4. Rudolf Steiner und der
philosophische Materiebegriff
In
dem bekannten sowjetischen Lehrbuch “Grundlagen der
marxistisch-leninistischen Philosophie“ lesen wir, daß sich die
Abgrenzung und Gegenüberstellung von Materiellem und Geistigem, Subjekt
und Objekt in jedem Akt menschlichen Bewußtseins und Handelns vollziehen.[1]
Und Steiner drückt nur denselben Gesichtspunkt aus, wenn er schreibt:
„Indem sich der Mensch als ,Ich‘ erlebt, kann er nicht anders als
dieses ,Ich‘ auf der Seite des Geistes zu denken; und indem er diesem
Ich die Welt entgegensetzt, muß er zu dieser die den Sinnen gegebene
Wahrnehmungswelt rechnen, die materielle Welt.“[2]
Hieran also laßt sich
der Unterschied von Marxismus und Anthroposophie in bezug auf die
Grundfrage nach dem Verhältnis von Denken und Sein, Natur und Geist noch
nicht festmachen. Eher schon daran, daß Steiner dem Marxismus die These
nicht abnimmt, die den Primat des Materiellen vor dem Geistig-Seelischen
als Resultat unbefangener Beobachtung ausgeben möchte: Gerade das
unbefangene Ausgehen von den reinen Phänomenen führt für ihn nicht zu
diesem Resultat, welches sich vielmehr erst als Ergebnis vorgefaßter
theoretischer Schablonen ergibt. Denn die unmittelbare Erfahrung gibt uns
genügend Beispiele von materiellen Vorgängen, denen seelische oder
geistige vorausgehen müssen,
damit sie Wirklichkeit werden: Das Gefühl von Ärger oder Wut ist primär
gegenüber dem Schlag, den die Hand gegen den Leib eines anderen Menschen
führt, und auch der kühl erwogene Entschluß ist eher da als die Tat,
die ihn materiell verwirklicht. Wir können durch eine Stadt spazieren und
werden kein Haus finden, dem nicht eine Bauidee bzw. ein Bauplan
vorausging. Steiner
hütet sich aber wohl, solche unmittelbaren Erfahrungen philosophisch
kurzschlüssig zu verallgemeinern und etwa die Materie in ihrem selbständigen
Dasein zu leugnen. In der Philosophie der Freiheit weist er einen
einseitigen Materialismus ebenso zurück wie einen verstiegenen
Idealismus. Er kritisiert den Dualismus, der die Brücke zwischen Geist
und Materie nicht zu finden vermag, ebenso wie einen solchen Monismus, der
den vorhandenen Gegensatz von Geist und Materie leugnet oder verwischt.
Alle Lösungsversuche, die nicht beachten, daß der Mensch die Rätsel,
die sich auf diesen Gegensatz beziehen, im Grundrätsel seines eigenen
Wesens wiederfinden muß, gelten Steiner als Problemverschiebungen. Eine
solche nimmt seiner Meinung nach der Materialist vor, der die Fähigkeit
des Denkens statt sich selber der Materie zuschreibt, aus deren Idee er
die Welt herleitet. Genauso gerät aber auch der reine Spiritualist in die
Enge, den die Materie bloßer Schein dünkt. Denn dem „Ich, das auf die
Seite des Geistes gestellt werden kann, steht unvermittelt gegenüber die
sinnliche Welt. Zu dieser scheint ein geistiger Zugang sich nicht zu eröffnen,
sie muß durch materielle Prozesse von dem Ich wahrgenommen und erlebt
werden. Solche materiellen Prozesse findet das ,Ich‘ in sich nicht, wenn
es sich nur als geistige Wesenheit gelten lassen will. Was es geistig sich
erarbeitet, in dem ist nie die Sinnenwelt drinnen. Es scheint das ,Ich‘
zugeben zu müssen, daß ihm die Welt verschlossen bliebe wenn es sich
nicht auf ungeistige Art zu ihr in ein Verhältnis setzte. Ebenso müssen
wir, wenn wir ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hilfe der
materiellen Stoffe und Kräfte in die Wirklichkeit umsetzen [...]“.[3] Die
spekulativen Konstruktionen über Geist und Materie versagen, wo es um die
Frage ihres konkreten Zusammenspiels geht, etwa beim Zusammenhang von
physischer und geistiger Entwicklung des Kindes, wie sie für Steiners Pädagogik
zum praktischen Problem wird: Steiner betont stark die Rolle von
Umgangserfahrung mit der materiellen Gegenständlichkeit in der kindlichen
Entwicklung und die Einschnitte, die durch Zahnwechsel und
Geschlechtsreife, also physisch konstatierbare Phänomene, markiert sind.
Gerade die Erziehungskunst zeige, so Steiner sarkastisch, daß die
Spaltung in unserer Zivilisation in einen Materialismus, der nichts von
der Materie und einen Spiritualismus, der nichts vom Geiste verstehe, überwunden
werden müsse.[4] Es
liegt Steiner fern, die objektive Realität der physischen Welt zu
leugnen. Er bestreitet jedoch, daß man zu ihrem Grund dadurch vordringt,
daß man dieses ihr Objekt-Real-Und-Physisch-Sein auf den Begriff der
Materie bringt. Den Weltengrund anders als durch Erkenntnis im Geiste
ergreifen zu wollen, hält Steiner für eine Donquichotterie, denn dieser
Grund ist in der objektiven Realität nie aufzufinden. Die Grundgesetze
der Welt, „die sonst zwar alles Dasein beherrschen, aber nie selbst zum
Dasein kommen würden, in den Bereich der erscheinenden Wirklichkeit zu
versetzen“, ist Beruf des Menschen, dessen Erkenntnis, „bildlich
gesprochen - ein stetiges Hineinleben in den Weltengrund“[5]
darstellt. Der Agnostizismus ignoriert diese Entwicklungsfähigkeit der
menschlichen Erkenntniskräfte: was zuerst jenseits der Grenzen der
Erkenntnis liegt, „das liegt nach der Erweckung von Fähigkeiten, die in
jedem Menschen schlummern, durchaus innerhalb
des Erkenntnisgebiets“.[6] Man
kann fragen, ob -
und wenn ja, in welchem
Sinn -
auch in der Anthroposophie
von einem Primat des Seins gegenüber dem Denken gesprochen werden kann.
