3.
Der Materiebegriff des Marxismus:
Materie, Bewegung, Raum und Zeit
Einen
entscheidenden Mangel des bisherigen Materialismus sahen Marx und
Engels in dessen Unfähigkeit, ,,die Welt als einen Prozeß, als einen
in einer geschichtlichen Fortbildung begriffenen Stoff aufzufassen“:
Die einzige Bewegungsform, die der alte Materialismus kennt, ist die
mechanische, während der dialektische Materialismus die Bewegung als
Veränderung und Entwicklung im umfassenden Sinne begreift. Die
Bewegung ist absolut, alle Zustände der Ruhe und Erstarrung nur
relativ: Jeder scheinbar ruhende Körper bewegt sich z. B. mit der
Erde um die Sonne; feste Strukturen sind nichts anderes als geronnene
Bewegungen, ihre Stabilität ist das Ergebnis des Wechselspiels ihrer
Elemente. Materie ohne Bewegung ist schlechterdings undenkbar,
Bewegung daher ,,das allgemeinste Attribut, die Daseinsweise der
Materie“.
Energie
versucht man auf Materiebewegung zu reduzieren: Die ,,aktive Bewegung
nennen wir Kraft, die
passive Kraftäußerung“, schrieb Engels. Die Meßbarkeit der Bewegung
gebe der Kategorie Kraft ihren
Wert, sonst habe sie keinen. Die Kraftvorstellung sei im Grunde ein
unzulässiger Anthropomorphismus: ,,Die Vorstellung von der Kraft
kommt uns ganz von selbst dadurch, daß wir am eigenen Körper Mittel
besitzen, Bewegungen zu übertragen, die innerhalb gewisser Grenzen
durch unseren Willen in Tätigkeit gesetzt werden können, besonders
die Muskeln der Arme, mit denen wir mechanische Ortsveränderung,
Bewegung andrer Körper hervorbringen, heben, tragen, werfen, schlagen
etc., und damit bestimmte Nutzeffekte. Die Bewegung hier scheinbar erzeugt,
nicht übertragen, und dies
veranlaßt die Vorstellung, als ob Kraft überhaupt Bewegung
erzeuge. Daß Muskelkraft auch nur Übertragung, jetzt erst
physiologisch bewiesen.“
,,Reine
Bewegung“ ohne Materie oder ,,reine Energie“ wird als Unding
bezeichnet. Man kommt hier in gewisse definitorische Schwierigkeiten.
Im Sinne der Materiedefinition Lenins wäre Energie eine Form von
Materie, andererseits soll sie dann doch bloß eine ,,Eigenschaft der
Materie“ sein, ein ,,quantitatives Maß der Bewegung und die Fähigkeit
materieller Systeme, auf der Grundlage innerer Veränderungen eine
bestimmte Arbeit zu verrichten.“ Energie existiere nicht losgelöst
von der Materie und trete immer gemeinsam mit anderen Eigenschaften
materieller Körper in Erscheinung.
Die
Grundformen der Materiebewegung -
physikalische, chemische,
biologische und soziale - werden in einem hierarchischem Verhältnis
zueinander gedacht: Die höheren Formen sind aus den niederen
entstanden, sollen aber nicht auf sie reduziert werden - ein
Fehler des mechanischen Materialismus, der die qualitative Spezifik
und relative Eigengesetzlichkeit der höheren Bewegungsformen übersah.
