mit Naturgesetzen gleichgesetzt werden: In der Natur wirken blinde Agenzien, „in der Geschichte der Gesellschaft sind die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen; nichts geschieht hier ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel [...]“, schreibt Engels.[4] Die gesellschaftlichen Gesetze müssen also als Zusammenhänge im menschlichen Handeln gedacht werden, wobei auch noch allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten und solche, die nur für bestimmte Gesellschaftsformen, z.B. Klassengesellschaften, gelten, unterschieden werden müssen.

Die erste und grundlegende Notwendigkeit für das geschichtliche Handeln ergibt sich aus dem Zwang zur Existenzerhaltung durch Arbeit: Die Menschen brauchen Nahrung, Kleidung, Wohnung usw., die sie sich im „Stoffwechselprozeß mit der Natur“ erwerben müssen. Die Bedingungen dieses Erwerbs zwingen zur Gemeinschaftlichkeit: nur durch gemeinschaftliche, gesellschaftliche Arbeit können die Menschen sich gegenüber der Natur behaupten. Hier kann man von einem objektiven Gesetz sprechen, insofern diese Notwendigkeit unabhängig ist von den Vorstellungen und Wünschen der Menschen, die sich ihr vielmehr anzupassen haben. Auch sieht sich der einzelne immer bereits in eine bestimmte Gesellschaftsform hineingeboren und dadurch mit objektiven Voraussetzungen seines Handelns konfrontiert, die er nicht willkürlich ändern kann.

Der Marxismus bleibt aber nicht dabei stehen, objektive Rahmenbedingungen zu konstatieren, unter denen sich das Handeln vollzieht, sondern er faßt die gesellschaftlichen Notwendigkeiten als Bestimmungsgründe für das Handeln auf: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres materiellen Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. [...] Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“[5]

Verhältnisse und Beziehungen existieren nicht dinglich und sinnlich anschaubar. Dennoch sollen die Produktionsverhältnisse im Sinne der Leninschen Materiedefinition materielle Verhältnisse sein, weil sie „objektiv-real“, unabhängig vom Wünschen und Dafürhalten der Menschen existieren.

Die ideellen Motive und individuellen Triebfedern des Handelns sind nicht entscheidend. Die Ideale entpuppen sich in hohem Maße als Illusionen, die sich die Individuen über die ihrem Handeln tatsächlich zugrundeliegenden materiellen gesellschaftlichen Ursachen machen müssen, jedenfalls solange sie diese nicht oder nicht voll durchschauen, was erst durch die marxistische Gesellschaftstheorie möglich geworden ist. Vorher ist ihr Bewußtsein notwendig verkehrte und verzerrte Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins. Wissenschaft, Kunst, Religion, Moral, Recht sind nicht bloß insofern von sozialökonomischer Relevanz, als sich aus ihnen Gesichtspunkte für eine Regelung ökonomischer Fragen im weitesten Sinne ergeben können. Sie sind überhaupt nur ein Teil des die ökonomische Basis der Gesellschaft widerspiegelnden Überbaus, sind letztlich vom widergespiegelten Inhalt her geprägt und determiniert.

Marx ist sich durchaus darüber im klaren, daß die Arbeit kein rein materieller Prozeß ist, sondern eine geistige Seite hat: „Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“[6] Daraus darf man aber nach Auffassung der Marxisten-Leninisten nicht schließen, daß gesellschaftliches Sein und Bewußtsein ununterscheidbar zusammenfließen oder daß die Produktionsverhältnisse geistige Verhältnisse wären: denn das Sein bleibe dem Bewußtsein immer vorgegeben und werde nie restlos von ihm erfaßt. Der Primat des gesellschaftlichen Seins drückte sich in der Vergangenheit auch darin aus, daß in der Regel die menschlichen Handlungen - vor allem langfristig - ganz andere als die unmittelbar gewollten und vorausgesehenen Folgen hatten: insofern trafen die sich einstellenden Resultate die Menschen letztlich ähnlich wie blind wirkende Naturkräfte: Die Geschichte macht sich so, schreibt Engels, „daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht [...] es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte [...], daraus eine Resultante - das geschichtliche Ergebnis - hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann.“[7] Der Sozialismus soll zwar die Menschen zum ersten Mal zum Subjekt ihrer Geschichte in dem Sinne machen, daß nun planmäßiges, in seinen Wirkungen vorhersehbares Handeln zum Wohl aller möglich wird, trotzdem bleibt die Objektivität der gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten bestehen, die man nicht ungestraft mißachtet.