Das ist zunächst einmal insoweit der Fall, als auch Steiner davon
ausgeht, daß sich das wahrheitsgemäße Denken nach den Tatsachen zu
richten hat: Denken kann sich auch in leere Begriffsgespinste und
Phantasmagorien verlieren, und deshalb gilt, daß nicht das Denken
schlechthin, sondern nur das wirklichkeitsgemäße Denken das Sein
erreichen kann.[7]
Auf die Einsicht in den
Primat eines Tatsächlichen, dem sich das Denken anmessen muß, läßt
sich aber kein Beweis des Primats von Materie bauen, weil sie für
geistige und seelische Tatsachen dieselbe Geltung haben muß wie für
physische. Das zeigt schon eine simple Überlegung: Nicht nur das, was ich
über die Physis einer anderen Person denke, muß der Wirklichkeit
entsprechen, um wahr zu sein, sondern auch das, was ich über das Denken,
Fühlen oder Wollen dieser Person denke, muß dem angemessen sein, was sie
wirklich und tatsächlich denkt, fühlt und will. Resultiert doch eine
Unzahl von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten aus der Täuschung über
fremde oder eigene Motive. An
dem Glauben an die Wirksamkeit allein des Materiellen ist immerhin die Überlegung
richtig, daß die Begriffe, in der Form, in der sie im menschlichen Bewußtsein
zunächst auftreten, ohne eine über ihre kognitive Funktion
hinausreichende Wirklichkeit sind. Die materialistische Metapher von ihrer
Spiegelbildlichkeit hat hierin einen rationellen Kern auch für Steiner,
denn der Begriff des Hundes beißt so wenig wie ein Spiegelbild des Tieres
es tut. Das Denken ist gerade dadurch die Voraussetzung menschlicher
Freiheit. Denn wenn ich aus einem gedanklichen Motiv handle, so hat dieses
keinen zwingenden Charakter: Ein Spiegelbild kann keine determinierende
Kausa sein.[8]
So ist die Möglichkeit
des Denkens, sich von der Wirklichkeit zu lösen, die Kehrseite seines
Charakters als einer freien Verrichtung, die denn ja auch, anders als
Atmen und Verdauen, unterlassen werden kann. Die Objektivität des Denkens
ist nicht ein für allemal gegeben, sondern setzt den Willen zur Wahrheit
voraus, der sich der Wirklichkeit aus freien Stücken anmißt. Das
heißt aber auch, daß Begriffe nicht einfach da sind, wie ein beliebiger
anderer Bestandteil des Weltinhaltes, sondern durch das denkende Ich
hervorgebracht werden müssen, um gegeben zu sein. Wird das Ich sich
seiner hervorbringenden Tätigkeit bewußt, so geht ihm sein eigener
Begriff auf. Während alle anderen Begriffe in der Sphäre der
Spiegelungen gedacht werden und dadurch Begriff und Sache, Ding für mich
und Ding an sich, im Gegenüberstehen verharren, kann ich den Begriff des
selbstbewußten Ich nicht denken, ohne das Gedachte zugleich
hervorzubringen, denn das Selbstbewußtsein entsteht eben mit dem
Ich-Gedanken. Mit dieser Überlegung ist eine Schwelle charakterisiert.
Denn solange das Ich, wie z.B. in der Hegelschen Philosophie, auf die
Produkte seiner geistigen Tätigkeit, die Gedanken, schaut, und nicht auf
die Tätigkeit selbst, ist es noch nicht davor gefeit, sich selber wieder
zu verlieren und aus einer anderen Wirklichkeit geistiger oder materieller
Art gedanklich abzuleiten. Erst wenn solche inneren Gedankenerlebnisse
gezeigt werden können, „die nicht
wie ein Spiegel dessen erscheinen, was außer den Gedanken
geschieht“[9],
kann man der materialistischen Weltanschauung etwas Wirkliches
entgegenstellen. Steiner will den Materialismus weniger widerlegen als überwinden,
indem er ein Erlebnisgebiet und die Methode seiner Erschließung
beschreibt, auf dem sich das Ich in seiner materiell unableitbaren
geistigen Wirklichkeit erfahren und über diese hinaus ins geistige Sein
vorstoßen kann. In diesem Sinne proklamiert er in dem Buch „Die Rätsel
der Philosophie“ die Notwendigkeit einer Grenzüberschreitung, durch die
das philosophische Denken über sich selbst hinauswachsen soll und die aus
der Logik der Philosophiegeschichte selbst ableitbar ist. Diese hat es
nicht einfach mit einer Grundfrage
- im Sinne der Engelsschen Zwei-Lager-Vorstellung - zu tun, sondern mit
epochenspezifischen Grundproblemen, in der Neuzeit mit der Frage, wie zu
einem Weltbild zu gelangen sei, „in dem die Innenwelt mit ihrer wahren
Wesenheit und die Natur zugleich sicher verankert sind“.[10] Für
Steiner ist der Materialismus, wie immer er ihm als schiefes Verhältnis
zur Wirklichkeit erscheint, eine bewußtseinsgeschichtliche Etappe, für
die sich erkenntnismäßige und soziale Bedingungen angeben lassen. Die
Gegenüberstellung von Denken und Sein, die „Spaltung der Wirklichkeit
in gegebenes Sein und Begriff“[11]
ist geschichtliches Produkt, nicht ursprüngliche ontologische
Gegebenheit. Die Organisation des Subjekts Menschheit hat sich immer mehr
so entwickelt, daß zusammenhangloses Wahrnehmungsmaterial, das von außen
gegeben wird, durch die innere Aktivität des Denkwillens mit Begriffen
durchsetzt werden muß, damit überhaupt Erkenntnis und damit bewußter
Anteil des Menschen an der Wirklichkeit zustandekommt. Solange sich aber
das Denken nicht auf sich selbst richtet, sondern bei den Gegenständen
verweilt, bleibt dem Menschen dieses schöpferische Moment verborgen, das
dem Bewußtsein nur in seinem fertigen Resultat, dem Wissen, erscheint.