So sollen z. B. die Gesetze des Organisehen nicht auf die der Physik
und Chemie reduziert werden, obwohl die letzteren auch in den
Organismen wirken, deren höhere Gesetzmäßigkeit ohne diese Basis
nicht existieren könnte. Ja, die Entstehung der jeweils höheren Form
soll durch die in der niederen wirkende Gesetzmäßigkeit ursächlich
bedingt sein, trotzdem aber soll die von den Entwicklungs- und
Bewegungsgesetzen der niederen Form bewirkte höhere ihre Ursache überbieten,
ihr gegenüber etwas qualitativ Neues darstellen. Es bedarf nach
dieser Auffassung keines göttlichen Eingriffs oder geistigen
Einschlags in die Evolution, um deren Sprünge, um die Entstehung des
Lebens und des Bewußtseins, um die Steigerung zu immer höheren
Daseinsformen zu begründen. Vielmehr soll die immanente Aktivität
der Materie, ihre ,,Selbstbewegung“, die Sprünge in der Evolution
zustandebringen: Materie sei eben keine ,,träge Masse“, die des äußeren
Anstoßes durch einen göttlichen Erstbeweger oder eines inneren
geistig-göttlichen Bewegungsantriebs bedürfe:
,,Niemals
und nirgends hat in der Welt etwas existiert und wird etwas
existieren, was nicht Materie in ihrer Bewegung oder von dieser
hervorgebracht ware. Darin besteht die Einheit der Welt.“
Eine lange Entwicklung
der Philosophie und der Naturwissenschaften sei die Bestätigung
dieser These, eine Entwicklung, wie sie im Kapitel ,,Atombegriff“
bereits knapp charakterisiert wurde. Vom Nachweis der Materialität
der Gestirne durch Gravitationstheorie und Spektralanalyse, über die
Gesetze der Energieerhaltung, die die Unerschaffenheit der Materie und
ihrer Bewegung beweisen sollen, bis zu den Entdeckungen der Biologie
sieht man eine lückenlose Indizienkette:
Die
Biologie beispielsweise hat entdeckt, daß Leben auf Stoffwechsel,
also einem materiellen Prozeß beruht und durch Darwin die Entwicklung
der Arten ohne göttlichen Eingriff erklärbar gemacht. Leben ist also
materialistisch definierbar als Daseinsweise der Eiweißkörper, die
wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung ihrer chemischen
Bestandteile besteht. Und nirgends zeigen sich in der Natur Wirkungen,
die auf ein geistiges Evolutionsprinzip oder eine immaterielle
Lebenskraft hindeuten, so die Überzeugung der Marxisten. Das letzte
noch fehlende Glied der Beweiskette für die Materialität des
Weltzusammenhangs will der Marxismus schließlich selbst geliefert
haben, indem er den Idealismus aus der Geschichtsauffassung als seinem
letzten Refugium vertrieben habe.
Die
Behauptung, die Entwicklung in der Natur vom Einfachen zum Höchstkomplexen
sei als Ergebnis des blinden Wirkens bewußtloser Agenzien denkbar,
ist zwar immer wieder als unvereinbar mit dem weisheitsvollen
Zusammenklang der Naturerscheinungen empfunden worden. Doch konnten
die Marxisten demgegenüber auf die wenig überzeugende Art hinweisen,
in der lange über diesen Zusammenhang philosophiert worden war, auf
die ,,flache Wolffsche Teleologie, wonach die Katzen geschaffen, um
die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu
werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers
darzutun“.
Der Ansicht, ein so komplexes System wie das menschliche Gehirn könne
unmöglich ein bloßes Zufallsprodukt sein, will Engels nicht als
Argument gelten lassen, da eine solche Zufallstheorie eine Frucht
des überholten, mechanischen Materialismus sei. In Wahrheit sei es
kein Zufall, sondern ,,die Natur der Materie, zur Entwicklung
denkender Wesen fortzugehen, und dies geschieht daher auch notwendig
immer, wo die Bedingungen (nicht notwendig überall und immer
dieselben) dazu vorhanden.“
Der
konsequente Materialismus muß nach Auffassung der Marxisten
dialektisch sein. Das hängt mit dem Verhältnis von Materie und
Bewegung zusammen, denn nur die Dialektik hält man für fähig, das
Bewegungsproblem philosophisch richtig zu behandeln. Hatte Zeno die
Bewegung für unmöglich erklärt, weil sie ein Widerspruch sei, so
erklärt der Marxismus -
mit Heraklit und Hegel - den
Widerspruch im Sinne des Kampfes der Gegensätze für das Wesen der
Bewegung, ihre Quelle und Triebkraft. ,,Die Bewegung selbst ist ein
Widerspruch“, so Engels, denn ,,sogar schon die einfache mechanische
Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehen, daß ein Körper in
einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an einem
anderen Ort, an einem und demselben Ort und nicht an ihm ist. Und die
fortwährende Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs
ist eben die Bewegung.“
Neben
die Materiekategorie und die Kategorie Bewegung stellt der
dialektische Materialismus die Kategorien Raum und Zeit, welche die
beiden grundlegenden objektiv-realen Existenzweisen der sich
bewegenden Materie widerspiegeln sollen: Materie kann sich nicht
anders bewegen als im Raum und in der Zeit. Die Kategorie Raum
widerspiegelt das Nebeneinander der Dinge, ihre Entfernung
voneinander, ihre Ausdehnung und ihre Lage zueinander, während der
Zeitbegriff die Reihenfolge des Ablaufs materieller Prozesse, den
Abstand der Prozeßphasen, kurz ihr Nacheinander abbildet. Raum und
Zeit sind keine subjektiven Anschauungsformen mit erfahrungsunabhängigem
Charakter, keine Hervorbringungen einer ,,absoluten Idee“: Daß die
Erde nach den Daten der Wissenschaft Abermillionen Jahre vor dem
Erscheinen des Menschen und damit eines Bewußtseins in Raum und Zeit
existiert habe, beweise die Absurdität der idealistischen Thesen von
einer Bewußtseinsabhängigkeit von Raum und Zeit.
