2.
Freiheit und Notwendigkeit in der Geschichte -
Anthroposophische und marxistische Gesellschaftsauffassung
Steiner will
soziale Gesetzmäßigkeiten aufweisen, die „für das soziale Leben
mit einer solchen Ausschließlichkeit und Notwendigkeit“ gelten,
„wie nur irgendein Naturgesetz für ein gewisses Gebiet von
Naturwirkungen gilt“.
Jedoch begründet für ihn die objektive Wirksamkeit solcher Gesetze
keine geschichtliche Notwendigkeit im Sinne einer vorbestimmten
Grundrichtung des Geschichtsverlaufs. Die Betrachtung von Steiners
sogenanntem Sozialem Hauptgesetz mag dies verdeutlichen. Es besagt:
„Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso
größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für
sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an
seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht
aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen
befriedigt werden.“ Einrichtungen, die dem Gesetz widersprechen, führen,
so Steiner, zu Mißständen. Er will das Gesetz keineswegs bloß
gesinnungsethisch aufgefaßt wissen, sondern hält soziale
Einrichtungen für erforderlich, die seine Beachtung sichern.
Das Gesetz legt die
Handlungsweise der Menschen nicht fest; welche Einrichtungen diese
schaffen, ist Sache ihrer Entscheidung und Phantasie. Die
Handlungsursache ist freiwirkend, und das Gesetz beschreibt nur den
notwendigen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Handlungsweise und
ihren Wirkungen. Wird das Gesetz nicht beachtet, macht es sich
allerdings, in katastrophischer Weise und hinter dem Rücken der
Menschen wirkend, gegen sie geltend. Wenn-dann-Relationen dieser Art
aufzudecken ist, nach Steiner, Aufgabe der Sozialwissenschaft. Diese
ist - Steiner spricht es im Zusammenhang mit der Volkswirtschaftslehre
so aus - theoretisch
und praktisch zugleich. Theoretisch, soweit sie beobachtet und
Beobachtungen deutet, so wie man aus Barometer- und Thermometerstand
Luftdruck und Wärmestand abliest. Praktisch, insoweit aus diesen
Beobachtungen sinnvolle Maßnahmen sich ableiten müssen, die nicht an
Symptomen, sondern an Ursachen ansetzen. Darüber hinaus geht es um
die Reflexion des moralischen Aspekts der Anwendung der Wissenschaft,
die für Steiner müßige Neugierde darstellte, würde sie nicht auf
die Erhöhung des Daseinswerts des einzelnen hinarbeiten: „Den
wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung
der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate.“
Von entscheidender
Bedeutung für die Herausarbeitung der Spezifik des anthroposophischen
gegenüber dem marxistischen Geschichts- und Gesellschaftsverständnis
ist das Problem des Verhältnisses von Freiheit und Notwendigkeit.
Dieses Besondere an Steiners Freiheitsphilosophie besteht nicht
etwa darin, daß dieser im Anschluß an Stirner und Mackay der
schrankenlosen Willkür eines ungeschichtlichen und
ungesellschaftlichen Individuums das Wort reden würde. Nicht nur, daß
er in der Ökonomie auf den objektiven Gemeinsinn des kollektiven
Urteils assoziierter Produzenten, Konsumenten und Händler setzt, er
schätzt vor allem den Wert von gesellschaftlicher Arbeit und
Kulturentwicklung für die Herausbildung der freien Persönlichkeit
hoch ein. Folgt der Mensch auf der Stufe der Wildheit zwanghaft seinen
Trieben und Gelüsten, so ist es gerade die Seßhaftwerdung und die äußere
Arbeit an der Natur im Ackerbau, die auch zur inneren Arbeit, zum
Umgehenlernen mit den Begierden und damit zur immer weitergehenden Fähigkeit
der Selbststeuerung führt.
Freiheit wird auch für
Steiner erst geschichtlich errungen, ja dem Reich der Notwendigkeit
abgetrotzt: Es ist der geschichtliche Weg der Menschheitsentwicklung,
der vom bloß „automatischen Handeln (nach natürlichen Trieben und
Instinkten)“ über das „gehorsame Handeln (nach sittlichen
Normen)“ zum „freien Geist“ führt, der diese „Vorstufen der
Sittlichkeit“ überwindet, sich herausarbeitet aus Naturzwang und
Normzwang.
Wenn Steiner den menschlichen Freiheitsspielraum in der
Geschichte auch größer einschätzt als Marx, ignoriert er so wenig
wie dieser materiell-ökonomische Voraussetzungen der Emanzipation des
Menschen. In den Berliner Arbeitervorträgen formuliert er mit aller
Deutlichkeit: „Die alten Weltanschauungen stehen mit den alten ökonomischen
Ordnungen, aber sie werden auch mit diesen fallen. Der ökonomisch
befreite Mensch wird auch als wissender und sittlicher ein freier
sein; und wenn die ökonomische Ordnung allen Menschen ein menschenwürdiges
Dasein bringen wird, dann werden sie auch eine Weltanschauung zu der
ihrigen machen, die den Geist ganz befreit.“
Die kritische Wendung gegenüber dem marxistischen
Freiheitsbegriff erfolgt an einer anderen Stelle: Für Steiner ist
nicht nur die Vorstellung der bürgerlichen Aufklärer von der ,natürlichen‘
Freiheit des Menschen schief, auch die marxistische von der
gesellschaftlichen Natur der Freiheit verwechselt Bedingung mit
Ursache: „Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen, die
Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er
bloß aus sich selbst machen.“
Auf dem Entwicklungsweg des Menschen und der Menschheit spielen
„Normen ihre berechtigte Rolle“. Das Ziel jedoch „besteht in der
Verwirklichung rein intuitiv erfaßter Sittlichkeitsziele.“ Auch die
Gesetze und Normen sind allesamt einmal der Intuition einzelner
Menschen entsprungen, die ihnen Geltung verschafften; - unfrei ihnen
gegenüber „wird nur der, der diesen Ursprung vergißt, und sie
entweder zu außermenschlichen Geboten, zu objektiven vom Menschen
unabhängigen sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme
seines falsch mystisch zwingend gedachten Innern macht.“
Für Steiner ist der
Freiheitsbegriff nur auf Individuen anwendbar, für Kollektivsubjekte
unpassend. Kollektive Befreiung gibt es allenfalls im Sinne der
Aufhebung von Verhältnissen des Zwangs und der Bedrängnis, die
positive Freiheit ist jedoch eine „Freiheit wozu“ und mit der
Aufhebung von Freiheitsbeschränkungen noch nicht erreicht. Befreiung
kann in einem System neuer Zwänge enden. So führte in der
Bundesrepublik die erreichte Freiheit vom Faschismus nicht etwa zum
Aufblühen eines freien Geisteslebens und grundlegender
gesellschaftlicher Neugestaltung, sondern es begann stattdessen der
Tanz ums goldene Kalb, „Wirtschaftswunder“ genannt, die Anbetung
des wirtschaftlichen Wachstums, das aus einem Mittel zur Befriedigung
der Bedürfnisse selber zum ersten Bedürfnis wurde: ein Zustand der
Unfreiheit. Freizeit ist nur Bedingung von Persönlichkeitsentfaltung,
mit der sie jedoch nicht zusammenfällt. Ein vielfach durch Reklame,
Konsum- und Statuszwänge fremdbestimmtes Freizeitverhalten beweist
dies schlagend.
Je freier jemand ist,
um so gemeinschaftsfähiger wird er auch sein, nicht im Sinne der
Anpassung an eine Herdenmoral, sondern im positiven Verständnis der
Freiheit des anderen. Darin geht Steiner auch über jenen bürgerlichen
Freiheitsbegriff hinaus, der die Freiheit des anderen bloß negativ,
als Grenze und Schranke der eigenen begreift und zu respektieren
fordert.