Dieses Wissen vermeint zu wissen, daß es sich auf eine ebenso fertige
Wirklichkeit bezieht, weil nicht durchschaut wird, wie für das Erkennen
erst „durch die Vereinigung bestimmter beobachteter Bestandteile des
Wahrnehmungsbereichs mit den zu ihnen gehörenden Elementen des
Denkbereichs, den Begriffen [...] solche
Gebilde entstehen, auf welche der Begriff ,wirklich‘ anwendbar ist“.[12]
Die Wirklichkeitsbildung vor der menschlichen Erkenntnis, das
Produzierend-Sein des Geistes in der Materie bleibt verschleiert, wenn die
Wirklichkeitsbildung in der menschlichen Erkenntnis verschlafen wird. Der in einer
Erkenntnis, die ihrer selbst nicht voll bewußt ist, begründete Schein
der Welt als einer vollendeten Tatsache wird aus solcher eingeschränkten
Erkenntnis heraus aufs Sein projiziert, ontologisiert; das ist das
Geheimnis der materialistischen Konstruktion. Weil das Wissen die Welt
immer schon vorfindet, war die Welt, so sagt es Engels dann auch, von
Anfang an da - als
Aggregat von Stoffen und Kräften, als geist- und bewußtlose Materie. Die
soziale Wurzel für die Verbreitung des Materialismus ist ungewollt von
Marx benannt worden, in der Feststellung: „Die Tätigkeit des Arbeiters,
auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen
Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht
umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie
zwingt, durch ihre Konstruktion zweckmäßig als Automat zu wirken,
existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die
Maschinerie als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst.“[13]
Noch für den mittelalterlichen Handwerker dagegen ist der geistige Anteil
an der körperlichen Arbeit eine Erfahrungstatsache. Er, der noch das
Ganze seiner Produktion überschaut, ist sich unmittelbar bewußt, in der
Arbeit nicht etwa von Materie bewegt zu werden, sondern mit seinen
geistgeleiteten Händen Materie zu bewegen. Der
Proletarier erfährt nicht mehr den Geist, „der die unbelebten Glieder
der Maschinerie zwingt, zweckmäßig als Automat zu wirken“, und so muß
ihm um so mehr auch die mannigfaltige Struktur- und Bewegungsordnung der
Natur als Macht der strukturierten und sich bewegenden Materie selbst
erscheinen. Im
Materialismus steckt für Steiner aber auch ein gutes Stück
Bourgeois-Ideologie, weshalb er ihn durchaus nicht für die den
Bestrebungen der Arbeiter angemessene Weltanschauung hält. Die Verengung
des Bewußtseins auf die sinnliche Welt, die man in der Jagd nach Surplus
immer mehr aneignet, deren qualitativer Reichtum unter dem Gesichtspunkt
des Tauschwerts und der äußeren Nutzanwendung auf die abstrakte
Gleichheit des Quantums gebracht und auf seine berechenbare Dimension
reduziert wurde, ist ein Produkt der bürgerlichen Epoche.[14]
Wenn das Bürgertum die Prämissen seiner eigenen Bewußtseinsverfassung
nicht radikal zuende dachte, dann in der Tat aus jenen Momenten heraus,
die Marx als Herrschafts- und Opiatfunktion der Religion einseitig zwar,
aber richtig diagnostizierte. Die
Frage nach der Schöpfung und dem Schöpfer ist für Steiner weder ein
Problem des Verhältnisses von Philosophie und kirchlicher Dogmatik noch
ein solches philosophischer Spekulation; denn die Suche nach den
Gottesbeweisen sieht er als ein bewußtseinsgeschichtliches Symptom für
den Verlust von Gotteserfahrung. Die Frage ist die nach einem Weg der Berührung
und Begegnung des geschichtlich autonom gewordenen Subjekts mit dem Göttlichen.
