III.
Teil: Geschichte, Gesellschaft und Persönlichkeit
1.
Die materialistische Geschichtsauffassung: Basis-Überbau-Lehre
und Begriff der ökonomischen Gesellschaftsformation
Bis
heute sehen seine Anhänger die wissenschaftliche Großtat des
Marxismus vor allem im Aufweis der Entwicklungsgesetze der
Gesellschaft. Marxismus-Kritiker sehen dagegen die These, die
Entwicklung der Gesellschaftsformen sei ein „naturgeschichtlicher
Prozeß“ im Widerspruch zum gleichzeitigen Appell zur praktischen
Veränderung; - es sei dasselbe, so der Neukantianer R. Stammler,
als wolle man eine Partei gründen, um eine Mondfinsternis
herbeizuführen. Die Begründung des Sozialismus als
Sollens-Forderung vertrage sich nicht mit dem Postulat seiner
notwendigen Genese aus dem gesellschaftlichen Sein.
Tatsächlich
scheint sich Marx dieser Problematik bewußter gewesen zu sein, als
die Kritiker gewöhnlich unterstellen. Zwar kann seiner Meinung nach
selbst diejenige Gesellschaft, die „dem Naturgesetz ihrer Bewegung
auf die Spur gekommen ist [...], naturgemäße Entwicklungen weder
überspringen noch wegdekretieren.“ Doch ist der Spielraum des „subjektiven
Faktors“ immerhin so weit bemessen, daß sich die Entwicklung „
in brutaleren oder humaneren Formen“ bewegen kann, daß kluges
geschichtliches Handeln „die Geburtswehen“ einer neuen
Gesellschaftsordnung „abkürzen oder mildern“ kann.
Im
„Kommunistischen Manifest“ ist gar die Rede davon, daß die
geschichtlichen Klassenkämpfe jeweils mit dem Sieg einer Seite oder
dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen endeten, also in
ihrem Ausgang nicht vollständig vorherbestimmt waren.
Der revolutionäre Marxismus, so argumentieren heute
sowjetische Marxisten, hat den Objektivismus und Ökonomismus der
II. Internationale bekämpft, der, auf die Verwirklichung der
objektiven Geschichtsgesetze im Selbstlauf bauend, die
revolutionäre Aktion der Massen mißachtet hat. Die Kenntnis der
Geschichtsgesetze entbinde jedoch nicht vom Handeln, sondern
verlange es geradezu, um die objektiven Gesetze zu realisieren.
Die
Geschichtsgesetze _ obwohl sie mit Notwendigkeit wirken - dürfen
nicht einfach mit Naturgesetzen gleichgesetzt werden: In der Natur
wirken blinde Agenzien, „in der Geschichte der Gesellschaft sind
die Handelnden lauter mit Bewußtsein begabte, mit Überlegung oder
Leidenschaft handelnde, auf bestimmte Zwecke hinarbeitende Menschen;
nichts geschieht hier ohne bewußte Absicht, ohne gewolltes Ziel
[...]“, schreibt Engels.
Die gesellschaftlichen Gesetze müssen also als Zusammenhänge im
menschlichen Handeln gedacht werden, wobei auch noch
allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten und solche, die nur für
bestimmte Gesellschaftsformen, z.B. Klassengesellschaften, gelten,
unterschieden werden müssen.
Die
erste und grundlegende Notwendigkeit für das geschichtliche Handeln
ergibt sich aus dem Zwang zur Existenzerhaltung durch Arbeit: Die
Menschen brauchen Nahrung, Kleidung, Wohnung usw., die sie sich im
„Stoffwechselprozeß mit der Natur“ erwerben müssen. Die
Bedingungen dieses Erwerbs zwingen zur Gemeinschaftlichkeit: nur
durch gemeinschaftliche, gesellschaftliche Arbeit können die
Menschen sich gegenüber der Natur behaupten. Hier kann man von
einem objektiven Gesetz sprechen, insofern diese Notwendigkeit
unabhängig ist von den Vorstellungen und Wünschen der Menschen,
die sich ihr vielmehr anzupassen haben. Auch sieht sich der einzelne
immer bereits in eine bestimmte Gesellschaftsform hineingeboren und
dadurch mit objektiven Voraussetzungen seines Handelns konfrontiert,
die er nicht willkürlich ändern kann.
Der
Marxismus bleibt aber nicht dabei stehen, objektive Rahmenbedingungen
zu konstatieren, unter denen sich das Handeln vollzieht, sondern
er faßt die gesellschaftlichen Notwendigkeiten als Bestimmungsgründe
für das Handeln auf: „In der gesellschaftlichen Produktion
ihres materiellen Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige,
von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein,
Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe
ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. [...] Die
Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen,
politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das
Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“
Verhältnisse
und Beziehungen existieren nicht dinglich und sinnlich anschaubar.