Während der bürgerliche Freiheitsbegriff zur
Rechtfertigungsideologie für Unbrüderlichkeit in der Wirtschaft
verkam, die die Gleichheit des bürgerlichen Rechts formal bleiben ließ
und eine wirkliche Freiheit des zum Anhängsel der Wirtschaft und des
ihr dienenden Staates degradierten Geisteslebens gar nicht aufkommen
ließ, zielt Steiners Freiheitsbegriff auf eine menschenwürdige
Sozialgestaltung: „Mit der Idee des freien Geisteslebens“ hat er
„eine ganz neue Dimension des Freiheitsgedankens eröffnet. Die
liberale Freiheit, die unverzichtbar ist, war eine Freiheit des
Privaten, eine Freiheit zum Kritisieren ohne Folgen. Rudolf Steiner
redet von der öffentlich bedeutsamen Freiheit. Also von der Freiheit
der Schulen und anderer Korporationen des Geisteslebens, durch welche
Fähigkeiten, Einsichten und Initiativen kraftvoll in das soziale
Leben einfließen - so daß sie schließlich zur Befreiung der Arbeit
und damit des handelnden Menschen führen [...]“
Steiner geht nicht
von Spekulationen über die Willensfreiheit aus, sondern versucht die
Sphäre der freien Handlungen einzugrenzen und die Gestalt dieser
Handlungen von der Beobachtung her akribisch zu beschreiben: Für
beliebige menschliche Handlungen kommen zwei Momente in Betracht, das
Motiv und die Triebfeder. Eine bestimmte Vorstellung (das Motiv)
veranlaßt nur dann zu einer Handlung, wenn sie auf eine entsprechende
Disposition im Menschen auftrifft. - Die Vorstellung des Essens wirkt
auf einen Satten anders als auf einen Hungrigen, die Vorstellung der
Qualen eines Tieres anders auf einen Mitleidigen als auf einen Rohling
usw. Wo die Vorstellung einer bestimmten Handlung allein aus dem
begrifflichen Denken heraus gewichtet und gewertet wird, ist die
Triebfeder nicht eine Begierde, ein Gefühl, ein früheres
Erfolgserlebnis bei einer ähnlichen Handlung o.ä., sondern die
praktische Vernunft; hier sind also Motiv und Triebfeder gedanklicher Art. Aber nicht nur, wo die Handlung
durch die einmal gegebene charakterologische Anlage im voraus bestimmt
ist, auch da, wo sie quasi automatisch sich aus abstrakten, starren
Moralprinzipien ergibt, herrscht noch keine Freiheit. Erst der aus
Erkenntnis Handelnde, der „aus dem freien Spiel seiner Gestaltungskräfte
Antrieb und Ziel in jedem einzelnen Fall phantasievoll erfinderisch
schöpft“,
entfaltet sein Wollen frei. Hier ist der Ideengehalt der Handlung in
einer konkreten Situation das Entscheidende, Liebe zur Sache das
Bewegende, es herrscht kein Zwang: die Handlung könnte genauso gut
unterlassen werden. „Ethischen Individualismus“ nennt Steiner
dieses Ausleben individueller Sittlichkeitsziele.
Die so verstandenen
Gesetze des Handelns, „die sittlichen Ideale“, sind „keine
Abbilder [...], sondern ein nur in uns Vorhandenes. Sie sind unser
freies Erzeugnis.“ Wir führen nur aus, was wir uns selbst als Norm
in der konkreten Situation setzen.
Bei Handlungen dieses Typs kann nicht davon die Rede sein,
daß sie durch unabhängig vom menschlichen Wollen und Vorstellen
wirkende soziale Gesetze bestimmt würden.
Weil das freie
menschliche Handeln, im Gegensatz zum unfreien, durch nichts als sich
selbst bedingt erscheint, sind für die Geschichtswissenschaft Steiner
zufolge jene Erklärungsweisen, die für die anorganische und
organische Natur Gültigkeit haben, unzureichend. Das Gegebene ist in
der Geschichte nur das Material, mit dem die geschichtlichen Akteure
sich auseinandersetzen. Sie finden auf die Zwänge, Bedrängnisse und
materiellen Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens schöpferische,
nicht von vornherein festliegende, originelle Antworten. Deshalb ist
die Geschichte ein offener Prozeß, in dem die Sphäre der gewollten
Wirkungen immer mehr erweitert wird. Die Geschichtswissenschaft „muß
stets im Auge haben, daß die Ursachen zu den geschichtlichen
Ereignissen in den individuellen Absichten, Plänen usw. der Menschen
zu suchen sind. Alles Ableiten der historischen Tatsachen aus Plänen,
die der Geschichte zugrundeliegen, ist ein Irrtum.“
Das geht, ohne daß sie genannt würde, gegen die Hegelsche
Geschichtskonstruktion und will betonen, daß die Geschichte nur den
Sinn hat, den die Menschen ihr geben. Mit einem naiven Für-Wahr-Halten
der Selbsteinschätzung der geschichtlichen Akteure hat es nichts zu
tun. Die Geschichtswissenschaft muß durchaus die objektive
Situationslogik berücksichtigen, aus der heraus die Individuen
handeln, muß Quellen der Selbsttäuschung der Akteure des
historischen Dramas aufspüren. Insofern schließen sich
Ideologiekritik und Anthroposophie nicht aus, sondern ein. Ideologisch
und falsch kann nach Steiner das Bewußtsein allerdings nur dann sein,
wenn es die Beweggründe des Handelns nicht voll erkennend
durchdringt. Wo dagegen aus einer aus Erkenntnis fließenden
sittlichen Intuition gehandelt wird, hört alle Suche nach weiteren,
den „wahren“ Beweggründen auf:
Wo wir es mit
demjenigen am Menschen zu tun haben, das frei ist von „typischer
Denkungsart und gattungsmäßigem Wollen, da müssen wir aufhören,
irgendwelche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir
sein Wesen verstehen wollen [...] beim Verstehen einer freien
Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe, nach denen
sie sich ja selbst bestimmt, rein (ohne Vermischung mit eigenem
Begriffsinhalt) herüberzunehmen in unseren Geist [...]
So wie die freie Individualität sich freimacht von den Eigentümlichkeiten
der Gattung, so muß das Erkennen sich freimachen von der Art, wie das
Gattungsmäßige verstanden wird.“
Der prinzipielle Ideologieverdacht, der den Unterschied in der
Motivation freien und unfreien Handelns nicht beachtet, führt dagegen
leicht zur Intoleranz: man nimmt fremde Ideen von vornherein deshalb
nicht ernst, weil sie ja doch nur der Ausfluß undurchschauter oder
gar bewußt verschleierter Interessengebundenheit sein können.
Interessenlage und
Situationslogik vermögen durchaus in einem gewissen Umfang die Ähnlichkeit
der Reaktion von Angehörigen einer bestimmten, durch gleichgerichtete
Interessen verbundenen Menschengruppe in analogen Situationen verständlich
zu machen. Es gibt durchaus eine Logik des Unternehmerverhaltens oder
des Verhaltens der Arbeiterschaft. Diese Logiken können etwas
Zwingendes haben, besonders da, wo die Angehörigen der Gruppe bloß
einmal „bewährte“ Verhaltensmuster nachahmend wiederholen. Doch
originelle Persönlichkeiten erobern sich auch immer wieder Spielräume
gegenüber dem, was „man“ in einem bestimmten sozialen
Zusammenhang „zu tun hat“. Ein Teil der sozialen Reibungen beruht
auf dem Konflikt der Logiken kollektiven Verhaltens untereinander, ein
anderer Teil auf dem Aufbegehren einzelner gegen diese Logiken.
Steiner vollzieht
also die Marxsche Hypostasierung der objektiven Bedingungen
geschichtlichen Handelns zu dessen Ursachen nicht mit. Und wenn im Wörterbuch
der marxistisch-leninistischen Philosophie von Klaus/Buhr festgestellt
wird, die Verwirklichung des Willens, „die in der Willenshandlung
vollzogen wird“, sei mit „der Überwindung innerer - im einzelnen
Menschen selbst liegender - und äußerer - aus der gesellschaftlichen
und natürlichen Umgebung resultierender Widerstände verbunden“,
also doch wohl in hohem Maße gegen die Wirkungsrichtungen der
objektiven Determinationsketten gerichtet, dann wird damit ungewollt
die Berechtigung dieser Weigerung unterstrichen. Diese bedeutet auch,
daß Steiner den Gestaltungsspielraum der Individuen in der Geschichte
- im Guten wie im Bösen! - höher einschätzt als Marx, ohne jedoch
seinen historischen Charakter zu negieren.
Die These von der
Freiheit als der Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können
ist für den ethischen Individualismus nur die halbe Wahrheit. Denn
die Kenntnis der Sache erspart ja die Entscheidung nicht, sondern befähigt
den Handelnden nur zur richtigen Einschätzung der
Realisierungsbedingungen und möglichen Folgen seiner Handlung. Der
Entschluß, einem Freund zu helfen, also die Realisierung der
sittlichen Idee der Freundschaft in einer bestimmten Situation, ist
keine Folge der Sachkenntnis. Denn man kann wissen, womit man sachgemäß
helfen könnte, und die Hilfe dennoch unterlassen.