Der Gedanke einer Schöpfung nimmt dem Menschen dann nichts von seiner
Selbstbestimmung, wenn man wie Steiner davon ausgeht, daß auf diese
Selbstbestimmung die Schöpfung gerade angelegt ist: „Lehrt die
Religion, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat, so
lehrt unsere Erkenntnistheorie, daß Gott die Schöpfung überhaupt nur
bis zu einem bestimmten Punkte geführt hat. Da hat er den Menschen
entstehen lassen, und dieser stellt sich, indem er sich selbst erkennt und
um sich blickt, die Aufgabe, fortzuwirken und zu vollenden, was die
Urkraft begonnen hat.“[15] Die
wahre Theodizee liegt für Steiner in der Einsicht, daß die Gottheit aus
unendlicher All-Liebe die All-Macht preisgegeben hat: „Der Weltengrund
hat sich in die Welt vollständig ausgegossen; er hat sich nicht von der
Welt zurückgezogen, um sie von außen zu lenken; er hat sich ihr nicht
vorenthalten. Die höchste Form, in der er innerhalb der Wirklichkeit des
gewöhnlichen Lebens auftritt, ist das Denken und mit demselben auch die
menschliche Persönlichkeit. Hat somit der Weltengrund Ziele, so sind sie
identisch mit den Zielen, die sich der Mensch setzt, indem er sich darlebt.
Nicht indem der Mensch irgendwelchen Geboten des Weltenlenkers
nachforscht, handelt er nach dessen Absichten, sondern indem er nach
seinen eigenen Einsichten handelt. Denn in ihnen lebt sich jener
Weltenlenker dar.“[16]
Solche
Ansichten bringen Steiner in Gegensatz zu jeder Art von Weltanschauung,
die noch aus dem Gefühl einer schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen
von einer fremden Macht lebt und über die schon Hegel gegenüber
Schleiermacher spottete, wenn dies das Wesen der Religion sei, so sei ein
Hund der beste Christ. Ob man diese fremde Instanz, die als ewig, allmächtig,
unendlich und allumfassend erlebt wird, als Gott oder Materie denkt, hat für
die Geisteshaltung solchen Abhängigkeitsbewußtseins eine geringere
Bedeutung, als man gewöhnlich annimmt. Steiner
nähert sich wie Marx dem Materiebegriff mit einer Analyse der Widersprüche
des Atomismus. In dem Jugendaufsatz „Einzig mögliche Kritik der
atomistischen Begriffe“ lesen wir: „Die Atome,
müßten sie nicht eine der sinnlichen Erfahrung unzugängliche
Existenz haben? Andererseits sollen die in der Atomenwelt vor sich
gehenden Prozesse, speziell Bewegungen, nicht bloß Begriffliches sein.
Der Begriff ist ja bloß Allgemeines, das ohne räumliches Dasein ist. Das
Atom soll aber [...] in seinem
Begriffe noch nicht erschöpft sein, sondern über denselben hinaus eine
Form der Existenz im Raume haben. Damit ist in den Begriff des Atoms eine
Eigenschaft aufgenommen, die ihn vernichtet. Er soll analog den Gegenständen
der äußeren Wahrnehmung existieren, doch nicht wahrgenommen werden können.
In seinem Begriffe ist die
Anschaulichkeit zugleich bejaht und verneint.“[17]
Später
wird Steiner diese Denkfigur als Paradoxon der unwahrnehmbaren Wahrnehmung[18]
bezeichnen. Die Verstrickung in dieses Paradox ist unvermeidlich, solange
man alle sinnlichen Qualitäten ins Subjekt hineinnimmt: die
unwahrnehmbare und aufgrund der sinnlichen Qualitäten erschlossene
Wahrnehmungsursache muß so zum qualitätslosen Unding ohne Eigenschaften
verkommen. Aber auch der Schnitt, den die Lehre von den primaren und
sekundären Qualitäten durchs sinnlich Gegebene macht, um der Aporie zu
entrinnen, ist willkürlich und kann nicht zum Ziele führen. Und zwar
deshalb, weil „Ausdehnung, Größe, Lage, Bewegung, Kraft usw.“ als
„‘mathematische und mechanische Qualitäten‘ [...] in
Wirklichkeit mit dem übrigen Inhalt der Erfahrungswelt untrennbar
verbunden“[19]
sind und nur durch den abstrahierenden Verstand von ihm abgetrennt werden
können. Diese
Feststellung bedeutet durchaus nicht, daß Steiner die Spezifik
verschiedener Sinnesfelder leugnen wollte. Seine Sinneslehre differenziert
vielmehr schärfer als jede vorhergehende sowohl zwischen den
unterschiedlichen Sinnesleistungen als auch zwischen den Sinnen als
Erlebnisfeldern und den Organen, an die sie gebunden sind. Nicht von einem
Verhältnis der sinnlichen Außenwelt
zu der menschlichen Subjektivität
soll gesprochen werden, wie bei Kant und Locke. So gibt es unter den von
Steiner aufgewiesenen 12 Sinnen in der Tat solche, die uns mehr mit dem
Objekt verbinden, andere wiederum, die uns mehr über die Zustände des
eigenen Organismus unterrichten und damit Wahrnehmungen am Subjekt ermöglichen.