Dennoch sollen die Produktionsverhältnisse im Sinne der Leninschen
Materiedefinition materielle Verhältnisse sein, weil sie „objektiv-real“,
unabhängig vom Wünschen und Dafürhalten der Menschen existieren.
Die
ideellen Motive und individuellen Triebfedern des Handelns sind
nicht entscheidend. Die Ideale entpuppen sich in hohem Maße als
Illusionen, die sich die Individuen über die ihrem Handeln
tatsächlich zugrundeliegenden materiellen gesellschaftlichen
Ursachen machen müssen, jedenfalls solange sie diese nicht oder
nicht voll durchschauen, was erst durch die marxistische
Gesellschaftstheorie möglich geworden ist. Vorher ist ihr
Bewußtsein notwendig verkehrte und verzerrte Widerspiegelung des
gesellschaftlichen Seins. Wissenschaft, Kunst, Religion, Moral,
Recht sind nicht bloß insofern von sozialökonomischer Relevanz,
als sich aus ihnen Gesichtspunkte für eine Regelung ökonomischer
Fragen im weitesten Sinne ergeben können. Sie sind überhaupt nur
ein Teil des die ökonomische Basis der Gesellschaft
widerspiegelnden Überbaus, sind letztlich vom widergespiegelten
Inhalt her geprägt und determiniert.
Marx
ist sich durchaus darüber im klaren, daß die Arbeit kein rein
materieller Prozeß ist, sondern eine geistige Seite hat: „Eine
Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und
eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen
menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten
Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle
in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“
Daraus darf man aber nach Auffassung der Marxisten-Leninisten
nicht schließen, daß gesellschaftliches Sein und Bewußtsein
ununterscheidbar zusammenfließen oder daß die
Produktionsverhältnisse geistige Verhältnisse wären: denn das
Sein bleibe dem Bewußtsein immer vorgegeben und werde nie restlos
von ihm erfaßt. Der Primat des gesellschaftlichen Seins drückte
sich in der Vergangenheit auch darin aus, daß in der Regel die
menschlichen Handlungen - vor allem langfristig - ganz andere als
die unmittelbar gewollten und vorausgesehenen Folgen hatten:
insofern trafen die sich einstellenden Resultate die Menschen
letztlich ähnlich wie blind wirkende Naturkräfte: Die Geschichte
macht sich so, schreibt Engels, „daß das Endresultat stets aus
den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht [...] es sind also
unzählige einander durchkreuzende Kräfte [...], daraus eine
Resultante - das geschichtliche Ergebnis - hervorgeht, die selbst
wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos
und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann.“
Der Sozialismus soll zwar die Menschen zum ersten Mal zum
Subjekt ihrer Geschichte in dem Sinne machen, daß nun
planmäßiges, in seinen Wirkungen vorhersehbares Handeln zum Wohl
aller möglich wird, trotzdem bleibt die Objektivität der
gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten bestehen, die man nicht
ungestraft mißachtet.
Materielle
Bedingung des gesellschaftlichen Lebens ist neben der ökonomischen
Struktur auch die Geographie (Fruchtbarkeit eines Landes, Reichtum
an Bodenschätzen). Aber diese natürlichen Voraussetzungen gelten
im Marxismus nicht als die entscheidenden. Das werde schon daran
deutlich, daß die Ausnutzung natürlicher Ressourcen immer eine
Frage des gesellschaftlich erreichten technischen Niveaus ist. Das
Wechselverhältnis von Gesellschaft und Natur schließt immer
gewaltigere Wirkungen der Menschen auf ihre Umwelt ein; die heutigen
ökologischen Probleme zeigen nach Meinung der Marxisten die
Notwendigkeit der Ersetzung der profitorientierten überlebten
kapitalistischen Ordnung durch eine sozialistische Planwirtschaft.