Jedes Handeln greift
in Bestehendes ein; sinnvolles Handeln setzt daher die Kenntnis der
Mittel voraus, mit denen ein bestimmter Zweck erreicht werden soll,
die Beachtung der Gesetzmäßigkeiten des Objekts, mit dem umgegangen
wird oder das verändert werden soll. Dieses „Know how“ - Steiner
nennt es „moralische Technik“ - ist eine Voraussetzung des
sittlichen Handelns, aber die Voraussetzung der Sache ist nicht die
Sache selbst. Freiheit setzt Einsicht in die Notwendigkeit voraus.
Aber die Einsicht in die Notwendigkeit ist noch nicht Freiheit. Es ist
ja noch die Frage, ob eine Notwendigkeit in ihrem Sinn begriffen wird
oder ob man sich einem Zwang beugt und die Sinnlosigkeit von
Widerstand „einsieht“. Ein Zustand, in dem eine führende Partei
unter Berufung auf ihr Wissen um die gesellschaftlichen
Entwicklungsgesetze die Notwendigkeit festlegt, während dem Fußvolk
nur die Freiheit bleibt, sich einsichtsvoll in diese Notwendigkeit zu
fügen, ist sicher noch nicht das verwirklichte Reich der Freiheit.
Das Problem liegt jedoch noch tiefer. Wäre das Denken, das nicht nur
Einsichten vollzieht, sondern auch Handlungsziele ersinnt, nicht durch
sich selbst, sondern durch die Physiologie der höheren Nerventätigkeit
bestimmt, dann wäre jedes Freiheitserlebnis nur eine illusionäre
Vermeinung. Diese Problematik ist in der Engelsschen
Freiheitsdefinition schlicht verdrängt. Äußere Umstände können
den Menschen in „seinem Handeln, in der Ausführung
seines Willens, in der Verwirklichung seiner intuitiv erfaßten
Tatideen beschränken, hindern, sogar zwingen. Die grundlegende Frage
ist, ob er in sich, in seinem Bewußtseinsleben frei ist. Ist er es
nicht, so fällt das Problem der äußeren Umstände weg.“
Steiners
Geschichtsauffassung, so sehr sie den Impuls der Freiheit in der
Geschichte betont, leugnet nicht im mindesten die Wirksamkeit von
geschichtlichen Faktoren, die dem bewußten Wollen der Menschen unzugänglich
sind. „Sobald [...] man die Geschichte der menschlichen Handlungen,
also die Geschichte im engeren Sinne untersucht, hat man es auf den
ersten Blick nicht mit dem Ausdruck bewußter Geistigkeit zu tun“,
schreibt C. Lindenberg. „Man blickt vielmehr auf ein Zusammenspiel
ökonomischer Faktoren, gesellschaftlicher Strukturen, seelischer
Dispositionen, bewußter Absichten, unerhellter Strebungen [...] Es
ist gerade typisch für historische Handlungsabläufe, daß das
Ergebnis größerer Unternehmungen ganz anders aussieht als das ursprünglich
Beabsichtigte.“ Luther wollte mit den 94 Thesen keine
Kirchenspaltung, die Revolutionäre von 1789 wollten weder den Terror
noch Napoleon. Das geschichtliche Handeln entfaltet eine über das
ursprünglich Beabsichtigte hinausgehende Eigendynamik, die meist
„von den Mitmachenden und Miterlebenden“ nicht vollbewußt erfaßt
wird. Dennoch kann man in der Geschichte Tendenzen, Richtungen und Kräfte
erkennen, die sich oft gegen die herrschenden Institutionen
durchsetzen [...] Deshalb kann man davon sprechen, daß in der
Geschichte tiefere Impulse wirksam
sind, die Zeiten und Völker ergreifen [...] Der einzelne Mensch, der
von diesen Impulsen ergriffen wird, erlebt sie in einem Bewußtsein,
das in bezug auf seine Helligkeit mit dem Träumen zu vergleichen
ist.“ So betrachtet erscheint die „bekannte Weltgeschichte nur als
‚Außenseite‘ des geistigen Gesamtprozesses der
Menschheitsentwicklung.“
Der innere Aspekt der Geschichte ist für Steiner das Werden des
Menschen und seines Bewußtseins, die Veranlagung und Entfaltung
seiner Wesensglieder durch die Kulturepochen hindurch.
Die überlieferte
Geschichte ist oft eine von den jeweiligen Siegern geschriebene, die
als „fable convenue“ weitergegeben wird. Steiner lenkt den Blick
nicht nur auf die gewordene, sondern auch auf die nichtgewordene
Geschichte, die zunächst abgebogenen und zurückgedrängten Impulse,
die dennoch nicht tot sind. Geistige Einschläge sind die
entscheidenden Anstöße des geschichtlichen Fortschritts und seiner
Dialektik. Diese Einschläge gerinnen schließlich in sozialen und ökonomischen
Gestaltungen. „Das so Verfestigte unterliegt nach einiger Zeit
dadurch, daß sich die geistige Verfassung der Individuen in
zielstrebiger Richtung weiterentwickelt hat, den attackierenden neuen
geistigen Einschlägen, die sich gegen das Gewordene durchsetzen
wollen und müssen.“
Ab 1916 hat Steiner seine Geschichtsauffassung als „symptomatologisch“
bezeichnet: Man kann hinter den Schleier der ,geträumten
Geschichte‘ dringen, „wenn man sich mit dem Bewußtsein
durchdringt, daß alles, was man durch die Archive, die Dokumente, die
Denkmäler, kurz mit dem gewöhnlichen bewußten Verstand erfahren
kann, so zu benutzen ist, daß man es wertet und würdigt, indem man
es bezieht auf etwas, wofür es ein Symptom ist, wofür es ein
Ausdruck ist.“
Diese Methode „führt zu zwei Grundeinsichten: Einerseits lernt man,
daß die Impulse, die bestimmte Menschengruppen zu bestimmten Zeiten
ergreifen, geistig wesenhafter Natur sind. Zum anderen führt die
Selbsterkenntnis dazu, daß man die geschichtliche Existenz der
menschlichen Individualität sehen und besser verstehen lernt [...]
Lessing, der die Geschichte als eine Erziehung des Menschengeschlechts
begreift, wird durch diesen Gedanken zu dem anderen geführt, daß
jeder Mensch des gesamten Erziehungsganges teilhaftig werden sollte:
Jede menschliche Individualität durchläuft die Epochen der
Weltgeschichte und in jeder Epoche lernt sie Neues [...] In der Tat
findet jeder Mensch, der sich geistig in sein Inneres vertieft, frühere
Daseinstufen in sich, Erfahrungen, aufgrund deren er andere Wesen
verstehen und sich in sie hineinversetzen kann. Diese früheren
Daseinsstufen enthüllen sich der Selbsterkenntnis als solche, die nur
im zeitlichen Nacheinander zu denken sind. Der
Mensch selber wird in dieser Sicht zu einem Bindeglied der
geschichtlichen Epochen. Die Individualität trägt, was sie in
einem Leben erworben hat, in eine neue Epoche hinüber [...]“
Was die Unterschiede
in der Auffassung des ökonomischen Prozesses und seiner Bedeutung für
das gesellschaftliche Leben zwischen Steiner und Marx angeht, so
liegen sie nicht etwa in der Bestimmung der Elemente des
Arbeitsprozesses, auch nicht in der Einschätzung der Rolle der Arbeit
als „Lebenssubstanz der Individualität“.