Der Gesichtssinn verbindet z.B. mit der Oberfläche der Objekte, der Gehörsinn
auch mit deren innerer Substantialität (Metall gibt anderen Klang als
Holz usw.), im Geschmackssinn wird nicht nur der Stoff, sondern vor allem
seine Wechselwirkung mit der Zunge und dem auflösenden Speichel
wahrgenommen, im Geruchssinn gasförmiger Stoff mehr als solcher. Im
Lebenssinn dagegen nehmen wir die Grundbefindlichkeit des Organismus wahr
im Bewegungssinn Haltung, Lage und Bewegung vor allem anhand der
Muskelspannungen. Der Tastsinn schließlich unterrichtet uns nur indirekt
über das Objekt, unmittelbar wird dessen Wirkung auf die Haut, die
Verformung unter dem Druck usw. wahrgenommen. Es ist bare Willkür, gerade
die Leistungen der letzteren Sinne als die objektiveren hinzustellen;
solche Willkür muß in den Zirkel: die Wahrnehmung des Subjekts ist
objektiv, die des Objekts subjektiv, münden. Die These von der besonderen
Objektivität des Tastsinns verkennt den wahren Grund für das Erlebnis
der Realitätshaltigkeit der Tasteindrücke. In der Gegenüberstellung mit
einem Sinnesobjekt ergibt sich niemals allein ein Eindruck bloß durch
einen Sinn, sondern mindestens noch durch einen anderen, wobei die
Beziehung des einen mit größerer Schärfe ins Bewußtsein tritt als die
des anderen. In den Wahrnehmungen des Gleichgewichtssinns, Lebenssinns,
Bewegungssinns und Tastsinns wird immer das eigene Sein des wahrnehmenden
Menschen dumpf mitempfunden. Die Außenbeziehung dieser Sinne bleibt
dumpfer, weil sie vom Erlebnis des Eigenseins übertönt wird. Die scharfe
Wahrnehmung eines Gegenstandes durch den Gesichtssinn führt zur
Vorstellung des Gegenstandes, die gleichzeitige dumpfe Wahrnehmung der
unteren Sinne (etwa die feine Ansprache des Gleichgewichtssinnes durch die
Raumgestalt eines Baumes, das Verhältnis des Lastens der Äste und ihres
Getragenwerdens durch den Stamm) läßt das Erlebnis der Realitätshaltigkeit
des Wahrnehmungseindrucks aufkommen. Und dieser „lebt auf in dem
Urteile: ,das Gesehene ist‘ oder ,es ist das Gesehene‘“.[20] Steiners
Kritik an der Lehre von den primären und sekundären Qualitäten ist kein
Ausdruck eines naiven Realismus, der bei der Einzelwahrnehmung Halt macht,
sie für die Sache nimmt - also z. B. die Sonne als Scheibe auffaßt - und
damit ihre Abhängigkeit von der Perspektive des Beobachters ebenso vergißt
wie den Wandel des Weltbildes durch neue Wahrnehmungen.[21]
Daß diese Kritik auch nicht im subjektiv-idealistischen Fahrwasser sich
bewegt, ergibt sich schon aus der Grundüberlegung, daß die
Subjektivierung der empfundenen Qualität nicht weniger willkürlich ist
als die Unterscheidung der beiden Qualitätstypen. Noch klarer wird es,
wenn man sich mit Steiner die Differenz zwischen dem Akt des Wahrnehmens
(den er ,,Beobachtung“ nennt)
und dem Inhalt, auf den dieser Akt sich richtet, dem Wahrnehmungsobjekt
oder Wahrgenommenen, bewußtmacht. Nur dieses Wahrgenommene nennt Steiner
- abweichend vom üblichen Sprachgebrauch - ,,Wahrnehmung“.
Wahrnehmungen sind für ihn die „unmittelbaren Empfindungsobjekte“,
Farben, Töne, Druck, Wärme, Geschmack, Geruch, d.h. der „Inhalt der
reinen gedankenlosen Beobachtung“[22].
Dem subjektiven Idealismus verschwimmt Wahrnehmen und Wahrgenommenes,
Empfindung und Empfundenes; deshalb verstrickt er den Menschen in sein
Wahrnehmen und Empfinden, ohne einen Ausblick auf etwas unabhängig vom
Empfundenwerden Bestehendes eröffnen zu können. Steiner will dagegen
zeigen, was „an der Wahrnehmung während des Wahrnehmens geschieht und
was an ihr schon sein muß, bevor sie wahrgenommen wird“.[23] Der
Wahrnehmungsinhalt - eben die Qualitäten - kann nicht ins Bewußtsein
hineingenommen werden. Und ebenso wenig die Dinge, denn sie stellen sich
bei näherer Betrachtung als ein Gewebe aus Qualitäten dar. „Der
empirisch gegebene Weltinhalt ist für mich nicht Bewußtseinsinhalt“,
schreibt Steiner am 1. 11. 1894 an Eduard von Hartmann. Das Sein dieses
Weltinhaltes besteht nicht in seinem Wahrgenommenwerden (Berkeley),
sondern ist die Perzeption eines unabhängig vom Bewußtsein des
Perzipierenden existierenden Gehalts. Dieser Gehalt gerade geht aber
verloren, wenn man den Qualitäten „rot“, „sauer“, „hart“,
„warm“ usw. noch einen ganz anderen Inhalt unterlegen will als
denjenigen, den sie für das Bewußtsein haben, dem eben diese bestimmte
Qualität - „rot“, „hart“ - bewußt wird. Nehme ich „Rot“
wahr, so ist „Rot“ nicht der Akt des Wahrnehmens und Empfindens,
sondern das Wahrgenommene und Empfundene, das Objekt der Wahrnehmung.