Auch
das Bevölkerungswachstum sei kein bloß natürliches, biologisches
Problem: Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit sieht man in hohem Maße
durch die gesellschaftliche Struktur bedingt; Malthus und seinen
Epigonen gibt man daher Unrecht, wenn sie rigorose Begrenzung des
Bevölkerungswachstums propagieren. Wenn die Weltbevölkerung heute
auf ca. 3 Milliarden Erdbewohner gewachsen ist, so ist dies zwar
auch nach Meinung der Marxisten mit vielen Problemen verbunden,
prinzipiell kann die Erde aber noch weit mehr Menschen tragen als
gegenwärtig, wenn nur alle Ernährungsmöglichkeiten - von der
Ozeanagrikultur bis zur chemischen Synthese von Lebensmitteln -
genutzt werden. Diese Haltung bedeutet aber keine generelle
Ablehnung von Geburtenregulierung. Bereits Engels schrieb den
angesichts der heutigen Möglichkeiten der Biotechnologie eher
beklemmend wirkenden Satz: „Sollte aber einmal die kommunistische
Gesellschaft sich genötigt sehen, die Produktion von Menschen
ebenso zu regeln, wie sie die Produktion von Dingen schon geregelt
hat, so wird gerade sie und allein sie es sein, die dies ohne
Schwierigkeiten ausführt.“
Ein
entscheidendes Kategorienpaar im historischen Materialismus bilden
die Begriffe „Produktivkräfte“ und „Produktionsverhältnisse“.
Die Produktivkräfte umfassen zwei Komponenten: 1.
Arbeitsgegenstände (der Teil der Natur, der bearbeitet, verarbeitet
oder weiterverarbeitet wird) und Arbeitsmittel (die angewandten
Werkzeuge, die gewissermaßen künstliche Organe des Menschen
bilden); beide bilden als Produktionsmittel die stofflichen Elemente
des Arbeitsprozesses. Diese müssen durch die lebendige Arbeit in
Bewegung gesetzt werden. Produktivkräfte sind daher 2. die
werktätigen Menschen mit ihren Begabungen, Fähigkeiten,
Fertigkeiten und Produktionserfahrungen. Diese Fertigkeiten sind
aber immer bestimmt vom bereits erreichten Stand der
Naturbeherrschung, der auch den Spielraum für die Erfindungen und
praktische Anwendung neuer Technologie determiniert. Insofern sieht
man in der Hervorhebung der Rolle der arbeitenden Menschen keine
Gefahr für die These vom Primat des Objektiven vor dem Subjektiven,
auch deshalb, weil jede Generation ihre Arbeitsfertigkeiten im
Umgang mit den tradierten Produktionsmitteln, die die materielle
Grundlage der Kontinuität der Geschichte bilden sollen, erwirbt.
Der Stand der Produktivkraftentwicklung ist entscheidendes
Geschichtskriterium: „Nicht was, sondern wie, mit welchen
Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen
Epochen.“
Als
Produktionsverhältnisse im Unterschied zu den Produktivkräften
werden die Beziehungen bezeichnet, die die Menschen im Prozeß der
materiellen Gütererzeugung miteinander eingehen. Entscheidend ist
dabei das Verhältnis zu den grundlegenden Produktionsmitteln. Das
Gemeineigentum soll Verhältnisse gegenseitiger Zusammenarbeit und
Hilfe begründen, während das Privateigentum an den entscheidenden
Produktionsmitteln Verhältnisse von Herrschaft und Ausbeutung
hervorbringen soll. Man unterscheidet verschiedene geschichtliche
Typen des Gemeineigentums (vom Stammeseigentum bis zum modernen „Volkseigentum“
in den sozialistischen Ländern) und auch des Privateigentums (z.B.
feudales und kapitalistisches). Die Produktionsverhältnisse sind
bestimmend auch für die Distributions- und Austauschverhältnisse.
Produktivkräfte
und Produktionsverhältnisse stehen sich wie gesellschaftliche Form
und stofflicher Inhalt der materiellen Güterproduktion gegenüber.
Der enge Zusammenhang beider Seiten wird durch den Begriff der „Produktionsweise“
widergespiegelt. Ihr Wechselverhältnis wird dadurch bestimmt, daß
sich die Produktionsverhältnisse unter dem determinierenden
Einfluß der Produktivkraftentwicklung herausbilden, mit deren
Dynamik sie schließlich in Widerspruch geraten, eine Dialektik, die
die eigentliche Quelle der Bewegung und Entwicklung der Gesellschaft
bildet. „Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen
diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine
Epoche sozialer Revolution ein [...] Eine Gesellschaftsform geht nie
unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie
weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie
an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben
im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“
In der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt sich der
sprengende Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der
hochtechnisierten arbeitsteiligen Produktion und der privaten Form
der Aneignung der geschaffenen Güter durch die
Produktionsmittelbesitzer. Die hemmende Rolle überlebter
Produktionsverhältnisse soll man sich allerdings nicht im Sinne
absoluten Stillstands vorstellen, eher im Sinne einer Deformation,
die Probleme schafft, Produktivkräfte in Destruktivkräfte
verwandelt, die Nutzung aller technischen Mittel zum Wohl des
Menschen verhindert. Die Zeiten, als sich sowjetische Ökonomen
wunderten, daß der Kapitalismus nicht völlig stagnierte, sind
vorbei.