Worin sich Steiner prinzipiell und vor allem anderen von Marx
unterscheidet, ist seine Einschätzung der Individualität als primär
geistiger Größe. Auch der Marxismus sieht den arbeitenden Menschen
als „Hauptproduktivkraft“, aber er ist für ihn ein primär
physisch-materielles Wesen. Wäre es anders, müßte der Marxismus die
seinen „historischen Materialismus“ unterminierende Konsequenz
ziehen, daß die Fähigkeitswerte, die das ökonomische Leben
permanent befruchten, nicht ihm selbst, sondern dem Leben des Geistes
entstammen. - Das gilt schon für die sogenannte einfache körperliche
Arbeit. Nicht nur sind Produktionsmittel materiell vergegenständlichte
Gedanken, die Struktur der materiellen Produktion ist überhaupt keine
„Materie“, sie ist als Betriebs- und Wirtschaftsordnung in hohem
Maße Ergebnis von menschlichen Überlegungen, Erfahrungen und
Entscheidungen. Die materielle Produktion dient zudem immer
raffinierteren, verfeinerten, in gewissem Maße auch bereits
veredelten Bedürfnissen, die als solche nicht bloß
materiell-physische Quellen haben können. „Was man materielle
Kultur nennt“, schreibt Steiner, „[...] besteht in den Diensten,
die das Denken“ (die Verstandesseele) „der Empfindungsseele
leistet. Unermeßliche Summen von Denkkräften werden auf dieses Ziel
gerichtet. Denkkraft ist es, die Schiffe, Eisenbahnen, Telegraphen,
Telefone gebaut hat und alles das dient zum größten Teil zur
Befriedigung von Bedürfnissen der Empfindungsseele.“
Nur ein Blinder könnte
leugnen, daß das Motiv, eine Not wenden zu wollen, d.h. also die
Not-Wendigkeit, eine gewaltige Rolle in der Geschichte spielt. Nicht
darum also geht es zwischen Marxismus und Anthroposophie. Es geht auch
hier um die Rolle der Individualität: Not macht nicht von selbst
erfinderisch, sie kann auch lähmend wirken. Es bedarf eines „Selbstes“
mit seinem Erfindungsgeist, das die Herausforderung annimmt. Problem-
und Leidensdruck sind ein Motor des Handelns; aber sicher ist die keiner Not gehorchende
Entdecker- und Schaffensfreude auch ein solcher Motor. Und es ist noch
die Frage, welchem von beiden die Menschheit mehr an Fortschritt
verdankt. Wo Marx einen Zustand kritisiert, in dem der nackte Kampf
ums Dasein für viele das Leben ganz ausfüllt und für keine anderen
Handlungsantriebe Raum läßt, ist Steiner mit ihm solidarisch; er
setzt sich erst da zu ihm in Gegensatz, wo Marx dem Glauben huldigt,
daß es nichts Bedeutendes in der Geschichte gibt, zu dem die Menschen
nicht durch die Umstände getrieben worden wären.
Die
Produktivkraftthematik im anthroposophischen Weltbild hat aber noch
eine weitere Seite: die Meinung, man könne sich im Ringen um
gesellschaftlichen Fortschritt einfach auf die
Produktivkraftentwicklung stützen und habe sich ausschließlich gegen
die privatkapitalistische Form zu wenden, in der sich diese
Entwicklung vollzieht, gilt dort als zu schlicht. Gerade die Ökologie-Diskussion
der letzten Jahre hat gezeigt, daß es nicht nur Alternativen der
gesellschaftlichen, sondern auch der technologischen Entwicklung gibt,
daß sanfte, umweltfreundliche Techniken sich nicht von selbst
durchsetzen. Diese Alternativen erfordern Entscheidungen, denen man
nicht durch den Hinweis, daß die Technologie an sich neutral und
alles nur eine Frage der friedlichen Nutzung sei, ausweichen kann. Es
zeigt sich heute auch, daß ökologische Schäden durch skrupellose
Technik und Einsparung von Umweltschutzmaßnahmen nicht nur unter dem
Gesichtspunkt des Profits, sondern auch unter dem der „Planerfüllung“
möglich sind: umweltbewußtes Verhalten ist nicht einfach ein Reflex
ökonomischer Strukturen. Steiners Beziehung zur Technik unterscheidet
sich dabei von manchen anderen ökologisch geprägten Richtungen
dadurch, daß es für ihn kein Zurück in vorindustrielle,
vermeintlich idyllische Verhältnisse gibt.
Wenn man nach einem
Analogon der Marxschen Dialektik von Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen bei Steiner sucht, stößt man auf eine
doppelte Problematik: einmal auf die Frage nach der Entwicklung der
Eigentumstypen und der zeitgemäßen Eigentumsordnung, zweitens auf
das Thema des Widerspruchs zwischen technischen und sozialmoralischen
Fähigkeiten der heutigen Menschheit; dabei geht es dann nicht bloß
um den Eigentumstyp, sondern um die der heutigen Zivilisation
angemessene Gesellschaftsstruktur als ganze.
Die
Wirtschaftsordnung entwickelt sich von einer selbstversorgerischen „Haus“wirtschaft
zur hochgradig arbeitsteilig verflochtenen Weltwirtschaft. Die
Diskrepanz bzw. den Widerspruch, die sich in vielen Krisen der
Gegenwart entfalten, sieht Steiner in der Tatsache, daß Gedanken und
Einrichtungen dem Stand der Arbeitsteilung nicht entsprechen: Im
individuellen und im Gruppenegoismus innerhalb von Institutionen,
Berufen, Staaten und Wirtschaftsgemeinschaften übernationaler Art
lebt häufig immer noch das alte Selbstversorgungsdenken fort, das
durch die wirtschaftliche Entwicklung obsolet geworden ist. Der
Altruismus ist heute eine ökonomische Notwendigkeit, nicht ein bloßes
ethisches Postulat.
Der Widerspruch wird
sich so lange in Krisen und Katastrophen entladen müssen, bis er
durch eine entsprechende Sozialgestaltung gelöst ist. Nur so kann ein
dem Fortschritt von Naturwissenschaft und Technik entsprechender
Fortschritt an menschlicher Emanzipation zustande kommen, können
Formen des Miteinander zwischen einzelnen, Gruppen, Völkern und
Rassen entstehen, die Mißtrauen, Egoismus und Machtgier im Leben der
Menschheit zurückdrängen.
Steiner übernimmt
die Marxsche Charakterisierung der historischen Abfolge der
Eigentumstypen: „Im Altertum gab es Sklaven. Der ganze
Mensch wurde wie eine Ware verkauft. Etwas weniger vom Menschen,
aber doch ein Teil des Menschenwesens selber wurde in den
Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch die Leibeigenschaft. Der
Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch einem Rest des
Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der Arbeitskraft.“
Steiner visiert wie Marx die Aufhebung dieses unwürdigen
gesellschaftlichen Zustandes an, sieht jedoch anders als Marx die
Alternative darin, daß das Verhältnis zwischen Arbeit und Einkommen
zu einer Rechtsfrage gemacht und insoweit überhaupt aus dem ökonomischen
Prozeß ausgegliedert wird.
Das Heilmittel gegen
die „Furien des Privatinteresses“ (Marx) sieht Steiner nicht in
der Verstaatlichung, sondern in der „Neutralisierung“ des
Kapitals, d.h. in einer „von der jeweiligen Rechtsgemeinschaft
jederzeit widerrufbare(n) treuhänderische(n) Verfügung der Gelder
und Produktionsmittel“.
Gemeinschaftliche Selbstverwaltung der in den Unternehmen
arbeitenden Menschen, Assoziationen aus Vertretern der Produktion, des
Handels und der Verbraucher schwebten ihm als Alternative zum
Kapitalismus vor. Zentralistische bürokratische Planung dagegen
erschien ihm zu schwerfällig. Sie kann seiner Meinung nach nicht den
Widerspruch zwischen dem „Kollektivistischen der Produktion“ (d.h.
ihrem gesellschaftlichen und arbeitsteiligen Charakter) und dem
„Individualistischen der Konsumtion“
(dem individuellen Charakter der Bedürfnisse) lösen und muß
deshalb den Verbraucher bevormunden. Sie ist auch nicht in der Lage,
die Kraft der Kreativität und der freien Initiative des einzelnen für
den ökonomischen Prozeß auszuschöpfen. Das Ausleben individueller Fähigkeiten
in der Ökonomie setzt aber die freie Verfügung über die dazu nötigen
Geld-und Sachmittel voraus. Soweit „Privateigentum“ nur diese Verfügung
vermittelt, ist seine Existenz unbedenklich, schädlich wird sie
dagegen immer da, wo sich das Verfügungsrecht von der Bindung an im
gesellschaftlichen Interesse ausgelebte Tüchtigkeit abkoppelt. Statt Gemeineigentum an den Produktionsmitteln strebt Steiner einen „Kreislauf
dieser Mittel“ an, „der sie immer von neuem zu denjenigen
Personen hinbringt, deren individuelle Fähigkeiten sie in der möglichst
besten Art der Gemeinschaft nutzbar machen können“, ein Vorgang,
bei dem die Mitarbeiter des Unternehmens mitzuwirken haben.