Gerade solche reinen Qualitäten werden von der raumzeitlichen
Perspektivität des Wahrnehmens nicht berührt. Das Wesenswas der Qualität
bleibt in seinen verschiedenen raum-zeitlichen Erscheinungsformen mit sich
identisch. Für den Inhalt von „Rot“ oder einer anderen Qualität, ist
es nicht das Wesentliche, daß er an einem bestimmten Raumkörper
auftritt, daß er gerade zu diesem Zeitpunkt diesem bestimmten Subjekt
erscheint; es handelt sich, mit den Worten A. N. Whiteheads, jeweils um
einen bestimmten ,Fall von Röte oder Bläue‘.[24]
Die überzeitlich-überräumliche
Natur dieses Wesentlichen bedeutet aber nicht, daß es schlechthin unfaßbar
wäre. Vielmehr bleibt es ein durchaus Bestimmtes, Unverwechselbares,
nicht mehr dinglich-materiell faßbar, aber dennoch objektiv-real, da
nicht vom Bewußtsein erschaffen. Man kann von einer sinnlich-übersinnlichen
Wesenhaftigkeit sprechen. Die
gängige Anschauungsweise will eine Ausgangswahrnehmung als subjektive
Reaktion auf ganz anders geartete objektive Reize - nach dem Muster:
Schallwelle-Ton - erklären. Steiner versucht immer wieder, diese Art
Schnittführung zur Trennung von Objektivem und Subjektivem ad absurdum zu
führen: Man will eine Ausgangswahrnehmung erklären, etwa warum ich hier
und jetzt einen Orgelton höre. Ich finde bei der Untersuchung dieser
Frage verschiedene raumzeitliche Vorgänge, in dem schwingenden
Instrument, in der Luft, in meinem Sinnes-Nerven-System. Aber nirgends
bekomme ich dadurch, und wenn ich die vollkommenste Einsicht in alle
Details der Hirnfunktion hätte, den Punkt ins Beobachtungsfeld, wo aus
den objektiven Vorgängen das subjektive Wahrnehmungserlebnis entstünde,
dergestalt daß ich dessen Entstehen selbst wahrnehmen könnte. Ich muß
mir schließlich das Eingeständnis abnötigen lassen, daß ich all diese
,objektiven‘ Vorgänge, durch die ich mir das Wahrnehmungserlebnis erklären
wollte, auch nur durch Wahrnehmungen kennenlernen kann, daß sie mir auch
sinnlich gegeben sein müssen, wenn ich etwas von ihnen erfahren will. Mit
der Untersuchung bin ich nur von einer Wahrnehmung zur anderen übergegangen,
bis ich wieder bei der Ausgangswahrnehmung angekommen bin. Ich muß mir
eingestehen, daß deren Inhalt gar nicht die Wirkung der raumzeitlichen
Vorgänge, die zwischen ihm und dem perzipierenden Bewußtsein angetroffen
werden, sein kann, sondern vielmehr als die Ursache dieser Vorgänge
angesehen werden muß. Denn es ist dieser Inhalt, die Qualität, die sich
in den verschiedenen Medien in immer neu verwandelter, der Beschaffenheit
des jeweiligen Mediums angemessener Gestalt auslebt, um am Ende der Kette
der Verwandlungen schließlich wieder ihre ursprüngliche Gestalt
anzunehmen. In der Luft lebt der Ton als Schallwelle, im Nerv als Erregung
usw., im menschlichen Bewußtsein als das, was er eigentlich ist: Ton, der
als Sinn oder Gehalt in die anderen Vorgänge verwandelt und verschlüsselt
war.[25] Die
Tatsache der Sinnestäuschungen ist demzufolge kein Beweis des Gegenteils:
es kann sich um Störungen der Vermittlungsvorgänge in der physischen
Organisation des Menschen handeln, um krankhafte Veränderungen, die die
Reproduktion der Empfindungsinhalte im Bewußtsein ganz oder teilweise
verhindern bzw. um Fehlverschlüsselungen, die sie entstellen. - Das erste
ist der Fall beim Farbenblinden, das zweite beim Gelbsüchtigen, dem der
Honig bitter schmeckt. (Ein weiterer Teil der sogenannten Sinnestäuschungen
liegt überhaupt nicht auf dem Felde der Sinnesorgane, sondern auf dem der
Fehlinterpretation ihrer Botschaften durch das Denken.) Die ganze eben
skizzierte Argumentation gipfelt in der Einsicht, daß das „sinnenfällige
Weltbild die Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalte ohne eine
zugrundeliegende Materie“ im Sinne der üblichen physikalischen
Vorstellungen ist, die mit dem alten, unrichtigen Substanzbegriff der
Metaphysik übereinstimmen: „Etwas anderes ist die Materie als das den
Erscheinungen zugrunde liegende eigentliche Reale, etwas anderes die
Materie als Phänomen, als Erscheinung. Auf den ersten Begriff allein geht
unsere Betrachtung. Der letztere wird durch sie nicht berührt. Denn wenn
ich das den Raum Erfüllende ,Materie‘ nenne, so ist das bloß ein Wort
für ein Phänomen, dem keine höhere Realität als anderen Phänomenen
zugeschrieben wird. Ich muß mir dabei nur diesen Charakter der Materie
stets gegenwärtig halten. Die Welt dessen, was sich uns als Wahrnehmungen
darstellt, d.h. Ausgedehntes, Bewegung, Ruhe, Kraft, Licht, Wärme, Farbe,
Ton, Elektrizität usw., das ist das Objekt aller Wissenschaft.“[26]
Erklären heißt, das
Beobachtete auf den Begriff zu bringen, nicht jedoch es auf unbeobachtbare
einfache Substanzen zu reduzieren. Mit solchen Reduktionen überschreite
vielmehr die Wissenschaft ihre Befugnis.[27]
Vorstellungen, die ihren
eigentlichen Wert als ,,Abbreviatur“, als „Rechenmünze“ haben[28]
werden dergestalt umstandslos mit erkenntnistheoretischer Naivität als
Bezeichnungen oder Abbilder wirklicher Dinge, Stoffteilchen,
Energiequanten o.a., genommen, die Frage nach der Realitätshaltigkeit der
Modellvorstellung wird entweder als irrelevant abgetan oder damit für
beantwortet gehalten, daß die Rechnungen stimmen. So ist z. B. die
Deutung der Tatsache der multiplen Proportionen in der Verbindung der
elementaren Stoffe durch die Vorstellung des Zusammentretens von Atomen zu
Molekülen an sich durchaus nicht zwingend; daß sie als zwingend erlebt
wird, entspricht „bei genauerem Zusehen [...] nur
einer Denkschwäche (vergleichbar derjenigen, die für die
Faktorenzerlegung der natürlichen Zahlen -
wie 35 = 5 . 7 - die
Hilfsvorstellung von ,Atomen‘ benötigen würde!“[29]
Man
kann sich fragen, wieweit ein dialektischer Materialismus durch die
Steinerschen Thesen überhaupt betroffen wird, wo er doch jenen
„unrichtigen Substanzbegriff der Metaphysik“, den Steiner attackiert,
ebenfalls überwunden zu haben beansprucht. Lenin gesteht den Zusammenhang
zwischen Empfindung und Qualität in der Bemerkung zu - wenn man hier überhaupt
von einem Zugeständnis reden will -, das „Erste und Ursprüngliche“ für
die Erkenntnis sei die Empfindung und „in ihr
zwangsläufig auch die Qualität [...]“, Empfindung sei wesentlich
“Widerspiegelung der Qualität“.