Um
das Allgemeine einer - durch die Produktionsweise bestimmten -
Gesellschaftsordnung gegenüber den besonderen Umständen ihres
Auftretens in diesem oder jenem Land hervorzuheben, entwickelt der
Marxismus die Kategorie der ökonomischen Gesellschaftsformation.
Die Gesellschaft ist ein „sozialer Organismus“, d.h. ein System
von Erscheinungen und Verhältnissen, die „organisch miteinander
verbunden sind und wechselseitig voneinander abhängen.“
Als ökonomische Formation
wird er bezeichnet, weil „die jedesmalige ökonomische Struktur
der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte
Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der
religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines
jeden geschichtlichen Zeitalters in letzter Instanz zu erklären
sind.“
Diese ökonomische Struktur ist die Basis der
Gesellschaft, zu deren Überbau drei Gruppen von Erscheinungen
gehören: „erstens die gesellschaftlichen Ideen, Stimmungen, die
sozialen Gefühle, das heißt die Ideologie und die
gesellschaftliche Psychologie; zweitens die verschiedenen
Organisationen und Institutionen: Staat, Gerichte, Kirchen usw.; und
drittens die Überbauverhältnisse (ideologischen Verhältnisse)“
unter den Menschen.
Diese werden im Gegensatz zu den sich spontan und zwangsläufig
bildenden materiellen Verhältnissen mehr oder weniger willentlich
und bewußt eingegangen (man denke dabei an den Gegensatz etwa
zwischen einem - aus
Existenzgründen notwendigen - Arbeitsverhältnis und der
freiwilligen Mitgliedschaft in einer politischen Partei). Der
Begriff „materielle gesellschaftliche Verhältnisse“ wird
freilich etwas weiter als der „Basis“begriff gefaßt, weil er
z.B. auch „elementare Verhältnisse außerhalb der Produktion,
z.B. in der Familie“ einschließt.
Auf der anderen Seite ist der Überbau nicht einfach ideell, denn er
stützt sich auf Formen sozialer Kontrolle und wendet materielle
Mittel - Polizei, Armee, Gefängnisse - an. Der Überbau steht zur
jeweiligen Basis im Verhältnis der Entsprechung, seine
Widersprüche (Parteienkämpfe, Weltanschauungsstreitigkeiten, etc.)
sind letztlich Ausdruck der Basiswidersprüche. Es kann, so wird
gesagt, keine wahrhafte politische Demokratie geben, wo die
privatkapitalistische ökonomische Macht weniger basisbestimmend
ist.
Eine
interessante Frage bezüglich des Überbaus ist die folgende:
Widerspricht die marxistisch-leninistische These von der
Notwendigkeit der staatlichen Macht der Arbeiterklasse als
Instrument des sozialistischen Aufbaus dem behaupteten Primat der
Basis? Man könnte argumentieren, daß die Basis, also die
sozialistische Wirtschaft, hier vom Staat, also vom Überbau,
gelenkt und bestimmt werde. Dem wird aber entgegengehalten, erstens
sei der neue Überbau Ausdruck der ökonomischen Notwendigkeit des
Übergangs zum Sozialismus, zweitens sei die Herausbildung der
sozialistischen Gesellschaft nicht ohne herangereifte materielle
Voraussetzungen möglich, drittens sei der neue Überbau nicht
Ursache des Sozialismus, sondern nur Mittel seiner Durchsetzung und
viertens konsolidiere er sich erst endgültig, wenn sich die neue
Produktionsform durchgesetzt habe, ergo sei dies kein Einwand.
Der
Marxismus faßt die Geschichte als den Prozeß der notwendigen
Entstehung, der Entwicklung und des Untergangs der ökonomischen
Gesellschaftsformen auf, in deren Aufeinanderfolge eine ganz
bestimmte Gesetzmaßigkeit waltet: Von der klassenlosen, aber armen
und primitiven Urgesellschaft führt der Weg der Menschheit über
die „antagonistischen“ Formationen (Sklavenhaltergesellschaft,
Feudalismus, Kapitalismus) zur klassenlosen kommunistischen
Gesellschaft, die sich auf höchstentwickelte Produktivkräfte
stützen kann. In der Dialektik der Formationsentwicklung sieht man
die Einheit und Geschlossenheit des Geschichtsprozesses begründet,
den man nicht im Sinne Spenglers und Toynbees in die „Geschichten“
einzelner Kulturkreise aufgelöst wissen will, wenn man auch deren
relative Selbständigkeit nicht leugnet.