Bezeichnet Marx das Gemeineigentum als notwendige Anpassung
der Produktionsverhältnisse an den Charakter der Produktivkräfte, so
könnte man mit Steiner dem entgegenhalten, daß diese Verhältnisse
vor allem auch dem erreichten historischen Stand der menschlichen
Individualisierung entsprechen müssen: Das heißt es muß eine
Eigentumsordnung entstehen, die den Anachronismus eines Umgangs mit
gesellschaftlichen Produktionsmitteln nach privater Willkür
unterbindet, zugleich aber auch den anderen Anachronismus einer Entmündigung
des selbstverantwortlichen einzelnen vermeidet, wie sie eintreten muß,
wenn der Eigentumsbegriff des römischen Rechts, der von der
vollkommensten und ausschließlichen Macht über die Sache ausgeht,
nur vom einzelnen auf Gemeinschaft und Staat übertragen wird, statt
daß er radikal überwunden würde.
Steiners
Gesellschaftskonzeption zielt auf eine Annäherung von körperlicher
und geistiger Arbeit und auf eine Aufhebung des Klassengegensatzes.
Sein Konzept einer „Dreigliederung des sozialen Organismus“ meint
das Gegenteil einer ständischen Verfassung.
Eine Aufhebung der Arbeitsteilung im Sinne der Aufhebung
beruflicher Spezialisierung visiert Steiner allerdings nicht an:
Gerade das Prinzip „Jedem nach seinen Fähigkeiten“ erheischt die
Spezialisierung. Keine soziale Neuordnung kann Fähigkeiten
hervorbringen, sie kann nur vorhandenen Veranlagungen bessere
Entwicklungschancen bieten. Solche Chancengerechtigkeit soll nicht nur
durch Demokratisierung des Zugangs zu den Bildungseinrichtungen,
sondern vor allem durch die Ausrichtung des Bildungswesens an den
Erfordernissen einer allseitigen Persönlichkeitsentwicklung
hergestellt werden. Die „Befreiung des Geisteslebens“, „volle
Selbstverwaltung“ ist dafür erforderlich: „Das Erziehungs- und
Unterrichtswesen, aus dem ja doch alles geistige Leben herauswächst,
muß in die Verwaltung derer gestellt werden, die erziehen und
unterrichten.“
Nur die Frage, was für Anlagen ein Kind mitbringt und wie sie
entwickelt werden können, soll für den Unterricht maßgebend sein.
Damit ist langfristig auch Ökonomie und Staat besser gedient als mit
jenem Qualifikationstyp, für den sich in der Studentenbewegung der
Terminus „Fachidiotentum“ eingebürgert hat. Ein
„Drei-Klassen-Schulsystem“ und „Dreigliederung“, wie sie
Steiner wollte, sind unvereinbare Gegensätze. Gerade wer im späteren
Beruf nur einfache, vorwiegend manuelle Arbeit leistet, soll 12 volle
Schuljahre lernen können. In der während der
„Dreigliederungszeit“ gegründeten Waldorfschule schuf Steiner das
Modell einer „Freien Schule“. Koedukation, Ablehnung der
sogenannten Begabtenauslese und der Verzicht auf das
Disziplinierungsmittel der Zensuren und des Sitzenbleibens sind einige
seiner Merkmale.
Basis und Überbau,
als Bild genommen, drücken den von Marx behaupteten
Determinationszusammenhang zwischen der Ökonomie und den übrigen
gesellschaftlichen Bereichen gerade nicht aus: In einem von
Menschenhand gestalteten Bauwerk tragen die Fundamente und unteren
Geschosse zwar die oberen (Überbau), aber sie determinieren sie nicht
etwa. Wie sich eines zum anderen verhält und wie beides gestaltet
ist, wird durch den Baugedanken des Ganzen bestimmt. Auch entzieht
sich die ästhetische Dimension eines Bauwerks bloßen statischen
Berechnungen, die vielmehr nur ein Mittel sind, sie hervorzubringen.
Von einem Primat des Statischen und Materiell-Technischen wäre
allenfalls in dem Sinne zu sprechen, daß dieser Aspekt immer mit
bedacht sein will, weil ohne ihn alle ästhetischen Überlegungen im
leeren Raum schweben würden bzw. ihre räumliche Vergegenständlichung
alsbald in sich zusammenstürzen würde.
Unstrittig ist die
primäre Notwendigkeit, zu essen, zu trinken, sich zu kleiden, zu
wohnen usw. Aber die Plackerei des Arbeitstages setzt kultureller Betätigung
zwar Grenzen, bestimmt aber nicht notwendig ihren Inhalt. Das von
abstrakter Intellektualität geprägte Geistesleben der Gegenwart kann
man in der Tat mit Recht als bloßen Überbau über der materiell
bestimmten Basis betrachten, doch ist diese Situation für eine
konkrete historische Epoche charakteristisch und darf nicht zum
Grundgesetz des gesellschaftlichen Lebens überhaupt hochstilisiert
werden. Denn erst für die modern bürgerliche Epoche hat das
Wirtschaftsleben jene Übermacht in der Gesellschaft gewonnen.
Wachstumsideologie, Ökonomisierung und Rationalisierung aller
gesellschaftlichen Bereiche, Verwandlung von Staat und Bildungswesen
in einen Zulieferer- bzw. Reparaturbetrieb des Kapitalismus - all das
sind moderne Erscheinungen. „Marx hat zurecht festgestellt, daß die
Geschichte und Politik seiner Zeit vor allem durch die
Wirtschaftsinteressen der Staaten und Gesellschaftsklassen geleitet
wurde: Eine richtige Krankheitsdiagnose. Als Arzt hätte er sagen müssen:
es ist so, nur soll es nicht so bleiben [...] schreibt G. Kühlewind.
Das Geistesleben früherer
Epochen durchdrang das praktische Leben in allen Details, in den
Festen und Riten, den Sagen und Mythen, der kunst-handwerklichen
Gestaltung der Gebrauchsgegenstände. Andererseits hat in dieser frühen
Zeit die materielle Produktion selbst in hohem Maße kultischen
Charakter, wird von den Vertretern des Geisteslebens organisiert: der
profane Konsum wird durch Opfer geheiligt. „Die Mysterienpriester,
nicht wirtschaftliche Unternehmungen, vollbrachten die mächtigsten
technischen Werke des Altertums, die heute noch wie zur Zeit der
Griechen als Weltwunder gelten.“ Ein großer Teil der technischen
Erfindungen ist „zuerst für den Tempeldienst gemacht und“ dient
„dem Kult. Auch das Haus, das die alten Höhlenwohnungen und die
Nester der Wälder ablösen sollte, ist zunächst ein Tempelbau
[...]“ Gold und Silber sind in älteren Zeiten „weniger
wirtschaftliche Güter als kultische Substanzen“ mit magischer
Bedeutung.
Die Regeln des Zusammenlebens sind durch religiöse Autorität
fixiert, ein von der religiösen Sphäre relativ unabhängiges Rechts-
und Staatsleben existiert in den „Theokratien“ nicht. Das Basis-Überbau-Schema
trägt zum Verständnis der alten Sozialordnungen kaum bei. Auch wenn
man es beiseite läßt, und sich an die Marxsche Sicht der
Gesellschaft als eines sich im steten Fluß der Umbildung befindlichen
Organismus bezieht, gerät man in einen Widerspruch zwischen dieser
Charakteristik und der behaupteten Determination des Ganzen durch die
Ökonomie. Denn beispielsweise im pflanzlichen Organismus sind die
Verhältnisse an der Blüte, die doch wegen ihrer Unfähigkeit zur
Kohlensäureassimilation von den anderen Gliedern mitunterhalten
werden muß, nicht durch die Verhältnisse an Wurzel, Stengel usw.
kausal bedingt, wie ja auch die Organe der Nahrungsaufnahme und
-verwertung beim Menschen nicht etwa die Form des Hauptes
„verursachen“. Steiners Begriff des sozialen Organismus ist da
konsequenter: Er versucht, das lebendige Zusammenspiel und
Miteinander-Verwoben-Sein der drei „Systeme“ Ökonomie, Rechts-
und Kulturleben zu erfassen, die Wechselwirkung zwischen ihnen, bei
der es keine eindeutige Dominante gibt. Man darf Steiners
Dreigliederungsidee weder als Zahlenmystik noch als Analogiespiel
auffassen. Der Rekurs auf biologische Organismen soll und kann das
Erfassen der Spezifik des sozialen Organismus nicht ersetzen oder präjudizieren,
er kann dafür nur den Blick schärfen. Im sozialen Organismus ist,
wenn überhaupt ein Vergleich angestellt werden soll, nicht wie
schlichtes Analogie-Schließen annehmen würde, das Geistesleben
Haupt, dieses Geistesleben entspricht vielmehr, weil es ständig den
sozialen Organismus erneuert wie der Stoffwechsel den natürlichen,
dem unteren Pol, die Wirtschaft mit ihrer Bedarfswahrnehmung entspräche
dem Sinnes-Nervensystem und allenfalls bei der vermittelnden Rolle des
Rechtslebens wäre eine Analogie vorhanden.
