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Brüderlichkeit
im Wirtschaftsleben
Assoziative Wirtschaft -
Utopie oder aktuelle Gestaltungsaufgabe?
Christoph Strawe
(Zuerst veröffentlicht
in der Zeitschrift "Die Drei", Nr. 2/1994.)
Wer heute über Brüderlichkeit im
Wirtschaftsleben spricht, setzt sich dem Verdacht aus, ein
hoffnungsloser Idealist und Utopist zu sein, der den Zusammenbruch
des Sozialismus verschlafen habe. Der Versuch, Brüderlichkeit zu
realisieren, müsse letztlich in die Sackgasse einer ineffizienten
Planwirtschaft münden. In diesem Zusammenhang wird auch Rudolf
Steiners Arbeitsansatz - der Realisierung von Brüderlichkeit durch
wirtschaftliche "Assoziationen" - in die Ecke der
Planwirtschaft gestellt. Dies geschah und geschieht nach wie vor
auch durch Menschen, die sich ansonsten als Anhänger Steiners
verstehen.
Auch wenn man diese Kritik für verfehlt hält,
muss man zugeben, dass wir heute im Zeitalter der Freiheit leben,
nicht im Zeitalter der Brüderlichkeit. Nicht umsonst blieb die Brüderlichkeitslosung
die verschwommenste Forderung der Französischen Revolution.
Freiheit im Sinne der Lösung des Individuums aus überkommenen
Bindungen ist das Ergebnis der ganzen bisherigen Weltgeschichte, Brüderlichkeit
aber beginnt sich erst zu entwickeln, wo die befreiten Individuen
die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zum Motiv ihres eigenen Handelns
machen. Freiheit ist Frucht, Brüderlichkeit ist Keim. Wenn aber
unserer Zukunft nicht ganz und gar von dem Satz bestimmt sein soll,
dass der Mensch des Menschen Wolf sei, dann wird die Pflege dieses
Keims zur entscheidenden Aufgabe. Und diese Aufgabe muss heute,
nicht erst in einer fernen Zukunft angegangen werden.
Marktwirtschaft und Planwirtschaft
Die Feststellung, dass das moderne
Wirtschaftsleben ganz und gar von der Arbeitsteilung geprägt wird,
ist weniger banal, als sie scheint. Denn das Zusammenwachsen der
Menschheit durch diese Arbeitsteilung bedingt einen neuen bewussten
Umgang mit dem Wirtschaftlichen. Arbeitsteilung verbindet die
Menschheit zu einem Ganzen, in dem jeder für den anderen tätig
ist. Zugleich zerschneidet sie den unmittelbaren Zusammenhang von
Produktion und Bedarf und führt damit zu der Aufgabe, Zusammenhänge
bewusst zu gestalten: Altruistisches Verhalten wird damit zu einer
ökonomischen, nicht bloß individuell-sittlichen Frage. Dem steht
die Tendenz entgegen, in einer merkwürdigen Verbindung von altertümlicher
Selbstversorgungsmentalität und neuzeitlicher Egoität die ganze
Weltwirtschaft als Steinbruch des Bereicherungsstrebens zu
behandeln.
Zwei Antworten auf diese weltgeschichtliche
Konstellation haben das Spannungsfeld von Wirtschaft im 20.
Jahrhundert geprägt: die Marktwirtschaft, die auf die Ordnung der
Wirtschaft durch eine Art mechanischer Selbstregulierung setzt, und
die Planwirtschaft, die ökonomische Vernunft durch bürokratische
Reglementierung von oben erzwingen möchte. Beide Antworten haben -
auch wenn die Marktwirtschaft vorläufig aus der Auseinandersetzung
als "Sieger" hervorgegangen ist - die Frage, wie im
Wirtschaftsleben bewusste Gemeinschaftlichkeit und Zusammenarbeit mündiger
Menschen möglich ist, unbeantwortet gelassen.
Die Theorie des modernen markwirtschaftlichen
Kapitalismus wurde - wie könnte es anders sein! - von einem
Schotten formuliert: Adam Smith (1723 - 1790) betont in seinem 1776
erschienenen Hauptwerk "Untersuchungen über die Natur und die
Ursachen des Reichtums der Nationen" die Rolle der Arbeit als
Quelle des wirtschaftlichen Reichtums und die Funktion der
Arbeitsteilung für die Steigerung der Produktivität.