Im
einzelnen stellt sich dieses Geschichtsbild so dar: In der
Gentilordnung der Urgesellschaft ergibt sich eine primitive Teilung
der Arbeit nach Gesichtspunkten von Alter und Geschlecht. Mit den
beiden großen Arbeitsteilungen zwischen Jagd bzw. Sammeln und
Ackerbau und zwischen Ackerbau und Handwerk steigt die
Arbeitsproduktivität. Mit einem Teil des damit entstehenden
Überschusses über das zur Lebenserhaltung Notwendigste hinaus
(Mehrprodukt) tauscht man bei anderen Stämmen Güter ein, die man
selbst nicht oder nicht in genügendem Maße herstellen kann. Dieser
primitive Warenaustausch an den Rändern der Gemeinwesen vertieft
die Arbeitsteilung und hat längerfristig zur Folge, daß bestimmten
Waren die Rolle der Äquivalentware zufällt (Muscheln, Vieh o.ä.),
daß diese Rolle schließlich mit den Edelmetallen verwächst und
das allgemeine Äquivalent, das Geld, auf den Plan tritt. Das Geld
ermöglicht u.a. die Spezialisierung einzelner auf den Handel, also
eine erneute Teilung der Arbeit. Daraus und aus dem wachsenden
Mehrprodukt erwächst die Möglichkeit der Anhäufung und
Umverteilung des Reichtums zugunsten einer Minderheit: Ausbeutung
wird möglich. Bereits mit der Seßhaftwerdung als Folge des
Ackerbaus wird die Verwendung von Gefangenen aus Stammeskämpfen als
Sklaven „sinnvoller“ als ihre Tötung. Die ersten städtischen
Siedlungen entstehen. Alle diese Faktoren zersetzen die
Urgesellschaft, an deren Stelle nun - zuerst in den Stromkulturen
von Nil, Euphrat, Jangtsekiang usw. - die ersten
Klassengesellschaften treten. Wo „die Sklaverei Grundlage der
gesellschaftlichen Produktion wurde, entstand die
Sklavenhalterformation. Ihre Blüte und klassische Form entfaltete
sich im Mittelmeerraum [...] Zu Sklaven gelangte man hier
hauptsächlich durch Eroberungen [...] Gewöhnlich dienen
Griechenland und Rom als jenes „Modell“, nach dem wir über die
gesamte Formation urteilen. Ein solches Herangehen ist jedoch nicht
historisch exakt. In Indien, China und in einer Reihe von Staaten
des Nahen Ostens vollzog sich die Entwicklung in etwas anderen
Formen. Dort erfuhr die Sklaverei keine so breite Entwicklung wie in
Griechenland und Rom. Ein System relativ abgeschlossener
Dorfgemeinschaften und ein zentralisierter despotischer Staat, der
neben den politischen Funktionen die ökonomische Funktion der
Errichtung und Erhaltung von Bewässerungsanlagen ausübte, von
denen das Gedeihen des Ackerbaus abhing, und eine strenge Einteilung
in Kasten bildeten einen spezifischen Gesellschaftstyp, dem eine
Produktionsweise zugrunde lag, die Marx als asiatische Produktionsweise bezeichnete. Diese Gesellschaft, die in
Asien, aber auch in einer Reihe von Ländern Afrikas (Ägypten)
existierte, war eine Klassengesellschaft [...], jedoch wurden
verschiedene Gemeinschaftsbeziehungen konserviert, was sich in der
Unterentwickeltheit des Privateigentums am Boden ausdrückte.“ Ob
es sich hierbei um eine eigene Formation handelt, ist unter den
marxistischen Forschern umstritten, einig ist man sich aber darin,
„daß es sich um einen spezifischen Typ sozialer Organisation
handelt, den ein hohes Maß an Stagnation kennzeichnete, was ihn von
der (nach damaligen Maßstäben betrachteten) dynamischen Welt des
Mittelmeerraums stark unterscheidet.“
Die
feudale Gesellschaft ist eine Höherentwicklung, doch, „insgesamt
gesehen, ist auch der Feudalismus eine stagnierende Gesellschaft.
Eine auf Routine gegründete Technik, örtliche Abgeschlossenheit
und Isoliertheit, eine schwache Entwicklung der Verkehrswege und der
Nachrichtenmittel, die Existenz einer strengen und unveränderlichen
Regelung für alle Arten von Tätigkeiten, die Standesschranken, der
Druck der Traditionen, eine brutale Reglementierung des geistigen
Lebens durch die Kirche [...], das alles hemmte progressive
Veränderungen [...] Die Entwicklung der Arbeitsteilung, das
Anwachsen der Ware-Geld-Beziehungen, das Aufkommen neuer Märkte
usw. riefen neue Produktivkräfte ins Leben, die Kooperation und die
Manufaktur, die, wie wir wissen, die Bedingungen für die Entstehung
der maschinellen Produktion vorbereiteten. Die neuen
Produktivkräfte erforderten auch neue ökonomische und soziale
Formen, die ihrer Entwicklung Raum gaben. Aus diesem Grunde mußte
der Feudalismus einer neuen ökonomischen Gesellschaftsformation,
der kapitalistischen, den Platz abtreten.“
Der Kapitalismus führt zu einer enormen Steigerung des
gesellschaftlichen Entwicklungstempos. Im „Kommunistischen
Manifest“ heißt es dazu: „Die Bourgeoisie kann nicht
existieren, ohne [...] sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse
fortwährend zu revolutionieren [...] ewige Unsicherheit und
Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus [...]
Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnten Absatz jagt die
Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich
einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“
In
der Sklavenhaltergesellschaft sind die stofflichen und lebendigen
Elemente der Produktivkräfte privates Eigentum (das römische Recht
nennt sie denn auch „sprechende“ und „nicht-sprechende
Werkzeuge“). Das feudalistische System basiert auf dem großen
Grundeigentum. Hier beutet der Feudalherr als Eigentümer den von
ihm persönlich abhängigen Bauern aus, indem er ihn zum Frondienst
oder zu bestimmten Abgaben zwingt. Die kapitalistische
Wirtschaftsstruktur ist durch das Privateigentum der Kapitalisten an
den Fabriken, Bergwerken usw. bestimmt, und auf der anderen Seite
durch die Existenz des doppelt freien Lohnarbeiters - frei von
persönlicher Abhängigkeit und von Arbeits- und Existenzmitteln -,
der gezwungen ist, seine Arbeitskraft als Ware an den
Kapitalbesitzer zu veräußern.
In
allen drei Klassengesellschaften existiert außer den genannten
Eigentumsformen noch das kleine Eigentum der Bauern und Handwerker.
Dieses basiert in marxistischer Sicht auf eigener persönlicher
Arbeit, während das Großeigentum auf Ausbeutung fremder
Arbeitskraft beruht. Zwar ändern sich während dieser
Geschichtsperiode die jeweiligen Pole des gesellschaftlichen
Antagonismus, doch wie immer sich die Ausbeutungsform ändern mag,
das Verhältnis Ausbeuter-Ausgebeutete bleibt erhalten. Den „Golgathaweg
der Menschheit“ (Karl Liebknecht) durch die antagonistischen
Gesellschaften betrachtet man als notwendig, damit der Mensch sich
von der Natur losreißen und sich ihr beherrschend gegenüberstellen
konnte; doch war diese Herrschaft über die Natur erkauft um den
Preis des Beherrschtseins der Menschen von ihrem eigenen
gesellschaftlichen Prozeß, um den Preis der Entfremdung. Darum
spricht Marx auch von der „Vorgeschichte der Menschheit“, deren
eigentliche Geschichte erst beginnt, wenn der Sprung aus dem „Reich
der Notwendigkeit“ ins „Reich der Freiheit“ gelingt, wenn der
Kapitalismus durch den Sozialismus/Kommunismus abgelöst sein wird.
Das
Maß der möglichen menschlichen Freiheit ist für Marx primär eine
Frage der Gesellschaftsform, doch soll die These vom Sozialismus als
Reich der Freiheit offenbar nicht bedeuten, daß nicht materielle
Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten auch für die befreite
Gesellschaft ihre Rolle spielen. Denn sonst wäre die folgende
Aussage kaum verständlich: „Das Reich der Freiheit beginnt [...]
erst da, wo das Arbeiten, das durch äußere Not und
Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört: es liegt also der Natur der
Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen
Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine
Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu
reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen
Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit
seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der
Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern
sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in
diesem Gebiet kann nur darin bestehen, daß der vergesellschaftete
Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit
der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle
bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu
werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer
menschlichen. Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen
vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit.
Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die
sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber
nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen
kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist seine Grundlage.“
Der
historische Materialismus will Tatsachenwissenschaft, nicht
Geschichtsdogma sein, den historischen Prozeß in seiner
Differenziertheit begreifen. Man beruft sich heute verstärkt auf
Engels’ Warnungen vor einer Vulgarisierung der Theorie in seinen
Spätbriefen zum historischen Materialismus. „Nach
materialistischer Geschichtsauffassung“, so heißt es dort, „ist
die in letzter Instanz bestimmende Macht in der Geschichte die
Produktion und Reproduktion des materiellen Lebens. Mehr hat weder
Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das
ökonomische Moment sei das einzig
bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende,
absurde Phrase“, statt ihn als Leitfaden bei der konkreten
Untersuchung historischer Verhältnisse zu begreifen.