Dagegen kann der Blick auf den menschlichen Organismus lehren,
die Dreigliederung nicht als starre Dreiteilung mißzuverstehen:
Stoffwechselprozesse wirken auch in Nerven und Sinnen, die
Verdauungsorgane sind von Nerven durchzogen, Blutkreislauf und Atmung
wirken in die beiden anderen Systeme hinein usw. Die Glieder eines
Organismus sind relativ selbständig und zugleich innig miteinander
verbunden. So ist nicht nur ein chaotisches Durcheinanderwirken,
sondern auch ihre Abschnürung voneinander verhängnisvoll.
Die wesentliche
Absicht Steiners besteht darin, die Gesellschaft als integrales Gefüge
funktional ausdifferenzierter Subsysteme anzuschauen, wobei der
Gedanke einer Gliederung der Gesellschaft als solcher nicht neu ist:
nicht nur bei Marx, auch in der heutigen westlichen Soziologie ist er
zu finden, z.B. in D. Bells Unterscheidung von ökonomischem,
politisch-administrativem und kulturellem System, für die je eigene
„axiale Prinzipien“ gelten.
Steiner begegnet von vornherein der Gefahr soziologischer
Modelle, die Gliederung gewissermaßen zu verräumlichen, so daß zum
Geistesleben etwa nur die Institutionen gerechnet würden, nicht aber
geistige Betätigung auch in Wirtschaft und Recht, durch die Betonung
des funktionalen Aspekts.
Steiner faßt die
drei Ideale der französischen Revolution als die bestimmenden
praktischen Ideen für den modernen Sozialorganismus auf, allerdings
so, daß jede von ihnen nur als Ordnungsprinzip für ein bestimmtes
gesellschaftliches Gebiet aufgefaßt werden darf: das
Geistesleben soll freiheitlich, das Rechtsleben egalitär-demokratisch
und das Wirtschaftsleben brüderlich-solidarisch verfaßt sein. Und
dabei soll es sich nicht etwa um ausgedachte Maximen, sondern um vom
Leben selbst geforderte Gestaltungsprinzipien der betreffenden Sphäre
handeln. Die Forderungen nach Freiheit, Demokratie und Sozialismus
sind für Steiner nur in solchem Aufeinander-Bezogensein vorwärtsweisend.
Freiheit ohne Sozialismus ist für ihn genauso unerträglich wie
Sozialismus ohne Freiheit oder Freiheit ohne Demokratie. Schäden im
sozialen Organismus können demnach letztlich immer auf ein Überlappen
der Gestaltungskräfte des einen Gebiets in eine ihm rechtmäßig
nicht offenstehende Sphäre zurückgeführt werden. Wo schrankenlose
Freiheit das Wirtschaftsleben bestimmt, bedeutet sie
„Ellbogengesellschaft“, „Unternehmerwillkür“ usw. Ebenso
unsinnig wäre es, wirtschaftliche Entscheidungen durch
„,demokratische Mehrheitsentscheidung“ zustande kommen zu lassen:
Der Branchenfremde ist eben in bezug auf eine bestimmte
Investitionsentscheidung oder die aus der Kostensituation sich
ergebende Preisgestaltung nicht gleich urteilsfähig wie ein
Mitarbeiter eines Betriebes der Branche oder auch ein Abnehmer. Anders
verhält es sich bei allen Fragen, die sich durch Gesetze und Verträge
regeln lassen bzw. geregelt werden müssen: Gesetze sollen für alle
gleichgelten, und darum sollen auch alle gleichberechtigt darüber
befinden. Es ist dies die eigentliche Sphäre der parlamentarischen
Demokratie, des Rechtsstaates. Dagegen ist es völlig unsinnig, über
geistige Werte und Sinngebungen, über wissenschaftliche Auffassungen
und Erziehungskonzepte Abstimmungen herbeiführen oder sie durch
Gesetze regeln zu wollen, was nur dazu führen kann, daß Mehrheit
Minderheit unterdrückt. Auf geistigem Gebiet ist aber
Minderheitenschutz entscheidendes Gebot, Freiheit das Ordnungsprinzip.
Wer z.B. für seine Kinder ein bestimmtes Erziehungskonzept befürwortet,
muß das Recht haben, sich mit gleichgesinnten Trägern zu einem
Schulverein zusammenzufinden und eine freie Schule zu unterhalten,
Lehrer anzustellen usw. Ebenso muß, wer meint, über ein pädagogisches
Konzept zu verfügen, dieses frei anbieten können. Der Rechtsstaat
kann sich darauf beschränken, das Recht auf Bildung für alle zu
garantieren und kann etwa durch die rechtliche Rahmengebung auch
verhindern, daß kommerziell ausgerichtete Bildungseinrichtungen für
Privilegierte entstehen. In der Praxis kann man sich heute auch eine
produktive Leistungskonkurrenz zwischen staatlichem und freiem
Schulsektor vorstellen.
Die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus implizierte für Steiner die
Forderung nach einer relativen Verselbständigung der drei Gebiete,
die jeweils eine eigene Verwaltung erhalten und ihre gemeinsamen
Angelegenheiten durch einen gemeinsamen Ausschuß oder dergl. ordnen
sollten. Nachdem sich eine solche Neuordnung der
gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse nach 1919 zunächst nicht als
durchführbar erwies, scheint Steiner eher an eine allmähliche Veränderung
gedacht zu haben, die von einzelnen, auf den drei Gebieten im Sinne
des Gleichheits-, Freiheits- bzw. Brüderlichkeitsgrundsatzes
arbeitenden Initiativen auf den Weg gebracht werden sollte. In diese
Richtung gehen jedenfalls Überlegungen in jüngerer Zeit.
Die heute zu
konstatierende und im gesellschaftlichen Handeln zu berücksichtigende
relative Verselbständigung der drei Glieder des sozialen Organismus
ist ein Resultat des geschichtlichen Werdens: In den frühzeitlichen
theokratischen Sozialgebilden hatten die beiden „unteren“ Gesellschaftsglieder
jene relative Selbständigkeit noch nicht, ihr Leben war Bestandteil
des Geisteslebens und in seine - von göttlicher Satzung bestimmte,
keineswegs freiheitliche Ordnung - eingebunden. Das zeigt sich z.B.
daran, daß es noch keinen Unterschied zwischen Gebot, Recht und Sitte
gibt. Erst allmählich entsteht geschriebenes Recht, allerdings auch
noch durch theokratische Legitimation. Ein selbständiges Rechts- und
Staatsleben entsteht eigentlich erst mit der römischen Republik und
dem römischen Recht; und mit dem „civis romanus“ tritt die
menschliche Persönlichkeit auf den Plan. Die relative Verselbständigung
des - sich auf Wissenschaft und Technik stützenden -Wirtschaftslebens
ergibt sich erst in der Neuzeit.