Materielle Bedingung des gesellschaftlichen Lebens ist neben der ökonomischen Struktur auch die Geographie (Fruchtbarkeit eines Landes, Reichtum an Bodenschätzen). Aber diese natürlichen Voraussetzungen gelten im Marxismus nicht als die entscheidenden. Das werde schon daran deutlich, daß die Ausnutzung natürlicher Ressourcen immer eine Frage des gesellschaftlich erreichten technischen Niveaus ist. Das Wechselverhältnis von Gesellschaft und Natur schließt immer gewaltigere Wirkungen der Menschen auf ihre Umwelt ein; die heutigen ökologischen Probleme zeigen nach Meinung der Marxisten die Notwendigkeit der Ersetzung der profitorientierten überlebten kapitalistischen Ordnung durch eine sozialistische Planwirtschaft.

Auch das Bevölkerungswachstum sei kein bloß natürliches, biologisches Problem: Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit sieht man in hohem Maße durch die gesellschaftliche Struktur bedingt; Malthus und seinen Epigonen gibt man daher Unrecht, wenn sie rigorose Begrenzung des Bevölkerungswachstums propagieren. Wenn die Weltbevölkerung heute auf ca. 3 Milliarden Erdbewohner gewachsen ist, so ist dies zwar auch nach Meinung der Marxisten mit vielen Problemen verbunden, prinzipiell kann die Erde aber noch weit mehr Menschen tragen als gegenwärtig, wenn nur alle Ernährungsmöglichkeiten - von der Ozeanagrikultur bis zur chemischen Synthese von Lebensmitteln - genutzt werden. Diese Haltung bedeutet aber keine generelle Ablehnung von Geburtenregulierung. Bereits Engels schrieb den angesichts der heutigen Möglichkeiten der Biotechnologie eher beklemmend wirkenden Satz: „Sollte aber einmal die kommunistische Gesellschaft sich genötigt sehen, die Produktion von Menschen ebenso zu regeln, wie sie die Produktion von Dingen schon geregelt hat, so wird gerade sie und allein sie es sein, die dies ohne Schwierigkeiten ausführt.“[8]

Ein entscheidendes Kategorienpaar im historischen Materialismus bilden die Begriffe „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“. Die Produktivkräfte umfassen zwei Komponenten: 1. Arbeitsgegenstände (der Teil der Natur, der bearbeitet, verarbeitet oder weiterverarbeitet wird) und Arbeitsmittel (die angewandten Werkzeuge, die gewissermaßen künstliche Organe des Menschen bilden); beide bilden als Produktionsmittel die stofflichen Elemente des Arbeitsprozesses. Diese müssen durch die lebendige Arbeit in Bewegung gesetzt werden. Produktivkräfte sind daher 2. die werktätigen Menschen mit ihren Begabungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Produktionserfahrungen. Diese Fertigkeiten sind aber immer bestimmt vom bereits erreichten Stand der Naturbeherrschung, der auch den Spielraum für die Erfindungen und praktische Anwendung neuer Technologie determiniert. Insofern sieht man in der Hervorhebung der Rolle der arbeitenden Menschen keine Gefahr für die These vom Primat des Objektiven vor dem Subjektiven, auch deshalb, weil jede Generation ihre Arbeitsfertigkeiten im Umgang mit den tradierten Produktionsmitteln, die die materielle Grundlage der Kontinuität der Geschichte bilden sollen, erwirbt. Der Stand der Produktivkraftentwicklung ist entscheidendes Geschichtskriterium: „Nicht was, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen.“[9]

Als Produktionsverhältnisse im Unterschied zu den Produktivkräften werden die Beziehungen bezeichnet, die die Menschen im Prozeß der materiellen Gütererzeugung miteinander eingehen. Entscheidend ist dabei das Verhältnis zu den grundlegenden Produktionsmitteln. Das Gemeineigentum soll Verhältnisse gegenseitiger Zusammenarbeit und Hilfe begründen, während das Privateigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln Verhältnisse von Herrschaft und Ausbeutung hervorbringen soll. Man unterscheidet verschiedene geschichtliche Typen des Gemeineigentums (vom Stammeseigentum bis zum modernen „Volkseigentum“ in den sozialistischen Ländern) und auch des Privateigentums (z.B. feudales und kapitalistisches). Die Produktionsverhältnisse sind bestimmend auch für die Distributions- und Austauschverhältnisse.

Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse stehen sich wie gesellschaftliche Form und stofflicher Inhalt der materiellen Güterproduktion gegenüber. Der enge Zusammenhang beider Seiten wird durch den Begriff der „Produktionsweise“ widergespiegelt. Ihr Wechselverhältnis wird dadurch bestimmt, daß sich die Produktionsverhältnisse unter dem determinierenden Einfluß der Produktivkraftentwicklung herausbilden, mit deren Dynamik sie schließlich in Widerspruch geraten, eine Dialektik, die die eigentliche Quelle der Bewegung und Entwicklung der Gesellschaft bildet. „Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein [...] Eine Gesellschaftsform geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“[10] In der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt sich der sprengende Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der hochtechnisierten arbeitsteiligen Produktion und der privaten Form der Aneignung der geschaffenen Güter durch die Produktionsmittelbesitzer. Die hemmende Rolle überlebter Produktionsverhältnisse soll man sich allerdings nicht im Sinne absoluten Stillstands vorstellen, eher im Sinne einer Deformation, die Probleme schafft, Produktivkräfte in Destruktivkräfte verwandelt, die Nutzung aller technischen Mittel zum Wohl des Menschen verhindert. Die Zeiten, als sich sowjetische Ökonomen wunderten, daß der Kapitalismus nicht völlig stagnierte, sind vorbei.

Um das Allgemeine einer - durch die Produktionsweise bestimmten - Gesellschaftsordnung gegenüber den besonderen Umständen ihres Auftretens in diesem oder jenem Land hervorzuheben, entwickelt der Marxismus die Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformation. Die Gesellschaft ist ein „sozialer Organismus“, d.h. ein System von Erscheinungen und Verhältnissen, die „organisch miteinander verbunden sind und wechselseitig voneinander abhängen.“[11] Als ökonomische Formation wird er bezeichnet, weil „die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitalters in letzter Instanz zu erklären sind.“[12] Diese ökonomische Struktur ist die Basis der Gesellschaft, zu deren Überbau drei Gruppen von Erscheinungen gehören: „erstens die gesellschaftlichen Ideen, Stimmungen, die sozialen Gefühle, das heißt die Ideologie und die gesellschaftliche Psychologie; zweitens die verschiedenen Organisationen und Institutionen: Staat, Gerichte, Kirchen usw.; und drittens die Überbauverhältnisse (ideologischen Verhältnisse)“ unter den Menschen.[13] Diese werden im Gegensatz zu den sich spontan und zwangsläufig bildenden materiellen Verhältnissen mehr oder weniger willentlich und bewußt eingegangen (man denke dabei an den Gegensatz etwa zwischen einem - aus Existenzgründen notwendigen - Arbeitsverhältnis und der freiwilligen Mitgliedschaft in einer politischen Partei). Der Begriff „materielle gesellschaftliche Verhältnisse“ wird freilich etwas weiter als der „Basis“begriff gefaßt, weil er z.B. auch „elementare Verhältnisse außerhalb der Produktion, z.B. in der Familie“ einschließt.[14] Auf der anderen Seite ist der Überbau nicht einfach ideell, denn er stützt sich auf Formen sozialer Kontrolle und wendet materielle Mittel - Polizei, Armee, Gefängnisse - an. Der Überbau steht zur jeweiligen Basis im Verhältnis der Entsprechung, seine Widersprüche (Parteienkämpfe, Weltanschauungsstreitigkeiten, etc.) sind letztlich Ausdruck der Basiswidersprüche. Es kann, so wird gesagt, keine wahrhafte politische Demokratie geben, wo die privatkapitalistische ökonomische Macht weniger basisbestimmend ist.