"Modern" ist sein Konzept, insofern er den Willen und die
unternehmerische Initiative des einzelnen zum Ausgangspunkt seiner
Betrachtungen macht. Zugleich spricht er diesem einzelnen die Fähigkeit
sozialer Vernunft ab, indem er das "Selbstinteresse" als
einzig wirksame Antriebskraft wirtschaftlicher Effizienz betrachtet.
Daraus folgt mit eiserner Konsequenz, dass dem einzelnen jeder
Zugriff auf das wirtschaftliche Ganze entzogen bleiben muss, dass
insbesondere der Preis als Regulator der Leistungs- und
Gegenleistungsrelationen nicht zum Objekt gemeinschaftlicher Verständigung
gemacht werden darf. So betrachtet ist schon das Teegespräch
zwischen Unternehmern der Katastrophenfall: was anderes sollte dabei
herauskommen als ein Kartell zur Übervorteilung von Kunden oder
Lieferanten? Auf diese Weise tritt ins Zentrum aller Überlegungen
die Sicherung freier Konkurrenz: Durch sie sollen sich die Egoismen
aneinander abschleifen. Trotz, ja gerade infolge des Eigennutzes der
einzelnen soll sich hinter deren Rücken, wie von einer
"unsichtbaren Hand" bewirkt, das maximale Wohl aller
herstellen.
Die Wirklichkeit hat diese Theorie so nicht
bestätigt: Es traten Verhältnisse ein, die zu vollständiger
Ungleichheit in bezug auf die Verteilung der Früchte des
Produktivitätsfortschritts führten. Statt der erhofften sozialen
Harmonie entwickelte sich das Arbeiterelend des 19. Jahrhunderts.
Die Reaktion hierauf war die
"Korrektividee" (Karl Popper) des marxistischen
Sozialismus, welche die mächtig anschwellende Arbeiterbewegung
beseelte. Aber diese Arbeiterbewegung verfing sich in den Netzen
materialistischer Ideologie. Indem der marxistische Sozialismus von
Westen nach Osten exportiert und in Russland zur dogmatisierten
Staatsdoktrin wurde, endete, was als Aufbruch zu mehr Menschlichkeit
begann, im Archipel Gulag. Und auch der poststalinistische
Sozialismus in Osteuropa blieb im Prinzip der Verstaatlichung ganzer
Gesellschaften stecken. Beschneidung individueller Initiative,
Auschaltung des Preises als Bewusstseinshilfe für ökonomisches
Handeln, Entmündigung der wirtschaftlich Tätigen durch die Planbürokratie
führten das System ad absurdum. Der Versuch, eine hochkomplexe
moderne Gesellschaft nach dem Muster einer theokratischen
Tempelwirtschaft von oben zu lenken, musste ökonomischen Mangel und
politischen Zwang produzieren, gegen den das moderne Bewusstsein
rebellierte, und damit fehlschlagen.
Der Ruf nach dem Staat und der Ruf nach Kooperation
In der Auseinandersetzung mit der
Planwirtschaft hat die These eine große Rolle gespielt, das
marktwirtschaftliche System habe sich so gründlich gewandelt, dass
es von der marxistischen Kritik nicht mehr getroffen werde. Dabei
wurde immer auf die soziale Rolle hingewiesen, die der Staat - vom
Ausgangspunkt der Bismarkschen Sozialgesetze bis zur heutigen
"sozialen Marktwirtschaft" - zunehmend übernommen habe.
Die Herausbildung des modernen Sozialstaats folgt der Einsicht, dass
die Selbstregulierungskräfte des Marktes nicht ausreichen, um
sozialen Frieden und ökonomische Stabilität zu gewährleisten.
Daher werden Sozial-, Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzpolitik bemüht,
um die sozialschädlichen Folgen des Selbstinteresses zu begrenzen
und ökonomische Aufgaben zu lösen, die die Kraft von
Einzelunternehmen überfordern. Aus "ordnungspolitischen"
Gründen werden hierbei jedoch nur die Bedingungen der Konkurrenz
modifiziert, das Konkurrenzprinzip als solches bleibt sakrosankt.
Die Fixierung auf den Staat, der dabei allzuzu oft schlicht als
"Reparaturbetrieb des Kapitalismus" fungiert, ist wenig
geeignet, die sozialen und ökologische Verantwortlichkeit der
"Wirtschaftssubjekte" zu wecken.