Nach Marx sollen sich
die geschichtlichen Epochen hauptsächlich durch das Wie der
Produktionsmittel, weniger durch das Was des Produzierten
unterscheiden. Steiner dagegen blickt auf den Kulturstil. Wenn man
verstehen will, was griechische Tempel und gotische Dome geschichtlich
bedeuten, muß man weniger die Unterschiede in den Werkzeugen der
Steinbearbeitung als das ganz andere Selbstempfinden, das andere
Weltgefühl beachten, das sich in der jeweiligen architektonischen
Form ausspricht. Die Schaffung einer ausschließlich zweckrationalen
Architektur, bei der in der Tat das Wie der technischen Machbarkeit
den Hauptgesichtspunkt abgibt, ist ja keine allgemeine geschichtliche
Erscheinung, sondern das Produkt unserer modernen Epoche und ihrer
besonderen Empfindungsart. Daß der Kapitalismus sich zunächst nur im
Abendland entwickelt, in andere Kontinente von dort aus importiert
wurde, macht seine Deutung als ausschließlich aus innerökonomischer
Gesetzmäßigkeit zu verstehendes Phänomen problematisch, seine
Verbindung mit der ,okzidentalen Rationalität‘ - also mit der Bewußtseinsgeschichte
- ist allzu naheliegend. Zu deutlich ist auch die Disfunktionalität
zahlreicher Einrichtungen früherer Epochen in bezug auf die
wirtschaftlichen Erfordernisse. Wie soll man aus diesen die
Tempelbauten, das Übermaß der kirchlichen Feiertage im Mittelalter
usw. erklären? Geht all dies nicht über das durch die Formulierung
von der relativen Selbständigkeit des Überbaus, im Rahmen seiner
letztinstanzlichen Determiniertheit durch die Basis, Begründbare weit
hinaus?
Die Geschichte ist
nicht in den simplen Raster einer Abfolge von fünf primär durch die
Ökonomie bestimmten und voneinander unterschiedenen
Gesellschaftsformationen zu bringen. Marx selber scheint das
gelegentlich zu spüren und nimmt gewisse Relativierungen vor. So muß
er konstatieren, daß gewisse Blütezeiten der Kunst nicht mit dem
allgemeinen Entwicklungsniveau der Gesellschaft übereinstimmen.
Eine Relativierung stellt auch die Sonderstellung der
asiatischen Produktionsweise dar, ferner Marx‘ Einschätzung des
russischen Mir, der Dorfgemeinde, hinsichtlich derer er seine im
„Kapital“ gegebene Prognose über die Art und Weise des Übergangs
zum Sozialismus auf Westeuropa einschränkte: In einem Brief an Vera
Sassulitsch bezeichnet Marx die Dorfgemeinde als „Stützpunkt der
sozialen Wiedergeburt Rußlands“, wenn es nur gelänge, ihre normale
Entwicklung gegenüber allen zerstörenden Einflüssen
sicherzustellen.
Daß in der
geschichtlichen Entwicklung - und der ökonomischen im speziellen -
eine gewisse Regelhaftigkeit herrscht, ist zwischen Marxismus und
Anthroposophie kein Streitpunkt. So hat nirgendwo die auf „Erz und
Öl“ beruhende Wirtschaftsform (industrieller Kapitalismus) vor der
auf „Brot und Wein“ beruhenden (Ackerbau, Feudalismus) existiert,
und diese nirgends vor der von „Milch und Honig“ lebenden
„Urgesellschaft“ (Hirten, Sammler).
Doch daß man jeweils ganz ähnliche Entwicklungsströmungen
„auf den Gebieten der Kunst, der Dichtung, des öffentlichen Lebens,
der verschiedenen Gebiete des Handwerks und des Verkehrs“
in einer bestimmten Epoche aufzeigen kann, liegt nicht an der
Determiniertheit der zuerst genannten Gebiete von der Ökonomie,
sondern an der Determiniertheit aller Gebiete von den Metamorphosen,
die die Menschheit im Laufe ihres geschichtlichen Werdens durchmacht.
Und zwar sind diese Metamorphosen vornehmlich seelische und bewußtseinsmäßige;
wenn auch die physische Konstitution während des Zeitraums der anhand
äußerer Dokumente erforschbaren Geschichte Steiner zufolge nicht völlig
identisch bleibt, so ist sie doch in höherem Grade bereits
vervollkommnet als die seelisch-geistige Konstitution und dieser gegenüber
relativ konstant.
Eine entscheidende
geschichtliche Gesetzmäßigkeit ist das Gesetz der
Individualisierung, Steiner bezeichnet es als „soziologisches
Grundgesetz“: „Die Menschheit strebt am Anfang der Kulturzustände
nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände
wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere
Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse
dieser Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte
des einzelnen.“
Dieser Prozeß der Individualisierung, darauf gerichtet, den Menschen
„auf die Spitze seiner Persönlichkeit zu stellen“, Autonomie,
Freiheit, zu ermöglichen, strebt in der Neuzeit einem Höhepunkt zu.
Während wir nach Steiner es beim ägyptisch-babylonisch-assyrischen
Kulturkreis mit einer Kultur der Empfindungsseele zu tun haben, während
wir bei der griechisch-römischen Kultur von einer Kultur der
Verstandesseele sprechen können, während es sich bei der indischen
oder gar chinesischen Kultur um noch ältere bewußtseinsgeschichtliche
Formationen handelt, ist die neuzeitliche Entwicklung unseres
Kulturkreises durch die Entfaltung der Bewußtseinsseele
charakterisiert.
Diese drückt allen gesellschaftlichen Verhältnissen ihren
Stempel auf. Erst jetzt kann die kapitalistische Produktionsweise
entstehen, deren Protagonist zunächst die einzelne, wagemutige
Unternehmerpersönlichkeit (man denke an die ersten großen Kaufherrn)
ist. Deren Individualismus lebt sich aber erst einmal - abgestützt
von der liberalistischen Ideologie - als ein Egoismus aus, der „nur
die eigenpersönliche Selbstverwirklichung verfolgt und deren
Interessen alle Wirtschaftsverhältnisse einordnet“.
Das kapitalistische
Privateigentum an den Produktionsmitteln ist mindestens ebensosehr die
Ausgeburt dieser Bewußtseinsverfassung, wie diese, einmal entstanden,
durch die Verallgemeinerung privateigentümlicher Verhältnisse verstärkt
worden sein mag. Um ein anderes Beispiel zu verwenden, so ist die
Verbreitung der Warenaustauschwirtschaft, die - indem sie qualitativ
ungleiche Güter im Tausch gleichzusetzen nötigt - logisch-abstrakte
Denkvorgänge erfordert und begünstigt, sicherlich erst durch die
Verstandesseelenentwicklung möglich geworden, die sie dann aber auch
wieder durch Rückwirkung verstärkt hat: Es ist der eine
Impuls der Geburt des Gedankenlebens, der sich allen
gesellschaftlichen Sphären mitteilt - das ist der wahre Zusammenhang
von „Warenform und Denkform“.
Die Verstandesseelenentwicklung ist also nicht der bloße
ideologische Reflex des Gütertauschs.
Der Übergang vom
„Feudalismus“ zum „Kapitalismus“ ist in höherem Maße, als
Marx annahm, ein bewußtseinsgeschichtlicher Wandel. Seine ersten Ansätze
liegen da, wo Grund und Boden nicht mehr als Lehen, sondern im
wirklichen Sinne des Wortes als privates Grundeigentum empfunden und
rechtlich sanktioniert werden, Für die Jäger, Sammler und Nomaden
ist noch alles wirtschaftliche Gut Geschenk der Götter, deren Gunst
man sich durch Opfer versichert, denen man durch Opfer Dank abstattet.