Der Überbau ist von der Basis zwar determiniert, aber nicht
im mechanistischen Sinn: seine relative Selbständigkeit befähigt
ihn zu aktiver Rückwirkung auf die Basis, was den konkreten
Geschichtsverlauf sehr bedeutend modifizieren kann. Ideologische
Einflüsse (sichtbar an der Rolle von Christentum, Islam und
Marxismus!), Zufälligkeiten, die Rolle bestimmter
Persönlichkeiten, all das beeinflußt nach heutiger marxistischer
Auffassung die Form des geschichtlichen Ablaufs, ohne seine
grundlegenden Notwendigkeiten aufzuheben; Krieg und Eroberung,
Handel und Kulturaustausch führen zu gegenseitiger Befruchtung der
Kulturen, die wiederum für das Tempo des Gesamtfortschritts
mitbestimmend ist. Auch die Ungleichzeitigkeit von Entwicklungen
spielt eine Rolle: Die germanischen Völker z.B. gehen von der sich
zersetzenden Urgesellschaft sogleich zum Feudalismus über, da die
römische Sklavenhalterordnung zu dieser Zeit bereits im Zerfall
begriffen ist. Heute überspringen Länder mit feudalen Strukturen,
gestützt auf das Bündnis mit dem „realen Sozialismus“, die
kapitalistische Entwicklung - die Mongolei wird als Beispiel
angeführt.
Zweifelsohne
ist es ein bleibendes Verdienst des Marxismus, den Blick der
Geschichtsforschung auf die Rolle der Produktivkräfte gelenkt zu
haben. Diese faßt er primär als materielle Faktoren auf. Zugleich
bezeichnet Marx die Maschinen aber auch als „Organe des
menschlichen Willens über die Natur“, „vergegenständlichte
Wissenskraft“.
Dies sind sie heute mehr denn je, denn unter den Bedingungen der
wissenschaftlich-technischen Revolution wirkt die Wissenschaft nicht
nur mittelbar auf die Produktion ein, sondern sie wird zur ,,unmittelbaren
Produktivkraft“.
Was heißt das aber anderes, als daß in verstärktem Maße der
menschliche Geist die
materielle Produktion unmittelbar bestimmt und durchdringt? So
scheint die These von der Produktivkraftentwicklung als der
Triebkraft der Geschichte - und
der Marxismus schätzt selbst die Menschen mit ihren Fähigkeiten
als Hauptproduktivkraft ein! - sich so zu drehen, daß nicht
Materie, sondern dem die Produktivkraftentwicklung bestimmenden
Menschengeist der Primat für den geschichtlichen Prozeß zukommt.
Dies wäre natürlich kein Materialismus mehr; und so gibt man sich
denn alle Mühe, Argumente dafür zu ersinnen, wieso trotz des
zugegebenen Geist-Anteils an der Produktivkraftentwicklung diese ein
primär materiell bestimmter Prozeß ist: Man verweist dabei u.a.
darauf, daß Fähigkeitsbildung immer eine Anpassungsleistung an die
Zwänge und Notwendigkeiten objektiv vorgegebenen
Produktionsbedingungen ist. Und auch die den Fähigkeiten zugrunde
liegenden Begabungen betrachtet man als materiell verursacht durch
physische Vererbung.
Die
Tatsache, daß um den Status der Basis-Überbau-Lehre bis heute
unter Marx‘ Anhängern gestritten wird, dürfte nicht zuletzt in
der Problematik des Verhältnisses von Kritik und Widerspiegelung in
der Marxschen Gesellschaftstheorie begründet sein. Marx versteht
seine Analyse des Kapitalismus einerseits als Kritik eines falschen
und zu überwindenden Zustands, andererseits will er sich darauf
beschränken, eine sich unabhängig vom Bewußtsein vollziehende
Geschichtsgesetzmäßigkeit einfach zu konstatieren. Das Verhältnis
beider Ansätze ist konfliktträchtig. Deshalb kann die Frage
entstehen, ob nicht die Existenz eines vom gesellschaftlichen
Lebensprozeß relativ abgehobenen Überbaus, ob nicht die Tatsache,
daß Zusammenhänge des Handelns sich als zwingende Gesetze
darstellen, Bestandteil des falschen gesellschaftlichen Zustands
Kapitalismus sind, eines Zustands, in dem das Objekt das Subjekt
bestimmt, statt von ihm bestimmt zu werden. Besonders aus den Reihen
der „Frankfurter Schule“ hat man die Marxsche Theorie in diesem
Sinne auffassen wollen. Richtig ist sicher das Folgende: Marx will
einen Zustand nicht nur beschreiben, sondern mit der Beschreibung
zugleich kritisieren, in dem die tote, aufgehäufte,
vergegenständlichte Arbeit, Besitz an Geld und Maschinen, die
lebendige, sich erst vergegenständlichende Arbeit bestimmt. Diese
Kritik visiert einen Zustand als geschichtlich möglich an, in dem
diese Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart beendet ist.