So entstehen auf der einen Seite
Anspruchsdenken und Bequemlichkeit, auf der anderen Verdrossenheit
über Reglementierung und Steuerlast. Die gegenwärtige
Finanzierbarkeitskrise des Sozialstaats hat mit beidem zu tun. Wenn
wir einen brutalen Sozialabbau nicht hinnehmen wollen, werden wir
nicht umhin können, nach neuen, aus dem Wirtschaftsprozess selbst
erwachsenden Formen bewusster und konkreter Solidarität zu suchen.
An die Stelle des Rufs nach dem Staat wird der Ruf nach Kooperation
treten müssen. Nur so werden wir auch Antworten finden können auf
die weltweit ständig wachsenden ökologischen und ökonomischen
Ungleichgewichte, auf die Verelendung ganzer Kontinente.
Auf der Suche nach dem "Dritten Weg"
Die Sehnsucht nach einer menschenwürdigen
Ordnung des ökonomischen Lebens hat immer wieder zur Suche nach
einem "dritten Weg" geführt, zu Versuchen, einen libertären
"Sozialismus mit menschlichen Antlitz" zu entwickeln.
Diese Versuche reichen von anarchistisch-sozialistischen
Experimenten über das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell, die
Ansätze der Alternativenbewegung und den Prager Frühling bis zu
Gorbatschows Konzept einer sozialistischen Marktwirtschaft. Auch das
"Ahlener Programm" der CDU nach dem zweiten Weltkrieg darf
nicht unerwähnt bleiben.
Lange Jahre ruhten die Hoffnungen vieler vor
allem auf dem jugoslawischen Modell eines
"Selbstverwaltungs-Sozialismus", in dem "die
arbeitenden Kollektive nicht nur von den Behörden festgelegte
Produktionsaufgaben zu erfüllen haben, sondern selbst über alle
Produktions- und Verteilungsfragen entscheiden"
sollten. Aus den Erfahrungen mit diesem Modell ist manches zu
lernen: Es scheiterte u.a. daran, dass sich zwar Belegschaftsorgane
von unten bildeten, jedoch kein wirkliches Kooperationsnetz zwischen
den Wirtschaftseinheiten entstand. An die Stelle der von oben
verordneten Solidarität trat auf diese Weise vielfach ein
"Kollektivegoismus" gegeneinander konkurrierender
Belegschaften. Regionale Disproportionen wurden nicht abgebaut,
sondern verschärft, eine der Quellen der heutigen Konflikte in
diesem Raum. Die betriebliche Demokratie führte häufig zu
Ineffizienz und öffnete Cliquenwirtschaft und
Selbstbedienungsmentalität das Tor. Viele Industriemanager nutzten
die Schwächen des Systems, um für sich Pfründe und Privilegien zu
ergattern.
Das Experiment des Prager Frühlings konnte
nicht zu Ende geführt werden, sondern wurde gewaltsam abgebrochen.
Gorbatschows Reformen schließlich blieben stecken oder kamen zu spät.
So kann man sagen, dass der Begriff des
"dritten Weges" nicht ganz ohne Grund in Misskredit
geraten ist. Zu oft blieb er verschwommen, oder wurde durch einen
Synkretismus von Plan- und Marktelementen gefüllt. Die wirkliche
Auflösung einer Alternative muss aber mehr sein als ein Kompromiss
zwischen ihren beiden Seiten. Sie muss vorhandenen Einseitigkeiten
wirklich überwinden und eine neue Lösung des Ausgangsproblems
bieten.
Assoziative Wirtschaft
Der Versuch einer solchen Lösung ist Rudolf
Steiners praktisches Konzept einer assoziativen Wirtschaft. Auf die
Frage, wer - wenn Staat und Markt sich dazu als unfähig erweisen -
für die Herstellung der lebensnotwendigen Gleichgewichtsbedingungen
der Ökonomie sorgen soll, gibt dieses Konzept eine einfach
klingende, aber überaus folgenreiche Antwort: Die wirtschaftenden
Menschen selbst - durch die Kooperationsbeziehungen, die sie
miteinander eingehen.
Das Wort "Kooperation" ertönt in der
neueren Diskussion über Wirtschaftsfragen immer häufiger.
Dabei geht es zwar häufig nur um "strategische Allianzen"
als Waffe im Konkurrenzkampf. Doch spielt auch die Frage verlässlicher
Partnerschaften z.B. mit Zuliefererbetrieben eine gewichtige Rolle.