Eine interessante Frage bezüglich des Überbaus ist die folgende: Widerspricht die marxistisch-leninistische These von der Notwendigkeit der staatlichen Macht der Arbeiterklasse als Instrument des sozialistischen Aufbaus dem behaupteten Primat der Basis? Man könnte argumentieren, daß die Basis, also die sozialistische Wirtschaft, hier vom Staat, also vom Überbau, gelenkt und bestimmt werde. Dem wird aber entgegengehalten, erstens sei der neue Überbau Ausdruck der ökonomischen Notwendigkeit des Übergangs zum Sozialismus, zweitens sei die Herausbildung der sozialistischen Gesellschaft nicht ohne herangereifte materielle Voraussetzungen möglich, drittens sei der neue Überbau nicht Ursache des Sozialismus, sondern nur Mittel seiner Durchsetzung und viertens konsolidiere er sich erst endgültig, wenn sich die neue Produktionsform durchgesetzt habe, ergo sei dies kein Einwand.

Der Marxismus faßt die Geschichte als den Prozeß der notwendigen Entstehung, der Entwicklung und des Untergangs der ökonomischen Gesellschaftsformen auf, in deren Aufeinanderfolge eine ganz bestimmte Gesetzmaßigkeit waltet: Von der klassenlosen, aber armen und primitiven Urgesellschaft führt der Weg der Menschheit über die „antagonistischen“ Formationen (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus) zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, die sich auf höchstentwickelte Produktivkräfte stützen kann. In der Dialektik der Formationsentwicklung sieht man die Einheit und Geschlossenheit des Geschichtsprozesses begründet, den man nicht im Sinne Spenglers und Toynbees in die „Geschichten“ einzelner Kulturkreise aufgelöst wissen will, wenn man auch deren relative Selbständigkeit nicht leugnet.

Im einzelnen stellt sich dieses Geschichtsbild so dar: In der Gentilordnung der Urgesellschaft ergibt sich eine primitive Teilung der Arbeit nach Gesichtspunkten von Alter und Geschlecht. Mit den beiden großen Arbeitsteilungen zwischen Jagd bzw. Sammeln und Ackerbau und zwischen Ackerbau und Handwerk steigt die Arbeitsproduktivität. Mit einem Teil des damit entstehenden Überschusses über das zur Lebenserhaltung Notwendigste hinaus (Mehrprodukt) tauscht man bei anderen Stämmen Güter ein, die man selbst nicht oder nicht in genügendem Maße herstellen kann. Dieser primitive Warenaustausch an den Rändern der Gemeinwesen vertieft die Arbeitsteilung und hat längerfristig zur Folge, daß bestimmten Waren die Rolle der Äquivalentware zufällt (Muscheln, Vieh o.ä.), daß diese Rolle schließlich mit den Edelmetallen verwächst und das allgemeine Äquivalent, das Geld, auf den Plan tritt. Das Geld ermöglicht u.a. die Spezialisierung einzelner auf den Handel, also eine erneute Teilung der Arbeit. Daraus und aus dem wachsenden Mehrprodukt erwächst die Möglichkeit der Anhäufung und Umverteilung des Reichtums zugunsten einer Minderheit: Ausbeutung wird möglich. Bereits mit der Seßhaftwerdung als Folge des Ackerbaus wird die Verwendung von Gefangenen aus Stammeskämpfen als Sklaven „sinnvoller“ als ihre Tötung. Die ersten städtischen Siedlungen entstehen. Alle diese Faktoren zersetzen die Urgesellschaft, an deren Stelle nun - zuerst in den Stromkulturen von Nil, Euphrat, Jangtsekiang usw. - die ersten Klassengesellschaften treten. Wo „die Sklaverei Grundlage der gesellschaftlichen Produktion wurde, entstand die Sklavenhalterformation. Ihre Blüte und klassische Form entfaltete sich im Mittelmeerraum [...] Zu Sklaven gelangte man hier hauptsächlich durch Eroberungen [...] Gewöhnlich dienen Griechenland und Rom als jenes „Modell“, nach dem wir über die gesamte Formation urteilen. Ein solches Herangehen ist jedoch nicht historisch exakt. In Indien, China und in einer Reihe von Staaten des Nahen Ostens vollzog sich die Entwicklung in etwas anderen Formen. Dort erfuhr die Sklaverei keine so breite Entwicklung wie in Griechenland und Rom. Ein System relativ abgeschlossener Dorfgemeinschaften und ein zentralisierter despotischer Staat, der neben den politischen Funktionen die ökonomische Funktion der Errichtung und Erhaltung von Bewässerungsanlagen ausübte, von denen das Gedeihen des Ackerbaus abhing, und eine strenge Einteilung in Kasten bildeten einen spezifischen Gesellschaftstyp, dem eine Produktionsweise zugrunde lag, die Marx als asiatische Produktionsweise bezeichnete. Diese Gesellschaft, die in Asien, aber auch in einer Reihe von Ländern Afrikas (Ägypten) existierte, war eine Klassengesellschaft [...], jedoch wurden verschiedene Gemeinschaftsbeziehungen konserviert, was sich in der Unterentwickeltheit des Privateigentums am Boden ausdrückte.“ Ob es sich hierbei um eine eigene Formation handelt, ist unter den marxistischen Forschern umstritten, einig ist man sich aber darin, „daß es sich um einen spezifischen Typ sozialer Organisation handelt, den ein hohes Maß an Stagnation kennzeichnete, was ihn von der (nach damaligen Maßstäben betrachteten) dynamischen Welt des Mittelmeerraums stark unterscheidet.“[15]