[30] Das
liest sich so, als ob das Etwas, das das Subjekt durch den Empfindungsakt
empfindet, eben die Qualität: rot, blau, hart, weich, warm, kalt usw.
sein solle. Das kann aber nicht gemeint sein, denn die Farbempfindung z.B.
soll nach Lenins bereits im vorigen Kapitel zitierten Diktum doch das
Erzeugnis einer „Bewegung der Materie, sagen wir Ätherwellen von
bestimmter Länge und bestimmter Geschwindigkeit“ sein, die auf die
Netzhaut einwirken)[31].
Also nicht die Farb- und
Hell-Dunkel-Qualitäten werden „widergespiegelt“, sondern etwas
qualitativ davon durchaus Verschiedenes, nämlich Ätherwellen bzw. nach
neuerem Stand der Physik die strahlende Energie des wellenartig-korpuskulären
elektromagnetischen Feldes in bestimmter Quantelung. Diese
Energie wird gedacht als die Ursache elektrischer und chemischer Reize in
unseren Rezeptoren, die von der Physiologie untersucht werden. Als
psychische Reaktion entsteht schließlich auf der Basis der Hirntätigkeit,
die die Signale “decodiert“, die Farbempfindung. Diese steht zwar -
bei normaler Entwicklung der Sinnesorgane - in einer eindeutigen Zuordnung
zum Ausgangsreiz - auf den gleichen Reiz reagieren verschiedene Personen
mit gleichartigen Farberlebnissen. Sie ist aber ein bloßes Innenerlebnis,
das im Grunde zu Unrecht in den Raum hinausprojiziert wird. Farbe ist
letztlich nur eine Illusion, wenn auch eine kollektive. Das muß aber dazu
führen, daß dem Materialismus die Qualität, die nach Lenin in der
Empfindung gerade widergespiegelt werden soll, verlorengehen muß. Indem
Empfindungsinhalt und -akt ineinander verschwimmen, der Akt den Inhalt
gleichsam aufsaugt, muß eine Suche nach einem neuen Inhalt beginnen, und
dieser Prozeß muß sich ad infinitum wiederholen. Dem die empfundene
Qualität bedingenden Ding an sich müssen wieder Qualitäten beigelegt
werden, damit es sich nicht in ein bloßes Gedankending verwandelt. Wo
anders aber sollen Qualitäten hergenommen werden als aus der Erfahrung,
der Empfindung? Die
Frage, was eine Welle denn wirklich an der gesehenen Farbe „erklärt“,
wird nicht gestellt; Lenin genügt die eindeutige Zuordnung zwischen der
Frequenz und dem Farbeindruck, um die Beziehung zwischen beiden als
Widerspiegelung zu deuten. Aber wo liegt die qualitative Ähnlichkeit oder
gar Gleichartigkeit, die man doch von einem Spiegelbild in bezug auf das
Gespiegelte mit Recht erwartet, zwischen Welle und Farbe? Damit wir uns
einer Ähnlichkeit zwischen den materiellen Vorgängen, die dem Sehen
vorausliegen, und der Gesichtswahrnehmung selber versichern könnten, müßten
wir die ersteren sehen können. Das aber ist offensichtlich unmöglich,
denn wie will man ohne die Qualität „Licht“, die doch erst als Folge
der „objektiv-realen“ Vorgänge entstehen soll, etwas sehen?