Raum
und Zeit dürfe man nicht getrennt voneinander und von der Materie
ansehen. ,,Die beiden Existenzformen der Materie sind natürlich ohne
Materie nichts, leere Vorstellungen, Abstraktionen, die nur in unserem
Kopf existieren“, schrieb Engels.
Die moderne Relativitätstheorie wird als glänzende Bestätigung
dieser dialektisch-materialistischen Raum-Zeit-Auffassung
betrachtet.
Raum
und Zeit gelten nicht nur als objektiv-real, sondern die Zeit
existiert ewig wie die Materie und der Raum ist unbegrenzt und
unendlich wie sie. Wenn die moderne Astronomie mit ihren technischen
Mitteln Objekte feststelle, deren Licht 10 Milliarden Jahre bis zu uns
gebraucht hat, warum sollte man dann annehmen, daß irgendein
Sternensystem das letzte ist, daß dahinter nicht weitere verborgen
sind? Die Zeitreihe hat nicht begonnen. Wieviel ,,Zeit auch immer bis
zum Eintritt eines Ereignisses verflossen sein mag, die Zeit wird auch
weiterhin andauern, sie wird nie eine Grenze erreichen, wo es
keinerlei Dauer oder keine unendliche Aufeinanderfolge von Prozessen
mehr gibt, die in ihrer Gesamtheit die unendliche Dauer darstellen.“
Wenn die idealistische Philosophie gleichzeitig die Unendlichkeit bzw.
Ewigkeit und die Zeitlosigkeit bzw. Unräumlichkeit des Geistes
behauptet, so erscheint das den Marxisten als absurder Widerspruch.
Alle Vorstellungen von einer raum-zeit-unabhängigen (geistigen) Welt
sind ,,vom Pfaffentum geschaffene und von der Einbildungskraft der
niedergehaltenen Masse der Menschen genährte [...] krankhafte
Phantasiegebilde, das untaugliche Produkt einer untauglichen
Gesellschaftsordnung.
Raum
und Zeit sind eine dialektische Einheit von Absolutem und Relativem,
Endlichem und Unendlichem. Der unendliche Raum setzt sich aus lauter
endlichen materiellen Objekten zusammen, die Ewigkeit aus lauter
endlichen Prozessen. Raum und Zeit sind stetig und diskret: zwei Zeit-
und Raumpunkte sind nicht absolut getrennt, es findet ein Übergang
zwischen ihnen statt, andererseits bestehen Raum und Zeit aber auch
aus klar unterschiedenen Elementen.
Versuche,
mit physikalischen Argumenten die Unendlichkeit und Unbegrenztheit
bzw. Ewigkeit von Raum, Zeit und Materie anzuzweifeln, weist man mit
Vehemenz zurück. Die ,,Haltlosigkeit“ einer religiös-idealistischen
Interpretation der Urknallhypothese sei ,,offensichtlich“; man dürfe
aufgrund von Vorgängen in einem Teil des Universums keine
kategorischen Urteile über die wirkliche raum-zeitliche Struktur des
gesamten Weltalls ableiten. Solche Relativierungen provozieren die
Frage, wie sie sich mit der kategorischen Behauptung von der Ewigkeit
und Unendlichkeit der Materie, die doch ebenfalls nur auf der
Grundlage von Beobachtungen in einem Teil des Universums in einem
bestimmten Zeitabschnitt ruhen kann, verträgt. Die Wärmetod-Prognose
wird ebenfalls zurückgewiesen, weil sie beweisen würde, ,,daß die
Welt erschaffen, ergo, daß die Materie erschaffbar, ergo, daß sie
zerstörbar [...]“
ist. Weil das aber unmöglich so sein kann, hofft man auf künftige
Forschungen, die zeigen sollen, wie die im Weltraum zerstreute Energie
wieder der Energieumwandlung ,nutzbar‘ wird und verweist heute auch
auf Poincaré, der 1911 gezeigt habe, daß der zweite Hauptsatz der
Thermodynamik nicht auf nahezu leere Räume wie den interstellaren
kosmischen Raum angewandt werden dürfe.
Immerhin
akzeptiert Engels den Gedanken des Wärme- bzw. Kältetodes, wenn er
ihn schon für das Gesamtuniversum nicht akzeptieren kann, doch für
unser Planetensystem: Irgendwann werde die Sonne ausgeglüht sein und
jedes Leben unmöglich, Über die Unerträglichkeit dieser Vorstellung
tröstet er sich mit der Zuversicht hinweg, daß die Materie, da sie
ewig ist, ,,mit derselben eisernen Notwendigkeit, womit sie auf der
Erde ihre höchste Blüte, den denkenden Geist, wieder ausrotten wird,
ihn anderswo und in anderer Zeit wiedererzeugen muß.“
Wohlgemerkt, Engels denkt dabei an Geist im allgemeinen, nicht an die
Wiederkehr des individuellen Geistes bestimmter Menschen.