Die feudale Gesellschaft ist eine Höherentwicklung, doch, „insgesamt gesehen, ist auch der Feudalismus eine stagnierende Gesellschaft. Eine auf Routine gegründete Technik, örtliche Abgeschlossenheit und Isoliertheit, eine schwache Entwicklung der Verkehrswege und der Nachrichtenmittel, die Existenz einer strengen und unveränderlichen Regelung für alle Arten von Tätigkeiten, die Standesschranken, der Druck der Traditionen, eine brutale Reglementierung des geistigen Lebens durch die Kirche [...], das alles hemmte progressive Veränderungen [...] Die Entwicklung der Arbeitsteilung, das Anwachsen der Ware-Geld-Beziehungen, das Aufkommen neuer Märkte usw. riefen neue Produktivkräfte ins Leben, die Kooperation und die Manufaktur, die, wie wir wissen, die Bedingungen für die Entstehung der maschinellen Produktion vorbereiteten. Die neuen Produktivkräfte erforderten auch neue ökonomische und soziale Formen, die ihrer Entwicklung Raum gaben. Aus diesem Grunde mußte der Feudalismus einer neuen ökonomischen Gesellschaftsformation, der kapitalistischen, den Platz abtreten.“[16] Der Kapitalismus führt zu einer enormen Steigerung des gesellschaftlichen Entwicklungstempos. Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es dazu: „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne [...] sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren [...] ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus [...] Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnten Absatz jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“[17]

In der Sklavenhaltergesellschaft sind die stofflichen und lebendigen Elemente der Produktivkräfte privates Eigentum (das römische Recht nennt sie denn auch „sprechende“ und „nicht-sprechende Werkzeuge“). Das feudalistische System basiert auf dem großen Grundeigentum. Hier beutet der Feudalherr als Eigentümer den von ihm persönlich abhängigen Bauern aus, indem er ihn zum Frondienst oder zu bestimmten Abgaben zwingt. Die kapitalistische Wirtschaftsstruktur ist durch das Privateigentum der Kapitalisten an den Fabriken, Bergwerken usw. bestimmt, und auf der anderen Seite durch die Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters - frei von persönlicher Abhängigkeit und von Arbeits- und Existenzmitteln -, der gezwungen ist, seine Arbeitskraft als Ware an den Kapitalbesitzer zu veräußern.