Der assoziativwirtschaftliche Ansatz geht noch weiter, indem er die
Zusammenarbeit zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Handel - bezogen
auf die Region oder die Branche - zum entscheidenden
Gestaltungselement des Wirtschaftslebens machen will. Das ist gerade
heute von gesteigerter Bedeutung. Denn die wachsenden
wirtschaftlichen Probleme erfordern immer mehr den Blick für das
Ganze, lassen sich immer weniger aus rein betriebswirtschaftlicher
Perspektive angehen.
Zusammenarbeit im Wirtschaftsleben braucht
Organe. Diese Organe fehlen uns heute, und deshalb finden wir
nirgendwo den Ort, wo wir die Frage z.B. nach gerechter
Preisgestaltung so stellen können, dass Ansatzpunkte zu realen
Verbesserungen entstehen. "Assoziation" ist zunächst
nicht mehr als der Inbegriff solcher Organbildung, wie immer diese
im einzelnen aussehen mag.
Solche dem Wirtschaftsleben einzubildenden
Organe sind zunächst Begegnungs- und Beratungsorte, an denen sich überhaupt erst
Bewusstsein für die Lebensbedingungen der Partner als Voraussetzung
konkreter "Brüderlichkeit" bilden kann. Sie sind Organe der Selbstverwaltung der
wirtschaftlich Tätigen: und Selbstverwaltung ist das der Mündigkeit
des einzelnen angemessene moderne Sozialgestaltungsprinzip par
excellence. Im Wirtschaftsleben muss dieses Prinzip allerdings eine
besondere Färbung annehmen: Die Arbeitsteilung führt zur
Segmentierung des Erfahrungsfeldes. Um überhaupt Handlungsfähigkeit
in bezug auf das Ganze möglich zu machen, müssen
Selbstverwaltungsorgane auf diesem Feld Organe der gegenseitigen Ergänzung
der wirtschaftlichen Sacherfahrungen, des in der jeweiligen
Wirtschaftspraxis erworbenen Realitäts-Gespürs der beteiligten
Praxisvertreter (nicht Funktionäre!) sein. So sind die
Assoziationen Organe
des Erfahrungsaustauschs. Erst die so zusammenklingenden
Erfahrungen können die Grundlage sinnvoller Urteile sein, an denen
der einzelne sein Verhalten im Hinblick auf dessen Folgen für das
Ganze überprüfen kann. Im Wirtschaftlichen zählt nicht das
Einzelurteil, sondern die gegenseitige Ergänzung der Urteilskraft.
Insofern sind die Assoziationen Organe selbsttätiger Vernunft, in denen "objektiver
Gemeinsinn" (Rudolf Steiner) gepflegt werden kann.
Begegnung und Wahrnehmung sind kein
Selbstzweck, sondern die Bedingung für verbindliche Zusammenarbeit,
für gemeinsam getragene soziale und ökologische Verantwortung.
Assoziationen sind durchaus Verbindlichkeitsorgane. Sie sind dies
allerdings nicht im Sinne zwanghafter Normierung des Verhaltens der
einzelnen. Verbindlichkeit kann sich in ihnen nur von unten, auf der
Basis der Freiwilligkeit bilden. Inbegriff frei eingegangener
Bindung sind Verabredung und Vertrag. Assoziationen tendieren daher
dazu, Vertragsorgane
zu werden.
Rudolf Steiner bezeichnete seinerzeit die Frage
nach dem gerechten Preis als die Kardinalfrage des
Wirtschaftslebens. Diese Frage ist aber eben keine im gewöhnlichen
Sinne ethische Frage, sie ist vielmehr die Gleichgewichtsbedingung für
das ökonomische Leben. Am Preis hängt das Einkommen, und am
Einkommen hängt, ob der einzelne nachfragen kann, was er braucht,
was zugleich aber die Bedingung dafür ist, Leistungen für andere
erbringen zu können. Deshalb muss die Verzerrung des Preisgefüges
letztlich das Leistungsgefüge untergraben. Richtige Preise kann man
- soweit ist die Marktwirtschaft gegenüber der Planwirtschaft
durchaus im Recht - nicht dekretieren. Aber man kann
"konzertierte Aktionen" - z.B. in bezug auf Mengen -
verabreden, die dazu führen, dass das sozial wünschenswerte
Preisgefüge sich nach und nach einstellt! Assoziationen wären Organe
des Preisgesprächs, an denen solche Verabredungen getroffen
werden können.