Erst in den Ackerbaukulturen wird das Produkt in höherem Maße etwas,
das besessen werden, privat angeeignet werden kann. Diese Aneignungsmöglichkeit
bezieht sich aber ursprünglich nicht auf den Boden als
Produktionsmittel. Ihn empfindet man als dem Menschen von göttlichen
Mächten nur „geliehen“ („Lehen“). Den Nomadenkulturen
entspricht die Gestalt des Magiers, des Schamanen, Priesterkönigs
usw. Die heute vorfindbaren „primitiven Kulturen“, die unter die
Kategorie „Urgesellschaft“ fallen, sind für Steiner Abkömmlinge
höherer Gesellschaftsformen, von denen Mythos, Sprache und
Kunstformen noch schwache Nachklänge vermitteln. Die soziale Führung
einer noch unmündigen Menschheit vollzieht sich in diesen
Gesellschaften durch „Eingeweihte“ bzw. „Priesterkönige“: die
Theokratie, von der sich Nachklänge bis in heutige
„Personenkulte“ hinein erhalten, ist ursprünglich alles andere
als Reflex von Ökonomie: vielmehr durchdringt das theokratische
Geistesleben unmittelbar die Ökonomie, bestimmt und regelt sie, nach
Gesetzen, die aus dem Kosmos, aus den Konstellationen der Gestirne
abgelesen werden. „Das mittelalterliche Lehenswesen gründete sich
auf die Anschauung, daß der Kaiser die Erdoberfläche von Gott zu
Lehen bekommen habe. Die anderen Fürsten empfingen ihre Ländereien
vom Kaiser als Lehen“ (Feudum) „und zugleich das Recht, ihrerseits
das Lehen weiterzuleiten. Auf diese Weise baute sich eine
Lehensordnung auf, die hinunterging bis zum letzten freien oder auch
unfreien Bauern. Das Lehensrecht selbst war“ - bei den Merowingern
-„entstanden durch eine Verbindung altkeltischer und römischer
Rechtsformen [...]. Bei den Arabern war der Lehensbegriff ebenfalls
durchgebildet [...]. Nur die Ernte konnte einen Eigentümer haben, der
Grund selbst aber konnte nur als Produktionsmittel zur Verfügung
stehen. Daß in Griechenland die Grundrechte auf der Anschauung
beruhten, daß das Land der Stadt - Polis - oder vielmehr der
Stadtgottheit gehörte und daher unter die Stadtbürger oder an
Soldaten und Bauern, die sich um die Stadt verdient gemacht hatten,
verteilt werden konnte, ist im Einklang mit der durchgehenden
Lehensauffassung. In Alt-Amerika war das Lehensprinzip so deutlich
abgetrennt von der Eigentumssphäre, daß das gesamte Land bei Beginn
einer neuen Produktionsperiode neu verteilt wurde. Nach der Ernte war
alles Ackerland eine Weile herrenlos. Auch im östlichen Asien findet
sich das Lehensprinzip, natürlich in ganz anderen Variationen,
wieder.“
Im germanischen Raum
gliedert sich zum ersten Mal Privateigentum aus dem Gemeineigentum
heraus, als der ursprüngliche primär blutsorientierte soziale
Zusammenhang dem lokal orientierten, der Dorfgemeinde Platz macht.
Wald, Weide und Wasser bleiben aber Gemeinbesitz. In der sogenannten
Hufe bildet sich „eine Zwischenstufe zwischen dem Gemein- und
Privatbesitz [...]. Die Benutzung dieses halb privaten, halb
gemeinsamen Eigentums unterlag dem Beschlusse der gesamten freien
Bewohner einer sogenannten Hufe, einer Gemeinde [...]“
Eigentliches Privateigentum sind damals nur Geräte, Vieh, Waffen und
dergl.
Das Verhältnis
zwischen anthroposophischer und marxistischer Geschichtsauffassung
kulminiert in der Deutung des Problems des historischen Fortschritts.
Zwar ist Marx kein
reintypischer technologischer Optimist, der technischen Fortschritt
mit menschlichem verwechselt, aber sein Begriff der Produktionsverhältnisse
ist so gedacht, daß er sittlich-moralischen Fortschritt wieder auf
eine Frage der ökonomischen Struktur reduziert, auch wenn diese als
Verhältnis zwischen Menschen gefaßt wird. Steiner betont stärker,
daß die Verhältnisse zwischen den Menschen, unter denen die
Produktionsverhältnisse nur einen, wenn auch sehr wichtigen Teil
ausmachen, letztlich nicht fortgeschrittener sein können als die
Menschen, die sie eingehen. Antisoziales Verhalten gibt es auch in
fortschrittlichen Einrichtungen, wenn es auch durch sie erschwert
werden mag. Man darf nach Steiner dem Äußerlichen keine falsche
Macht zuschreiben und hat zu beachten, daß die äußeren
Einrichtungen immer Ausdruck eines inneren Lebens sind. Die Verhältnisse,
auch die bedrückenden und schrecklichen, sind von den Menschen
„geschaffen, und man wird niemals selbst bessere schaffen, wenn man
nicht von anderen Gedanken, Gesinnungen und Empfindungen ausgeht“
als den in den Verhältnissen verkörperten ihrer Schöpfer.
Anthroposophie
unterschätzt nicht die segensreichen Wirkungen des technischen
Fortschritts hinsichtlich der Erleichterung der Mühsal menschlicher
Existenz, wenn sie zugleich darauf hinweist, daß mit den technischen
Möglichkeiten auch die Gefährdungen des Humanen wachsen. Dies ist für
sie nicht einfach eine Frage der gesellschaftlichen Struktur, sondern
auch eine der moralischen Reife des einzelnen, die als Determinante in
gesellschaftliche Strukturen mit eingeht. Im Gegensatz zum Marxismus
ist für die Anthroposophie das Böse keine Abstraktion, sondern eine
Realität, die geschichtlich wirkt. Wenn C. Lindenberg im Zusammenhang
mit dem Faschismus von der „Technik des Bösen“ spricht, so ist
dies alles andere als der Versuch, die konkret-historischen
Entstehungsbedingungen des Faschismus durch abstrakte
anthropologisch-moralische Kategorien zu verstellen, sondern soll
geschichtsrealistisch Triebkräfte der Ereignisse aufzeigen, die der
üblichen Geschichtsbetrachtung verborgen bleiben müssen.
Das Böse
manifestiert sich nicht nur im Wollen und Handeln, es wirkt im ganzen
Menschen: Im Denken als Tendenz zu Einseitigkeit, Irrtum und Lüge, im
Fühlen als Lieblosigkeit in jeder Form, sei es als Verletzenwollen
des anderen oder als Stumpfheit ihm gegenüber; im Leiblichen wirkt
das Böse als Krankheit und Tod, im Ich als fanatische Besessenheit
und Intoleranz. Steiner spricht im Zusammenhang mit dem Bösen von dem
Wirken zweier wesenhafter, sich polarisch gegenüberstehender
Weltprinzipien, des Luziferischen und des Ahrimanischen. Ihnen muß
der Mensch sich durch geistige Durchdringung des Materiellen und durch
Selbsterziehung, d.h. Arbeit am eigenen Seelischen begegnen, sich
dergestalt mit dem Christus-Impuls durchdringend, für dessen
geschichtliche Wirksamkeit Steiner ein neues und vertieftes Verständnis
zu erwecken versuchte. Dieser Impuls hat es erstmals in der Geschichte
ermöglicht, die Menschen als gleich vor Gott, unabhängig von Stand,
Rasse usw. zu sehen. Er hat die höchste Achtung vor dem Ich, die
Freiheit eines Christenmenschen und zugleich die Brüderlichkeit, den
Gedanken der Nächstenliebe, der Achtung des Ich im anderen gebracht.
Geschichtlicher
Fortschritt ist eine christliche Idee - die alten orientalischen
Religionen kennen keinen Fortschritt, nur Kreisläufe. Da Fortschritt
letztlich nur durch den Wandel der menschlichen Gesinnung zustande
kommen kann, ist er immer gefährdet. Geschichte ist ein offener Prozeß:
es ist - fortschreitend mehr! - in die menschliche Verantwortung
gestellt, ob in ihr die Möglichkeit des Guten eher ausgeschöpft
werden als diejenigen des Bösen und des Hasses.
Der einzelne ist
nicht um des Fortschritts willen, sondern der Fortschritt durch den
und für den einzelnen da, sonst ist er keiner, sondern nur sein dämonisches
Gegenbild. „Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit
und Mittelpunkt des Erdenlebens.“ Staat und Gesellschaft wirken zurück
auf das Individuum, „das verkümmern müßte, wenn es außerhalb der
menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führte.“
Eine Generation dem Fortschritt opfern zu wollen, um die nächste
glücklich zu machen, könnte nur jemandem beifallen, der von der
Fortschrittsidee besessen ist, ihr nicht frei gegenübersteht. Jede
abstrakt-allgemeine Fortschrittsidee hat diese Tendenz, sich ins
Ahumane zu kehren. Wer die Partei des Fortschritts nimmt und die dafür
notwendigen Opfer verteidigt, pflegt sich selber ja meist nicht unter
diesen zu sehen, sondern unterschwellig eher mit der Macht jener
Vorsehung zu identifizieren, die er im Oberbewußtsein leugnen mag.
Dieser Mangel an Konkretheit des Denkens - und an moralischer
Phantasie - führt zu
solchen Monströsitäten der Weltpolitik wie der propagandistischen
Umfunktionierung blutiger religiöser Fanatiker in „fortschrittliche
antiimperialistische Kräfte“ und von Folterfaschisten in Verbündete
des Fortschritts zur Freiheit.