In allen drei Klassengesellschaften existiert außer den genannten Eigentumsformen noch das kleine Eigentum der Bauern und Handwerker. Dieses basiert in marxistischer Sicht auf eigener persönlicher Arbeit, während das Großeigentum auf Ausbeutung fremder Arbeitskraft beruht. Zwar ändern sich während dieser Geschichtsperiode die jeweiligen Pole des gesellschaftlichen Antagonismus, doch wie immer sich die Ausbeutungsform ändern mag, das Verhältnis Ausbeuter-Ausgebeutete bleibt erhalten. Den „Golgathaweg der Menschheit“ (Karl Liebknecht) durch die antagonistischen Gesellschaften betrachtet man als notwendig, damit der Mensch sich von der Natur losreißen und sich ihr beherrschend gegenüberstellen konnte; doch war diese Herrschaft über die Natur erkauft um den Preis des Beherrschtseins der Menschen von ihrem eigenen gesellschaftlichen Prozeß, um den Preis der Entfremdung. Darum spricht Marx auch von der „Vorgeschichte der Menschheit“, deren eigentliche Geschichte erst beginnt, wenn der Sprung aus dem „Reich der Notwendigkeit“ ins „Reich der Freiheit“ gelingt, wenn der Kapitalismus durch den Sozialismus/Kommunismus abgelöst sein wird.[18]

Das Maß der möglichen menschlichen Freiheit ist für Marx primär eine Frage der Gesellschaftsform, doch soll die These vom Sozialismus als Reich der Freiheit offenbar nicht bedeuten, daß nicht materielle Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten auch für die befreite Gesellschaft ihre Rolle spielen. Denn sonst wäre die folgende Aussage kaum verständlich: „Das Reich der Freiheit beginnt [...] erst da, wo das Arbeiten, das durch äußere Not und Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört: es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen. Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist seine Grundlage.“[19]

Der historische Materialismus will Tatsachenwissenschaft, nicht Geschichtsdogma sein, den historischen Prozeß in seiner Differenziertheit begreifen. Man beruft sich heute verstärkt auf Engels’ Warnungen vor einer Vulgarisierung der Theorie in seinen Spätbriefen zum historischen Materialismus. „Nach materialistischer Geschichtsauffassung“, so heißt es dort, „ist die in letzter Instanz bestimmende Macht in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des materiellen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, absurde Phrase“, statt ihn als Leitfaden bei der konkreten Untersuchung historischer Verhältnisse zu begreifen.[20] Der Überbau ist von der Basis zwar determiniert, aber nicht im mechanistischen Sinn: seine relative Selbständigkeit befähigt ihn zu aktiver Rückwirkung auf die Basis, was den konkreten Geschichtsverlauf sehr bedeutend modifizieren kann. Ideologische Einflüsse (sichtbar an der Rolle von Christentum, Islam und Marxismus!), Zufälligkeiten, die Rolle bestimmter Persönlichkeiten, all das beeinflußt nach heutiger marxistischer Auffassung die Form des geschichtlichen Ablaufs, ohne seine grundlegenden Notwendigkeiten aufzuheben; Krieg und Eroberung, Handel und Kulturaustausch führen zu gegenseitiger Befruchtung der Kulturen, die wiederum für das Tempo des Gesamtfortschritts mitbestimmend ist. Auch die Ungleichzeitigkeit von Entwicklungen spielt eine Rolle: Die germanischen Völker z.B. gehen von der sich zersetzenden Urgesellschaft sogleich zum Feudalismus über, da die römische Sklavenhalterordnung zu dieser Zeit bereits im Zerfall begriffen ist. Heute überspringen Länder mit feudalen Strukturen, gestützt auf das Bündnis mit dem „realen Sozialismus“, die kapitalistische Entwicklung - die Mongolei wird als Beispiel angeführt.