[32] Steiner
betont die Unmöglichkeit, auf dem Wege der äußeren Beobachtung in ein
Inneres der Erscheinungen zu gelangen, sozusagen hinter diese, an den
Punkt, wo sie durch ,die ihnen zugrunde liegende Materie‘ bedingt
wurden. Der Steiner-Schüler Carl Unger formuliert prägnant: „Die
physische Welt ist für uns immer Oberfläche. Vergebens bemühen wir uns,
ins Innere eines Gegenstandes physisch vorzudringen. Brechen wir ihn
auseinander, so haben wir nur neue Oberflächen erzeugt, die uns
wieder den Eintritt
verwehren. Das ,Innere‘
ist immer geistig.“[33] Engels
schrieb - die Stelle wurde zitiert - daß die Materie als solche -
abgesehen von den sinnlich
konkreten Materien - reine
Gedankenschöpfung und Abstraktion sei. Zugleich hält der dialektische
Materialismus daran fest, daß die Materie die allgemeine substantielle
Grundlage der Erscheinungen ist, obwohl sie als ,allgemeine“ Grundlage
nach Engels doch auch wiederum nur Gedankenschöpfung sein darf; einzelne
Materien können hinwiederum nicht allgemeine
substantielle Grundlage aller Erscheinungen sein. Der philosophische
Substanzbegriff geht auf das Bleibende im Wechsel, was kraft innerer
Notwendigkeit besteht, auf den Träger der Erscheinungen und Eigenschaften
der Dinge. Der klassische Atomismus wollte dieses Bleibende als
materielles Ding festmachen, - der dialektische Materialismus konstatiert
das Scheitern dieser Bemühungen, will aber die Konsequenz, daß das
Wesen, die Substanz ein unräumlich Inneres ist, nicht ziehen. Nach Lenins
Definition der Materie soll sie das in den Sinnesempfindungen Gegebene
sein, also der sinnlichen Beobachtung zugänglich; (wenn auch natürlich
noch nicht alle Materie erforscht ist). Andererseits müssen aber auch die
nur dem Denken zugänglichen Naturgesetze als objektiv-real, d.h. im Sinne
der Definition als materiell gedacht werden, um nicht dem objektiven
Idealismus Tür und Tor zu öffnen. Auch die Tatsache, daß die
Naturwissenschaft immer mehr in unanschauliche Bereiche vorstößt, zwingt
dazu, den Materiebegriff weiter zu fassen als den des Sinnlich-Gegebenen,
damit aber den naiven Realismus, der kein Wirkliches annehmen darf, wo er
nichts wahrnimmt, prinzipiell zu überschreiten. Man ist also genötigt,
die Beziehungen und Verhältnisse, die gesetzmäßigen Zusammenhänge
zwischen den wahrnehmbaren Dingen, die nicht sinnliche, sondern nur
begrifflich faßbar sind, als objektiv-real zuzugeben, kann sich aber
gleichzeitig nicht entschließen, neben der Gegenständlichkeit die
„Form des Seins, die [...] das Denken vermittelt“[34]
-, das geistige Band der gegenständlichen
Erscheinungen, als Wirklichkeitsfaktor anzuerkennen und muß deshalb -
rein definitorisch - das Immaterielle
materialisieren. Steiner
sieht sich in seiner Auffassungsweise durch die ,Krise der Physik“ und
die sich anbahnenden Wandlungen im naturwissenschaftlichen Weltbild bestätigt,
er ist davon überzeugt, daß die Naturwissenschaft nach und nach seine,
durch andere als die naturwissenschaftlichen Methoden gewonnenen,
Erkenntnisse erhärten werde.[35] Bereits
im Anorganischen bekommt es die Naturwissenschaft immer mehr mit Entitäten
zu tun, die wie die verschiedenen Kraftfelder nichtstofflich und zugleich
real-existierend und wirkend erscheinen. Ernst Bloch nähert sich einer
solchen Einsicht mit der Feststellung, daß zwischen „der Materie als
Energie-Impuls-Tensor und der Materie des mechanischen Materialismus [...]
keine diplomatische Beziehung“ bestehe, daß das „Elektron als
,Zuckung‘ eines Ätherfeldes“, als „unaufhörliche ,Systole und
Diastole‘ eines Feldfluidums“ aufzufassen sei und daß die Physik
vergeblich nach dem suche, was da schwingt, dem “Träger“ des ganzen
Prozesses.
[36] Steiner glaubt, daß die Auffassung von Materie als
zeitweiligem “Verdichtungszustand“ eines Immateriellen durch die
moderne Physik selber immer mehr in die Nähe des Begreifbaren rückt.[37] [1] Konstantinow, S. 18. [2] GA 4, S. 29. [3] ibd., S. 31, vgl. 29f. [4] GA 307, S. 137f. [5] GA 3, S. 173. [6] GA 9, S. 17. [7] Vgl. etwa GA 134, S. 15f. [8] Vgl. bei Palmer 1976, S. 52. [9]
GA 18 II, S. 87. [10] ibd. 27. [11] GA 3, S. 115. [12] Witzenmann 1978, S. 14. [13] Marx, Grundrisse, S. 584. [14] Vgl. z.B. GA 171, S. 247f. [15]
GA 1,S. 118f. [16] GA 2, 94f. [17] In: Beiträge 63/1978, S. 7f. [18]
GA 4, S.118f. [19]
GA 1, S. 228. [20] GA 21, S. 148. Vgl. Thementaschenbuch „Zur Sinneslehre“, S. 21 und passim; ferner GA 115; GA 45. [21]
Vgl. GA 4, S. 62f. [22] ibd. 61. [23] ibd. 64. [24] Nach Störig 2, S. 266. [25] Vgl. etwa GA 1, S. 192f. [26]
GA 1, 197f. [27]
ibd., 199. Vgl. Rapp 1978. [28] Vgl. GA 254, Vortr. v. 16. 10. 1915. [29] G. Unger 1979, S. 48. [30]
LW 14, S. 304. [31]
LW 14, S. 46f. [32]
Vgl. GA 314,S. 15. [33] C. Unger III, S. 91ff. [34] GA 4, S. 123. [35] So behauptete Steiner z. B. die Existenz von Cyan-Verhindungen in den Kometen, was erst später durch die Naturwissenschaft mit ihren Methoden nachgewiesen wurde. Vgl. GA 351, Vortr. 24. 10. 1923. [36] Bloch 1978, S. 232, 224. [37] Vgl. z.B. GA 93, S. 112f.
GA 120, S. 90ff. [38] 38 GA 4, S. 183.
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