Doch spricht vieles dagegen, daß Marx von der Möglichkeit einer
völligen Umkehrung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses ausgegangen
ist.
Marx
glaubt an den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft, wendet sich
aber dagegen, den Fortschrittsbegriff „in der üblichen
Abstraktion zu fassen“.
Form und Tempo des Fortschritts will der Marxismus
jeweils konkret-historisch bestimmen. Entscheidendes Kriterium ist
der an den materiellen Produktionsmitteln ablesbare Stand der
Naturbeherrschung. Aber man will diesen Stand nicht außerhalb des
Zusammenhangs mit der Gesellschaftsordnung betrachten, was zu tun
man den Verfechtern der Industriegesellschaftstheorie vorhält. Den
kulturellen Fortschritt sieht man vom materiellen abhängig, aber
zwischen beiden existiere keine simple Korrelation. Die
Herausbildung des real-existierenden Sozialismus wertet man als den
größten Menschheitsfortschritt - das „imperialistische“
westliche System wird mit Fortschrittsfeindlichkeit identifiziert.
Negative Erscheinungen im realen Sozialismus führt man darauf
zurück, daß er ein junger, sich noch entwickelnder sozialer
Organismus ist, in den Ländern, in denen er siegte, schwere
Startbedingungen vorlagen und er sich in einem erbitterten
Wettstreit mit dem westlichen System behaupten muß. Unsere
geschichtliche Epoche wird als Epoche des Übergangs vom
Kapitalismus zum Sozialismus im Weltmaßstab gekennzeichnet: „Insgesamt
verläuft der historische Prozeß der Gegenwart zum Sozialismus und
Kommunismus. Hierin besteht sein tiefer Sinn.“
Doch dürfe man die marxistische Fortschrittskonzeption nicht
versimpeln, es gebe keinen Zustand absoluter Vollkommenheit, auf den
alles hinsteuere. Denn „die Geschichte tut nichts, sie ,besitzt
keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ,kämpft keine Kämpfe‘! Es ist
dies vielmehr der Mensch, der
wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft,
es ist nicht etwa die ,Geschichte‘“, die den Menschen zum Mittel
braucht, um ihre - als ob sie eine aparte Person wäre - Zwecke
durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts
als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“
Die
philosophische Diskussion um den Fortschrittsbegriff beispielsweise
in der Sowjetunion beginnt sich von Vereinfachungen zu lösen, wobei
ausdrücklich eine schlichte Identifikation des historisch
Notwendigen mit dem moralisch Guten abgelehnt wird.
In der Diskussion über die sozialistische Einstellung
zur Arbeit, über Moral im Sozialismus usw. und vor allem in der
gesellschaftlichen Praxis selbst, stößt man immer wieder auf das
Problem der moralischen Verantwortlichkeit des einzelnen, wovon sich
die Theorie nicht unbeeindruckt zeigen kann, auch wenn daraus keine
kritischen Schlußfolgerungen in bezug auf die theoretischen
Grundlagen gezogen werden: Der „neue Mensch“ entstand nicht als
„Reflex“ der veränderten Produktionsverhältnisse quasi von
selbst, die Kriminalität verschwand nicht einfach mit der
Beseitigung ihrer wirklichen oder vermeintlichen „sozialen
Geburtsstätten“, die Arbeit wurde weniger rasch als angenommen
zum ersten Lebensbedürfnis. Und je länger die verflossene Zeit
seit der Oktoberrevolution, um so weniger ist es möglich, all diese
Probleme darauf zurückzuführen, daß die neue Gesellschaft eben
noch, wie Marx einmal formuliert, mit den Muttermalen der alten, aus
deren Schoß sie hervorgegangen ist, behaftet sei.
Auch der Hinweis auf externe Einflüsse, die
demoralisierende Wirkung westlicher Propaganda etc. ist als
Totalerklärung unzureichend. Betrachtet man dies alles nicht mit
der Häme jener, die sich dadurch nur in ihrem Nihilismus in bezug
auf den Menschheitsfortschritt bestätigen wollen, sondern als ein
im Interesse dieses Fortschritts zu durchschauendes Problem, dann
wird man dadurch letztlich durch die Realität selbst dahin geführt
werden, nach einem Verständnis von Mensch und Gesellschaft zu
suchen, das tiefer geht als die traditionelle marxistische
Konzeption.