Zweifelsohne ist es ein bleibendes Verdienst des Marxismus, den Blick der Geschichtsforschung auf die Rolle der Produktivkräfte gelenkt zu haben. Diese faßt er primär als materielle Faktoren auf. Zugleich bezeichnet Marx die Maschinen aber auch als „Organe des menschlichen Willens über die Natur“, „vergegenständlichte Wissenskraft“[21]. Dies sind sie heute mehr denn je, denn unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution wirkt die Wissenschaft nicht nur mittelbar auf die Produktion ein, sondern sie wird zur ,,unmittelbaren Produktivkraft“[22]. Was heißt das aber anderes, als daß in verstärktem Maße der menschliche Geist die materielle Produktion unmittelbar bestimmt und durchdringt? So scheint die These von der Produktivkraftentwicklung als der Triebkraft der Geschichte -  und der Marxismus schätzt selbst die Menschen mit ihren Fähigkeiten als Hauptproduktivkraft ein! - sich so zu drehen, daß nicht Materie, sondern dem die Produktivkraftentwicklung bestimmenden Menschengeist der Primat für den geschichtlichen Prozeß zukommt. Dies wäre natürlich kein Materialismus mehr; und so gibt man sich denn alle Mühe, Argumente dafür zu ersinnen, wieso trotz des zugegebenen Geist-Anteils an der Produktivkraftentwicklung diese ein primär materiell bestimmter Prozeß ist: Man verweist dabei u.a. darauf, daß Fähigkeitsbildung immer eine Anpassungsleistung an die Zwänge und Notwendigkeiten objektiv vorgegebenen Produktionsbedingungen ist. Und auch die den Fähigkeiten zugrunde liegenden Begabungen betrachtet man als materiell verursacht durch physische Vererbung.

Die Tatsache, daß um den Status der Basis-Überbau-Lehre bis heute unter Marx‘ Anhängern gestritten wird, dürfte nicht zuletzt in der Problematik des Verhältnisses von Kritik und Widerspiegelung in der Marxschen Gesellschaftstheorie begründet sein. Marx versteht seine Analyse des Kapitalismus einerseits als Kritik eines falschen und zu überwindenden Zustands, andererseits will er sich darauf beschränken, eine sich unabhängig vom Bewußtsein vollziehende Geschichtsgesetzmäßigkeit einfach zu konstatieren. Das Verhältnis beider Ansätze ist konfliktträchtig. Deshalb kann die Frage entstehen, ob nicht die Existenz eines vom gesellschaftlichen Lebensprozeß relativ abgehobenen Überbaus, ob nicht die Tatsache, daß Zusammenhänge des Handelns sich als zwingende Gesetze darstellen, Bestandteil des falschen gesellschaftlichen Zustands Kapitalismus sind, eines Zustands, in dem das Objekt das Subjekt bestimmt, statt von ihm bestimmt zu werden. Besonders aus den Reihen der „Frankfurter Schule“ hat man die Marxsche Theorie in diesem Sinne auffassen wollen. Richtig ist sicher das Folgende: Marx will einen Zustand nicht nur beschreiben, sondern mit der Beschreibung zugleich kritisieren, in dem die tote, aufgehäufte, vergegenständlichte Arbeit, Besitz an Geld und Maschinen, die lebendige, sich erst vergegenständlichende Arbeit bestimmt. Diese Kritik visiert einen Zustand als geschichtlich möglich an, in dem diese Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart beendet ist.[23] Doch spricht vieles dagegen, daß Marx von der Möglichkeit einer völligen Umkehrung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses ausgegangen ist.

Marx glaubt an den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, wendet sich aber dagegen, den Fortschrittsbegriff „in der üblichen Abstraktion zu fassen“.[24] Form und Tempo des Fortschritts will der Marxismus jeweils konkret-historisch bestimmen. Entscheidendes Kriterium ist der an den materiellen Produktionsmitteln ablesbare Stand der Naturbeherrschung. Aber man will diesen Stand nicht außerhalb des Zusammenhangs mit der Gesellschaftsordnung betrachten, was zu tun man den Verfechtern der Industriegesellschaftstheorie vorhält. Den kulturellen Fortschritt sieht man vom materiellen abhängig, aber zwischen beiden existiere keine simple Korrelation. Die Herausbildung des real-existierenden Sozialismus wertet man als den größten Menschheitsfortschritt - das „imperialistische“ westliche System wird mit Fortschrittsfeindlichkeit identifiziert. Negative Erscheinungen im realen Sozialismus führt man darauf zurück, daß er ein junger, sich noch entwickelnder sozialer Organismus ist, in den Ländern, in denen er siegte, schwere Startbedingungen vorlagen und er sich in einem erbitterten Wettstreit mit dem westlichen System behaupten muß. Unsere geschichtliche Epoche wird als Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab gekennzeichnet: „Insgesamt verläuft der historische Prozeß der Gegenwart zum Sozialismus und Kommunismus. Hierin besteht sein tiefer Sinn.“[25] Doch dürfe man die marxistische Fortschrittskonzeption nicht versimpeln, es gebe keinen Zustand absoluter Vollkommenheit, auf den alles hinsteuere. Denn „die Geschichte tut nichts, sie ,besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ,kämpft keine Kämpfe‘! Es ist dies vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft, es ist nicht etwa die ,Geschichte‘“, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre - als ob sie eine aparte Person wäre - Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“[26]