Unter den Bedingungen der Arbeitsteilung, ist
der einzelne nicht mehr einfach "seines eigenen Glückes
Schmied". Er wird abhängig von den anderen. Assoziationen sind
daher auch Schutzorgane, durch die
sich Initiativen gegenseitig unterstützen und tragen, durch die
wirtschaftliche Entwicklung auch im regionalen Kontext gefördert
wird. Diese Schutzfunktion bedeutet selbstverständlich keine
Bestandsgarantie für wirtschaftliche Ineffizienz, sondern soll
gerade notwendige wirtschaftliche Initiative ermöglichen.
Praktische Ansätze
Nach ersten Versuchen im Sinne eines
kooperativen Wirtschaftens in der "Dreigliederungszeit" -
die allerdings wie die "Kommende Tag AG" noch nicht als
Assoziation im eigentlichen Sinne des Wortes bezeichnet werden dürfen
- ist lange Zeit auf diesem Felde in der Praxis recht wenig
geschehen. Die wenigen Beispiele z.B. von
Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften in der Landwirtschaft waren zu
eng dimensioniert, um wirkliche Modelle einer anderen
Wirtschaftsweise darstellen zu können. So entbehrt es nicht der
Tragik, dass 1989 in Ost- und Ostmitteleuropa für die zunächst
durchaus der Suche nach einem dritten Weg verpflichtete
Umbruchbewegung kaum praktische Erfahrungen des Wirtschaftens im
Westen vorlagen, an denen man hätte anknüpfen können.
Unter diesen Bedingungen gewinnt jeder Versuch,
neue Formen der Zusammenarbeit im Wirtschaftsleben zu realisieren,
doppeltes und dreifaches Gewicht. In der letzten Nummer dieser
Zeitschrift hat Christian Czesla einen solchen Versuch, die Arbeit
des "Verbundes Freie Unternehmensinitiativen",
geschildert. An Initiativen wie der dort dargestellten hängt nicht
weniger als die Glaubwürdigkeit und damit die Zukunftsperspektive
des assoziativwirtschaftlichen Ansatzes in unserer Gesellschaft.
Widerlegen sie doch praktisch die These, dass Brüderlichkeit im
Wirtschaftsleben bloße Utopie sei! Dass gerade der Naturkostbereich
im "Verbund" stark vertreten ist, erscheint von besonderer
Bedeutung, - ist doch die Entwicklung von sinnvollen
Kooperationsformen mit Handel und Verbrauchern eine Überlebensfrage
für die biologisch-dynamische Landwirtschaft geworden. Vieles mag
an diesem Versuch anfänglich und unvollkommen erscheinen, aber ein
Anfang ist eben gelungen. Zu hoffen ist auf starke Resonanz und
breite Unterstützung, auch durch Kredite und Beteiligungen!
Neben der Förderung solcher Ansätze im
kleinen wird es darauf ankommen, aktuell praktikable Lösungen für
die großen Probleme z.B. der Arbeitslosigkeit und der sozialen
Sicherheit zu formulieren, die zugleich Schritte auf dem Weg zu
einer assoziativen Wirtschaft sein können.
Anmerkungen
[1]
Siehe z.B. Heinz Hartmut Vogel, Jenseits von Macht und Anarchie.
Die Sozialordnung der Freiheit, Köln und Opladen 1963,
besonders S. 131
[2]
Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus.
Entstehung, Entwicklung, Zerfall. München 1979, 3 Bände. Band
3, S. 516.
[3]
Eine ausführliche neuere Darstellung des Assoziationsproblems
bietet das Buch von Udo Herrmannstofer: Scheinmarktwirtschaft.
Arbeit, Boden, Kapital und die Globalisierung der Wirtschaft.
Stuttgart 1991, 3. Auflage 1997.
[4]
Vgl. F. Glasl, B. Lievegoed: Dynamische Unternehmensentwicklung
- Wie Pionierbetriebe und Bürokratien zu schlanken Unternehmen
werden. Bern-Stuttgart 1993.
[5]
Assoziatives Wirtschaften führt auch zu einer anderen Art des
Umgangs mit Eigentums, Geld und Boden, führt zu neuen Formen
der Zusammenarbeit der Mitarbeiter eines Betriebes
untereinander. Dies im einzelnen darzustellen liegt außerhalb
der Möglichkeiten dieser knappen Skizze.
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