Die philosophische Diskussion um den Fortschrittsbegriff beispielsweise in der Sowjetunion beginnt sich von Vereinfachungen zu lösen, wobei ausdrücklich eine schlichte Identifikation des historisch Notwendigen mit dem moralisch Guten abgelehnt wird.[27] In der Diskussion über die sozialistische Einstellung zur Arbeit, über Moral im Sozialismus usw. und vor allem in der gesellschaftlichen Praxis selbst, stößt man immer wieder auf das Problem der moralischen Verantwortlichkeit des einzelnen, wovon sich die Theorie nicht unbeeindruckt zeigen kann, auch wenn daraus keine kritischen Schlußfolgerungen in bezug auf die theoretischen Grundlagen gezogen werden: Der „neue Mensch“ entstand nicht als „Reflex“ der veränderten Produktionsverhältnisse quasi von selbst, die Kriminalität verschwand nicht einfach mit der Beseitigung ihrer wirklichen oder vermeintlichen „sozialen Geburtsstätten“, die Arbeit wurde weniger rasch als angenommen zum ersten Lebensbedürfnis. Und je länger die verflossene Zeit seit der Oktoberrevolution, um so weniger ist es möglich, all diese Probleme darauf zurückzuführen, daß die neue Gesellschaft eben noch, wie Marx einmal formuliert, mit den Muttermalen der alten, aus deren Schoß sie hervorgegangen ist, behaftet sei.[28] Auch der Hinweis auf externe Einflüsse, die demoralisierende Wirkung westlicher Propaganda etc. ist als Totalerklärung unzureichend. Betrachtet man dies alles nicht mit der Häme jener, die sich dadurch nur in ihrem Nihilismus in bezug auf den Menschheitsfortschritt bestätigen wollen, sondern als ein im Interesse dieses Fortschritts zu durchschauendes Problem, dann wird man dadurch letztlich durch die Realität selbst dahin geführt werden, nach einem Verständnis von Mensch und Gesellschaft zu suchen, das tiefer geht als die traditionelle marxistische Konzeption.




[1] MEW 23, S. 16. Stammler n. Konst., S. 268f. Zum gesamten Kapitel vgl. dort 265-335 und die entspr. Kapitel des Lehrbuchs „Grundlagen des hist. Mat.“

[2] MEW 23, S. 15f.

[3] MEW 4, S. 462.

[4] MEW 21, S. 296.

[5] MEW 13, S. 8f.

[6] MEW 23, S. 193.

[7] an J. Bloch, 21.9. 1890, MEW 37, S. 464.

[8] an K. Kautsky, 1. 2. 1881, MEW 3S, S. 151.

[9] MEW 23, S. 194f.

[10] MEW 13, S. 9.

[11] Konstantinow, S. 313.

[12] Engels, MEW 20, S. 2S.

[13] Konst. S. 319.

[14] ibd. 317.

[15] ibd. 324f.

[16] ibd. 32Sf.

[17] MEW 4, S. 46S.

[18] Vgl. MEW 13, S. 9; MEW 20, S. 264.

[19] MEW 2S, S. 828.

[20] an J. Bloch, 21.9.1890, MEW 37, S. 463.

[21] Grundrisse, S. S94.

[22] ibd.

[23] Vgl. MEW 23, S. 329.

[24] Grundrisse, S. 29.

[25] Konst. 272.

[26] MEW 2, S. 98.

[27] Vgl. Schischkin 1978.

[28] Vgl. MEW 19, S. 20.


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